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Intershop in der Leipziger Oper: Junge Choreografen des Leipziger Balletts empfehlen sich

Karsten Pietsch
"Intershop"-Tage an der Leipziger Oper.
"Intershop"-Tage an der Leipziger Oper.
Bild: Andreas Birkigt
Ein ganzer Abend Ballett-Uraufführungen, neun neue Choreografen-Namen, eine Überfülle an Einfällen! Am Wochenende vom 13. bis 15. Januar ließen Leipziger Tänzer ihre Kollegen der international besetzten Company tanzen. Gespielt wurde nicht das Repertoire, nicht die bekannten Musiken. Zu „Zwischen.Welten“ lud man ins Kellertheater ein, in der Reihe „Intershop“, die Ballettchef Mario Schröder schon zu Beginn seiner Amtszeit begründete, als die Zuschauerstühle mit auf die große Opernhausbühne gestellt wurden.

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„Zwischen.Welten“

Dort unten, im Kellertheater, sind Bühne und Saal eins, kaum Distanz zwischen Akteuren und Publikum. Ende der 60er Jahre quasi als Provisorium auf Dauer geschaffen, gab es früher fast jeden Abend Vorstellungen, zumeist Schauspiel, für gerade mal rund 100 Zuschauer, Publikum wie Darsteller liebten die Atmosphäre.

„Zwischen.Welten“ ist ein Blindflug fürs Publikum. Allenfalls aus dem achtbar gestalteten aber 2 Euro teuren Programmheft könnte man ein paar Informationen vorab erhalten. Auf gelbliches Papier Schrift in orange zu setzen, ist freilich Schwachsinn.

Neun neue Choreografen-Namen, eine Überfülle an Einfällen - "Intershop" an der Leipziger Oper.
Neun neue Choreografen-Namen, eine Überfülle an Einfällen - "Intershop" an der Leipziger Oper.
Bild: Andreas Birkigt

Kein Kammertanz

Schon am Besetzungszettel wird klar, dass das kein Kammertanz wird, im Sinne von sparsam eingesetztem Personal. Benjamin Poirier beschäftigt in „Point d’Interrogation“ gleich 14 TänzerInnen, spielt in Licht und Kostümen mit ultravioletten Elementen schwarzen Theaters. Ilja Bukharov ist in zwei Soli sein eigener Choreograf. Oliver Preiß tanzt mit Romy Avemarg seine Szene „Part II“ zu den Bedienungsanleitungen von IBM 1403 und IBM 1974, und dazu erklingt geisterhaft digitalisiert Ingeborg Bachmann.

„Die Liebe in Gedanken“ von Tina Slabon ist eine vertanzte Briefschreiberei. Federica Vincifori hat ein größeres Stück für vier Tänzer mit dem Titel „Splash“ geschaffen. „Ich gehe so oft durch die Stadt, und wirklich viele Leute schauen unheimlich grimmig und wirken so abgehetzt“, erzählt sie im Programmheft, und will sich gern vorstellen „was passiert, wenn sie einen Spritzer, also einen Splash, Lebensfreude bekommen würden?“ Klar, Federica Vincitori vermutet, dass sie dann anfangen zu tanzen! Zu Vivaldi! Denn: „Manchmal braucht es den Klecks Farbe im Leben, um von Moll zu Dur umzuschwingen!“

Alles Trick

Von Trauer und Trauernden erzählt Tenald Zace in seinem Trio, in dem Ameli Waller tanzt, die dann Choreografin der nächsten Szene ist. Doch die gibt es nur als Film in Schwarz-Weiß und Zeitlupe. Gezeigt wird ein getanzter Rundgang durchs Opernhaus in Zeitlupe, Slapstick mit Hinfallen und Aufstehen wie zur Stummfilmzeit. Und ein gelungener Beweis dafür, wie Video auf der Bühne funktionieren kann, ohne dass sich die Kunst-Medien gegenseitig ablenken.

Menschlich-allzumenschlich-instinktiv wird es in „Human // Animal“ bei Choreograf Robert Phillips. Er erzählt aus den Welten zwischen Kultur und Trieben, Moral und Normen auf der einen Seite, tierische Instinkte auf der anderen. Aber hier bleiben es freilich die körperliche Vorgänge, Metaphern für sechs Tänzer, und es muss nichts hyperdramatisch ausgelebt werden...

Qualität und Anspruch: Ballett begeistert in Leipzig.
Qualität und Anspruch: Ballett begeistert in Leipzig.
Bild: Andreas Birkigt

Balkanhochzeit

Zuletzt bemüht der Bulgare Deniz Cakir 13 Tänzer und drei Musiker für „So a ca Mange“, eine Balkanhochzeit, zu deren aufgedrehter Umsetzung sich der Choreograf von indischen Bollywood-Filmen inspiriert fühlte, aber auch auf die eigene Familie zurückgreifen kann: zur Hochzeit seines Bruders kamen 1.250 Gäste!

Alles das an einem Abend! Zweieinhalb Stunden mit Pausen. Für so manche Idee war der Bühnenraum zu klein, manch fettes Musikeinspiel ließ es in den Lautsprecherboxen klirren. Zum Schlussapplaus treffen sich die Ensembles aller Stücke, der meist mehrfach tätigen Damen und Herren. Alle zusammen stehen dann 30 Leute mit strahlenden Gesichtern vor dem wild applaudierenden Zuschauern.

Das ist auch so etwas, um noch einmal Federica Vincifori zu zitieren: „Manchmal braucht es den Klecks Farbe im Leben, um von Moll zu Dur umzuschwingen!“ Für alle, die es noch genau nachgefragt und erklärt haben möchten, gab es hinterher noch Gesprächsrunden. Nicht zu vergessen, dass es sogar in der Pause Programm gab. Singende Tänzer mit Gitarren, Martin Svobodnik und Oliver Preiß

"intershop": Schon am Besetzungszettel wird klar, dass das kein Kammertanz wird.
"intershop": Schon am Besetzungszettel wird klar, dass das kein Kammertanz wird.
Bild: Andreas Birkigt

Ballett als Choreografen-Schule

Nachwuchs-Choreografen haben beim Leipziger Ballett seit langem ihre Chancen. Wettbewerbs-Beiträge wurden schon zu DDR-Zeiten auf der Probebühne vorgestellt, der Tänzer-Choreograf Mario Schröder war schon damals dabei. Nach der Vorstellung gab es für die Akteure mal Primel-Blümchen im Topf, weil im Winter nur selten Schnittblumen zu kaufen waren.

Tänzer von einst, wie Mirko Mahr, Michael Goldhahn und Gabor Zsitva stehen heute in der Musikalischen Komödie vor auf und hinter der Bühne. In den 90er Jahren zu Uwe Scholz Company gekommene, fanden ebenso Interesse, die Kollegen tanzen zu lassen, oder für Kollegen zu tanzen. Und fanden hier länger wirkende Berufe und Berufungen!

Zum Beispiel: Montserrat Leon hat ihr eigenes Ballett-Zentrum in der alten Baumwollspinnerei, Silvana Schröder leitet das ThüringenBallett Gera/Altenburg, Sebastian Angermaier sitzt in Leipzig am Inspizientenpult, Rémy Fichet ist Ballettdisponent und macht auch gleich noch die Videoaufzeichnung. Michael Veit tanzt und trainiert in Thüringen, Steffen Fuchs ist Ballettdirektor in Koblenz!

Wer macht sich Nachwuchs-Sorgen?

Als Udo Zimmermann Intendant wurde, und seine Leipziger Opernschule nur eine Premiere erlebte, gab es diese Art von Nachwuchsförderung beim Ballett schon längst. Um so ärgerlicher, dass die mit dem Opernhaus kooperierende Fachschule für Tanz aus kulturpolitischer Kurzsichtigkeit geschlossen wurde. Hat man daraus inzwischen gelernt?

Statt die Musical-Ausbildung der Hochschule für Musik und Theater „F. M. Bartholdy“ mit dem Opernhaus und der Musikalischen Komödie - auf welchem Verwaltungsweg auch immer - zu fusionieren, wird diese Ausbildung geschlossen, weil man mit der Qualität der Ausbildung und der Ausbilder nicht mehr zufrieden war.

Dabei hatte doch ein gewisser Felix Mendelssohn Bartholdy sein Konservatorium gerade als Brücke zwischen Praxis und Nachwuchs gegründet...


Oper Leipzig mit "Intershop" Online:

oper-leipzig.de/leipziger-ballett/veranstaltung/details/intershop-leipzig/


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