Zweistündiger Ehekrach: Centraltheaterbesucher kannten keine Angst vor "Virginia Woolf"
Eva-Maria Kasimir
20.01.2012
Katja Riemann brilliert im Stück "Wer hat Angst vor Virginia Woolf" am Leipziger Centraltheater.
Bild: R. Arnold / Centraltheater
Groß angekündigt, in Berlin gelobt. Das Stück "Wer hat Angst vor Virginia Woolf" sollte Gleiches auch in Leipzig schaffen. Am 18. Januar war Premiere im gut besuchten Centraltheater. Das Leipziger Publikum war von der Komödie angetan. Was bot der lustige Dauerzoff eines zerstrittenen Akademikerpaares tatsächlich?
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„Wenn Du überhaupt existieren würdest, ließe ich mich von dir scheiden.“ Martha und George haben sich nichts mehr zu sagen. Außer Beleidigungen und Sticheleien. Marthas Vater leitet ein College an der US-Ostküste, George ist Professor an ebendiesem College und auf seinen Schwiegervater nicht gut zu sprechen, was immer wieder Zündstoff gibt für Martha, die ihren Vater abgöttisch liebt.
Bereits bei der Leipzig-Premiere am 18. Januar ist nach den ersten zwei Minuten von „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“ klar, dass die beiden sich nicht mehr leiden können. Genauso schnell merkt das auch der junge Professor Nick, der mit seiner frisch angetrauten naiven Frau spätabends vorbeikommt. "Süße" ruft er immer zu ihr. Als sich die Paare dann auch noch kräftig zuprosten, kann es mit dem Abend nur bergab gehen.
Erstochene, dann erwürgte "Ficksau": Katja Riemann als "Martha".
Bild: R. Arnold / Centraltheater
In Edward Albees „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“ geht es um die (Un-)Tiefen von zwischenmenschlichen Beziehungen, die im Stück freigeschaufelt werden. Die Angst vor dem Unbestimmten, Unheimlichen drücken die beiden Akademikerpaare in einem Fetenscherz aus. Den Kinderreim „Wer hat Angst vor dem bösen Wolf“ arbeiten sie um zu „Virginia Woolf“. Die britische Schriftstellerin beschäftigte sich im frühen 20. Jahrhundert mit den Fragen der Emanzipation. Sie gilt als eine der vielzitierten Schriftstellerinnen der Frauenbewegung, welche die festgefügten Geschlechter-Rollenbilder verschoben und dabei wohl auch viele Ehen kräftig durchschüttelt hat.
Das seither immer noch aktuelle Thema dürfte wohl dafür gesorgt haben, dass „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“ zum meistgespielten Stück von Albee wurde, der sich erst im Alter von 30 Jahren dem Schreiben zuwandte. Eine populäre Verfilmung mit Elizabeth Taylor und Richard Burton aus dem Jahre 1962 trug sicherlich dazu bei, dass sich das Stück bis heute auf den Bühnen hält. Von Kritik und Publikum gefeiert wurde zum Beispiel die Inszenierung mit Corinna Harfouch und Ulrich Matthes am Deutschen Theater in Berlin, die bereits seit sieben Jahren im Programm ist. Gelobt wurde auch die Inszenierung von Amina Gusner am Theater und Komödie am Kurfürstendamm. Eben jene Zusammenarbeit mit dem Centraltheater spielt sich nun im Leipziger Schauspiel ab.
Streiten kostet Kraft. Katja Riemann als Martha in "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?".
Bild: R. Arnold / Centraltheater
Der relativ große Medienrummel im Vorfeld dürfte wohl damit zusammenhängen, dass Katja Riemann die Rolle der Martha übernimmt. Einem größeren Publikum ist sie eher aus Kino und Fernsehen bekannt. Riemann gilt auch als eine passionierte Theaterschauspielerin mit viel Erfahrung. Ihr Zusammenspiel mit Peter René Lüdicke (George) ist dann auch eine Klasse für sich. Riemann spielt die 52-jährige Martha als gelangweilte Hausfrau, die ihre Bestätigung nur noch darin zu finden scheint, dass sie ihren Mann gnadenlos herunterputzt. George zahlt es seiner „Ficksau“ jedoch in jeder Hinsicht zurück.
Die jungen Gäste, gespielt von Anna Haug und Karim Cherif, holen sich erst mal einen Riesenschreck, als George versucht, vor ihren Augen Martha zu erstechen. Das Messer in deren Rücken stellt sich zwar als Attrappe heraus, doch das Publikum ist nun gewarnt, in welch zerstörerische Richtung sich der Abend bewegen wird. So birgt der zweite Akt dann auch keinerlei Überraschung mehr. Die Abgründe, welche sich zwischen den Eheleuten, sowohl den alten als auch den jungen, auftun, sind bereits angedeutet. Und so ist es auch nicht mehr verwunderlich, als George dann wirklich auf seine Frau losgeht und versucht, sie zu erwürgen.
Leider zieht sich Amina Gusners Inszenierung in der zweiten Hälfte in die Länge. Die Krise, welche sich bereits zu Beginn abzeichnet, zögert sich über eine Stunde hinaus. Der Zuschauer wird dabei zum unfreiwilligen Voyeur. Ganz so, als wäre man Zeuge eines lautstarken Nachbarschaftsstreits, in den man nicht eingreifen kann. Als dann die letzten Fassaden zwischen den Eheleuten fallen, scheint es, auch für den Zuschauer, wie eine Erlösung. Stehende Ovationen gab es jedenfalls nicht, dafür lang anhaltenden Applaus.
Weitere Vorstellungen noch am 20. und 21. Januar. Kartenpreise gibt es für 12 bis 26 Euro, ermäßigt für 12 bis 18 Euro. Schüler und Studenten zahlen 7 Euro.
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