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Generation Occupied: Leipziger Theatertruppe hinterfragt Flashmob-Kultur

Daniel Thalheim
Plakatmotiv für "Generation Occupied" der Gruppe Tag.
Plakatmotiv für "Generation Occupied" der Gruppe Tag.
Bild: Gruppe Tag / Robert Gitter
Liedermacher Konstantin Wecker findet's gut. Menschen okkupieren öffentliche Plätze, veranstalten ungewöhnliche Dinge und gehen wieder. War das eine Demonstration oder ein Spaß? Die Botschaft steckt meistens unter dem Deckmäntelchen der Ironie. " Occupy" wird das genannt. Die Leipziger Theatergruppe "Tag" hinterfragt am 14. Januar mit dem Stück "Generation Occupied" die "Occupy"-Bewegung. Dramaturg Daniel Schade erzählt mehr im Interview.

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Nicht nur der "Spiegel" bezeichnete das Streik-Flashmob-Phänomen als "Bewegung". Was ist Generation Occupy - Revolution oder Flashmob?

Flashmobs zeigen, dass die sozialen Netzwerke des Web2.0 nicht nur aus Zahlenwolken und Niederspannung bestehen, sondern das Attribut "sozial" auch verdienen. Es besteht aber ein deutlicher Unterschied zwischen einer gezwitscherten Kissenschlacht auf öffentlichen Plätzen und klandestinen Verabredungen, um etwa einer ägyptischen Polizeikontrolle zu entgehen oder spontan in Teheran zu demonstrieren. Was hier als Happening endet, ist dort notwendiger Anfang jeder politischen Aktion.

Ist die Occupy-Bewegung eine geschlossene Organisation?

Nein, die "Generation Occupy" ist ganz sicher keine geschlossene Bewegung. Sie ist nicht einmal eine Generation, wenn damit gemeint sein soll, dass die Demonstranten in Tunesien, Ägypten, Libyen oder Syrien mehr mit den versprengten Resten einer "westlichen" Linken gemein hätten, als einen Internetzugang und eine gehörige Portion Empörung.

"Allgemeiner Systemfehler", Aufführung der Gruppe Tag im UT Connewitz 2011.
"Allgemeiner Systemfehler", Aufführung der Gruppe Tag im UT Connewitz 2011.
Bild: Gruppe Tag / Stefan Kuche

Was ist es dann?

Eine soziale Bewegung dagegen schöpft aus ihren vitalen Organen ein Programm und ist in der Lage für dessen Umsetzung zu kämpfen. Und vielleicht liegt hier ja doch ein intragenerativ verbindendes Moment und Stoff für neue transnationale Verknüpfungen: Mehr politisch am Anfang zu stehen, als je zuvor. Die sogenannte "Occupy-Bewegung" ist also höchstens eine Keimzelle, die noch gehörig in Bewegung kommen muss, will sie jemals glaubwürdig den Anspruch erheben, die erste Welle einer globalen revolutionären Bewegung zu sein, die die Eigentumsordnung ernsthaft in Frage stellt. Alles andere ist der wundersamen Selbstbewegung der deutschen Presse zuzuschreiben. Verbrenne alle deine Abos!

Warum habt ihr das "occupy" in eurem Titel in die Vergangenheit gesetzt? (Occupied) - Ein Abschied eurerseits auf Generation Occupy, gar eine Kritik?

Entscheidender als die Vergangenheit ist das Passiv der Titelformulierung. Es geht darum, dem politischen Imperativ des "Occupy!" seine Gegenthese vorzuhalten und mit seinen gerade im Englischen vielseitigen Bedeutungen zu konfrontieren, ... wie "beschäftigt" und "belegt". Zugegebenermaßen haben wir uns nach langen Diskussionen bewusst für diesen eher provokativen Titel entschieden, um im großen Rauschen der Veranstaltungsankündigungen aufzufallen, auch wenn wir mit so einem Titel sehr viel behaupten und dem Stück eine Hypothek aufbürden.

Worum geht's im Stück?

Es geht uns in dem Stück um etwas Grundsätzliches, das auch die sogenannte "Occupy-Bewegung" betrifft. Wir versuchen selbstkritisch die Bedingungen zu hinterfragen, an denen eine Revitalisierung sozialer Bewegungen hierzulande scheitert. Dieser Skeptizismus gegenüber den Möglichkeiten einer politischen Organisierung scheint uns jedenfalls eher eine glaubwürdige Signatur unserer Generation zu sein als jener allzu optimistische Ruf nach Besetzungen, die in Deutschland derzeit sowieso beinahe unmöglich sind.

Gruppe Tag: "Schlangenmenschen" im UT Connewitz 2011.
Gruppe Tag: "Schlangenmenschen" im UT Connewitz 2011.
Bild: Gruppe Tag / Stephan Kuche

Im Kern heißt das?

Wir fühlen uns also eher als Teil einer Generation, die den Ansprüchen einer kampfstarken Organisierung ihrer Interessen nicht mehr gewachsen ist, als Teil einer Bewegung, die die herrschenden Machtverhältnisse wirklich in Frage stellen kann. Das heißt nicht, dass niemand mehr Widerstand leistet. Aber alles in allem sind es Rückzugsgefechte, Zerfallsprodukte. Diese Formen der reinen Selbtverteidigung konkret zu kritisieren, wäre Donquichotterie.

Was kritisiert ihr an der Occupy-Bewegung oder schließt ihr euch deren Kritik an den vorherrschenden Verhältnissen an?

Wir kritisieren im Stück nicht die "Occupy-Bewegung", sondern geben höchstens einen allzu naiven Aktivismus der Lächerlichkeit preis. Die sogenannte "Occupy-Bewegung" ist so plural, hybrid und virtuell, gespickt mit einer ganzen Bandbreite an politischen Forderungen.

Das könnte aber auch Fragen aufwerfen, oder?

Es dürfte ihr schwerfallen, eine verbindliche Kritik in einen überzeugenden Gegenentwurf von weltweiter Bedeutung zu gießen. Die Vielstimmigkeit und grenzenübergreifende Vernetzung ist zwar eine Stärke, aber auch eine Schwäche.

Sollte jedoch wider Erwarten in langjähriger politischer Arbeit irgendwann ein aufrichtiges Programm aus schlagkräftigen Occupy-Organisationen entstehen, schließen wir uns vielleicht tatsächlich an. Denn mal ehrlich: Dass sich an der Eigentumsordnung etwas ändern muss, das ist doch eine über 200-jährige Binsenweisheit.

Auf euren Blog schreibt ihr, dass ihr undogmatisches Theater abseits des "Agitprop" und "Moralanstalt" betreibt. Was heißt "undogmatisch"?

Undogmatisch heißt hier, dass wir von allem freien Gebrauch machen, wie, wann und wo wir es für sinnvoll und zweckmäßig halten, ohne dass sich daraus eine allgemeinverbindliche Regel ableiten ließe. Das betrifft sowohl die Darstellungsmittel, Genreeinordnungen und konkreten Inhalte der Theaterstücke, also den gesamten "Bühnenapparat" und dramaturgischen Aufbau.

Was zeigt ihr?

Die handelnden Figuren sind keine Protagonisten, mit deren politischen Haltungen sich das Publikum bruchlos identifizieren soll, um diese dann im Alltag zu reproduzieren. Wir wollen zeigen, aber nicht benennen, Distanzen wahrnehmbar machen, anstatt Identitäten zu bestätigen, berechtigte Fragen motivieren, aber keine fertigen Antworten verkaufen. Kurz: Wir haben uns keiner Schule verschrieben und keine Denkverbote auferlegt, unsere letzte Grenze sind wir selbst.

Vielen Dank.

Auftrittstermine, Hintergründe und mehr auf der Webseite der Gruppe "Tag":

www.gruppetag.de


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