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Theater der Jungen Welt: Knochenarbeit, Verblüffung, Generationen - Jürgen Zielinski im interview

Daniel Thalheim
Theaterintendant Jürgen Zielinski.
Theaterintendant Jürgen Zielinski.
Foto: Daniel Thalheim
Jürgen Zielinski ist seit zehn Jahren Intendant am Theater der Jungen Welt. Er hält es noch länger in Leipzig aus. Denn sein Theater am Lindenauer Markt schrieb Erfolgsgeschichte nach dem Dornröschenschlaf nach "Wende" und Wiedervereinigung. Anspruchsvolles Qualitätstheater verblüfft so ziemlich jeden Erstbesucher, der wohl eher eine Laienspieltruppe erwartete. Jürgen Zielinski erzählt pünktlich zum Jubiläum, worum es ihm und seinem Theater geht.

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Zehn Jahre sind Sie hier schon Intendant. Wie fanden Sie das Theater der Jungen Welt vor?

Ich fand ein Theater vor, das sich quasi im Dornröschenschlaf befand. Nach der Wende war ich der erste "Wessi"-Regisseur beim Theater der Freundschaft in Berlin. Als ich hierher kam, empfand ich die Situation ähnlich wie damals in Berlin. Ich habe mich bewusst für Leipzig und die damit verbundene Herausforderung entschieden.

Warum?

Dieses Theater hier war wieder zu entdecken und wieder zu beleben. Im übrigen glaube ich, es ist weitaus schwieriger, ein gut laufendes Theater zu übernehmen. Da wird man oft gefragt, woran es zu merken ist, wann ein Theater erfolgreich läuft, in die „Bundesliga aufsteigt“ und dergleichen... Dann sage ich: Zuschauer sind nicht alles. Es geht auch um bundesweite und internationale Wahrnehmung. Und das haben wir geschafft.

Konkurrenz ist dabei ungemein belebend – auch für mich persönlich. Als ich hier ankam, habe ich nachts, wenn ich nicht schlafen konnte, meine Ideen aufgeschrieben, um weiter schlafen zu können. Dazu kam, dass meine Intendanz noch mit einer Bausteuerung verbunden war.

Gesellschaftskritik: "Aus der Traum" premierte im September bei großem Erfolg.
Gesellschaftskritik: "Aus der Traum" premierte im September bei großem Erfolg.
Bild: TdjW/Presse

Wieso das?

Als ich anfing, spielte das Theater der Jungen Welt auf dem Jahrtausendfeld in einem Zelt. Parallel dazu wurde am Lindenauer Markt das Theaterhaus saniert. Und dieses Haus musste ins Bewusstsein der Leipziger gebracht werden. Ich wusste, dass das TdJW umstritten war, dass man versuchen könnte, es an ein anderes Haus anzugliedern oder oder – Szenarien für solche Vorgänge gab es auch damals schon genug. Eine meiner ersten Maßnahmen war eine enorme Erhöhung der Spieldichte.

War das schwer?

Mir ging es damals nicht nur darum, den Beweis anzutreten, dass dieses Theater funktioniert, es ging mir auch darum, die Leute innerhalb des Teams wieder zu motivieren. Ich will nicht sagen, dass vor dem Intendantenwechsel alles schlecht war. Ich sah hier eine gute Aufbauarbeit. Aber hier stellten sich auch Fragen nach dem Image und anderen Dingen. Nach und nach gingen mehr und mehr Türen auf. Besser gesagt, es wurde leichter, Türen zu öffnen. Denn von alleine passiert nichts.

Es war harte Knochenarbeit. Angefangen von der Ausstattung des neuen Hauses bis hin zur Bühnentechnik. Es war und ist ein dauerhaftes Ackern in einem kleinen oasischen Ort. Dass die Zuschauerzahlen seitdem gestiegen sind, belohnt diese Mühen.

"Mein Kampf" war in der vergangenen Saison der Renner.
"Mein Kampf" war in der vergangenen Saison der Renner.
Foto: Frank Schletter

Was ist dabei wichtig?

Bei der Arbeit in einem Stadttheater ist es wichtig, sich nicht nur auf die eigene Bühne zu beschränken – das halte ich für falsch – sondern auch raus, in den öffentlichen Raum zu gehen. Von Anfang an hieß die Aufgabe, Aufmerksamkeit zu erzeugen. Wir als Theater mit „dezentralem Standortnachteil" versuchen, uns immer und überall in Erinnerung zu bringen.

Wie kommt das an?

Manche Leipziger sagen immer noch: Ach das Theater gibt's noch!? Oder: Das war doch mal im Zoo! Oder: Das war doch mal im Weißen Saal! Und dann tauchen wir plötzlich mit unseren Stücken überall in der Stadt auf. Ob im Stelzenhaus, am Karl-Heine-Kanal, im Institut Francais oder in der Moritzbastei – es ist ein Konzept von mir, immer wieder neue Spielorte zu erschließen. So haben wir, ausgehend vom Theaterhaus, eine Art Konzentrik in der Stadt entwickelt, um uns eine gewisse Aufmerksamkeit zu sichern.

Wie erreicht man die?

Ein wichtiges Kriterium unserer Arbeit ist eine persönliche Gesprächsbasis mit Stadtverwaltung und Stadtpolitikern für die Entdeckung von bislang ungenutzten Potenzialen. Denn: Wir machen Theater für die Stadt. Darüber hinaus bemühen wir uns auch nach Kräften, internationale Anknüpfungspunkte zu finden. Ob das eine Städtepartnerschaft, ein Gastspiel, wie im japanischen Okinawa oder in Herzliya oder eine andere Kooperation, wie mit dem Jungen Schauspiel Zürich, ist – alles kommt uns und Leipzig entgegen.

Zehn Jahre Intendanz und es geht vorwärts - Jürgen Zielinski.
Zehn Jahre Intendanz und es geht vorwärts - Jürgen Zielinski.
Foto: Daniel Thalheim

Solche Kooperationen laufen recht gut derzeit, oder?

Ja, ... könnte noch mehr sein. Wirtschaftlich bringt das auf den ersten Blick nicht soviel, aber wir wollen, dass am Ende eine schwarze Null steht. Die Kunst des Theatermachens besteht auch in der maximalen Organisierbarkeit: So innovativ wie möglich, aber mit so viel Innovation, wie man sich leisten kann.

Und gesellschaftlich?

Es bewegt die Menschen immer, wenn Theater gesellschaftliche Fragen stellt, Jugend, Alltag und Perspektiven thematisiert. Zwar bedeutet Stadttheater auch immer Produktionsenge. Auch da habe ich Anstrengungen unternommen: Wir haben die Position des „Weißen Flecks“ in unserem Spielplan eingeführt, die uns einfach einen größeren Freiraum im Hinblick auf die Entwicklung von Projekten und eine flexiblere Reaktion auf aktuelle gesellschaftliche Ereignisse ermöglicht. Ich lese gerade "Heart of the city", ein Sonderheft von "Theater der Zeit". All das, was teilweise dort hochintellektuell eingefordert wird, haben wir eigentlich schon gemacht.

Beispielsweise?

Der Aspekt Migration beispielsweise in der Performance "Hotel Babylon". Stellen Sie sich vor: Da stehen 20 Betten in einem Raum. Es gibt ein Video mit entspannender Musik. Das zeigt Menschen aus den verschiedensten Ländern der Welt, wie sie leben, wie sie arbeiten, wie jemand in Thailand Shrimps schält oder in New York Taxi fährt. Impressionen des Alltags eben. Jeweils 20 Zuschauer werden von Schauspielern in diesen Raum geführt und zu Bett gebracht. Auf ein Zeichen hin kommen 20 Migranten, setzen sich mit einem Buch oder anderen Gegenständen an ein Bett und erzählen in ihrer Landessprache aus ihrem Leben – ganz so wie die Oma ihrem Enkel eine Gutenachtgeschichte erzählt. Auf ein anderes Zeichen hin kommen sie mit den Zuschauern in den Betten in den Dialog. Eine wunderbare Erfahrung für die Zuschauer.

Kindert- und Jugendheater im Theaterbus.
Kindert- und Jugendheater im Theaterbus.
Bild: TdjW/Presse

Welche Themen noch?

Neue gesellschaftliche Kommunikationsformen finde ich spannend. Der Aspekt von Vereinzelung, aber auch der demographische Faktor erscheint mir nicht hinlänglich beleuchtet.

"Hotel Babylon" haben wir übrigens gemeinsam mit dem Max-Klinger-Gymnasium und der International School realisiert. Das nur so als Beispiel zum Thema Migration, Theater im öffentlichen Raum, Theater der Partizipation. Ganz wichtige Indizien dafür, dass sich der konventionelle Theaterbegriff auch dahingehend verändert hat, dass nicht nur zunehmend Sehen gewünscht ist, sondern auch das Reden und (Mit)Spielen. So war das auch bei "Kinder des Holocaust" – ein Partizipationsprojekt unter Beteiligung von Studenten und Jugendlichen. Auch die Entscheidung, einen studentischen Chor in "Mein Kampf" zu besetzen, hatte mehrere Gründe – und den angenehmen Nebeneffekt, dass wir mehrere Generationen zusammenführten, wie bei den anderen Stücken auch. Auch so kann Stadttheater ein Stadtgespräch sein, ohne ständig nur darüber zu reden, wie schwierig alles ist.

Da gibt es schon einiges...

Nun ja, ... ich sehe bei uns eine Mixtur aus ehemaligen Abonnenten des Schauspiels und frischem jugendlichen und studentischen Publikum. Den Dialog zwischen den Generationen zu befördern ist unsere Zielstellung. Und das geht zunehmend auf. Wir sehen das aktuell an unseren Abendvorstellungen, die neben Schulklassen mehr und mehr auch von Erwachsenen besucht werden. Am Abend ins Theater zu gehen, ist für Jugendliche etwas anderes als der schulisch verordnete Besuch in den Vormittagsstunden. Die Kids kommen gerne zu später Stunde.

Um was geht es dem Theater der Jungen Welt?

Uns geht es um die Versinnlichung dessen, was wir wahrnehmen, ohne daraus eine Wissenschaft zu machen. Sich künstlerisch daran zu orientieren, was die Realität ausmacht, ist fester Bestandteil dieses Theaters. Auf der anderen Seite darf man nicht in die Realismusfalle tappen. Gerade Jugendliche neigen dazu, alles wie einen Spielfilm wahrzunehmen. Wichtig ist, ihnen deutlich zu machen, jetzt seid ihr im Theater und nicht im Kino oder in einem Rockkonzert. Uns geht es um die Lernförderung durch die Erkenntnislust beim Zuschauer, welche den Wissensdurst nach sich zieht. Insofern sind wir auch ein außerschulischer Lernort. Aber wie der genutzt wird, liegt auch beim Lehrer und dessen Schule.



Für viele ist das TdJW vielleicht noch ein Nischenprodukt. Wie seht ihr das?


Unsere Außenwirkung ist enorm gestiegen. Man kennt uns mittlerweile. Da gibt es schon einen höheren Wachheitsgrad.

Wie schauen die Leute auf euch?

Vielleicht ist es auch so, dass wir neben dem Leipziger Schauspiel als das kleinere Theater wahrgenommen werden. Dadurch erfahren wir aber auch eine andere Aufmerksamkeit. Wenn die Leute nämlich zu uns kommen, sind sie hinterher oft verblüfft von dem, was sie gesehen haben. Ich weiß nicht, welches Bild Menschen von unserem Theater haben.

Ob sie glauben, dass wir durch weniger Subventionen gleich ein Viertel weniger Qualität liefern. Das Gegenteil dessen löst dann oft die Verblüffung aus, hier richtiges Theater mit richtig guten Schauspielern zu finden. Wenn man Geld hätte, müsste man dazu eine witzige Marketingstrategie entwerfen, aber da wir das nicht haben, nutzen wir andere Mittel.

Welche denn?

Partner finden - wie zum Beispiel das Herzzentrum in der letzten Spielzeit. Mit solchen Kooperationen erreicht man auch ein anderes Publikum. Es ist nicht unsere einzige Kooperation, aber unsere auffälligste und möglicherweise wirksamste.

Da wir von Marketing sprechen: Unsere ersten Marketingmaßnahmen waren Gastspiele auf den kleineren Bühnen mit unserem Puppentheater. Diejenigen, die einmal so ein Puppentheaterstück gesehen haben, kommen immer wieder. Nehmen Sie zum Beispiel das Stück "Fische & Süßer Brei" für Kinder ab 2 Jahren – ich glaube jede junge Mutti in Leipzig und Umgebung geht mit ihren Kindern rein. Ich finde Puppenspiel vom Ansatz her enorm wichtig. Für Kinder hat das Puppenspiel immer noch eine ganz besondere Magie.

Woher kommt das?

Vor allem in Ostdeutschland gibt es traditionell eine besondere Beziehung zum Puppentheater und somit haben wir hier auch eine ganz andere Verbindung zum Publikum. Im Theater erleben die Zuschauer diese wunderbare Situation, dass die Stücke nicht „realo-haftig“ sind, dass die Formen und die Magie des Theaters eine andere Wirklichkeit herstellen. Dass das in der schnelllebigen, bildüberfrachteten Zeit eine solch enorme Faszination auslöst, finde ich toll. Ich bin in der festen Überzeugung, dass ein eindrucksvoller Theaterbesuch einen Folgebesuch nach sich zieht. Wenn wir ein Publikum zehn Jahre lang begleiten, wächst das Publikum mit. Die Kinder von heute sind die Erwachsenen von morgen und die bringen wieder ihre Kinder mit.

Wird das Kindertheater unterschätzt?

Ich denke, es ist wichtig, dass Theater zweckfrei ist. Gerade Theater für Kinder. Die Freude am Rätseln soll meiner Meinung nach bleiben. Vielleicht gehen die Leute mit einem Ausrufezeichen in ihrem Kopf heraus, wenn sie vorher mit einem Fragezeichen hinein gegangen sind. Es ist schon faszinierend zu sehen, wie „erwartungsnervös“ Kinder sind. Denn schließlich ist dieses Theater für sie. Mal abgesehen vom Familien- und Jugendtheater. Selbst die Jugendlichen kann man im Theater noch verblüffen. Das klappte beispielsweise mit "Zerreißprobe Faust" ganz gut. Das hätte ich nicht gedacht.

Warum?

Auf der einen Seite haben wir Beschwerden bekommen. Auf der anderen Seite kamen Gymnasialklassen zu uns, die sich vorher mühsam mit dem "Faust" von Goethe beschäftigt hatten. Bei denjenigen, die überhaupt keinen Bock drauf hatten, ging dieses Stück durch die Decke.

Aussichten?

Nun ja, ... wenn man das eine Stadttheater verkleinern würde und unseres dafür vergrößern,... damit hätte ich kein Problem. (Lacht) Natürlich noch mehr Besucher und ein tolles Theaterprogramm.

Vielen Dank für das Interview, Herr Zielinski.


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