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Nutzlos und anachronistisch: Guillaume Paoli philosophiert über das wertvolle Gut Theater

Daniel Thalheim
Philosophische Praxis und Prüfgesellschaft: Guillaume Paoli vom Leipziger Centraltheater.
Philosophische Praxis und Prüfgesellschaft: Guillaume Paoli vom Leipziger Centraltheater.
Bild: R. Arnold / Centraltheater
Seit 21 Jahren lebt Guillaume Paoli in Deutschland. Seit er Philosoph am Leipziger Schauspiel ist, kann man ihn immer montags besuchen kommen. Der jetzt in Berlin wohnende Franzose kommt auch für seine monatliche "Prüfgesellschaft" nach Leipzig. Wie am 7. Februar. Bei seinem Talk-Format dreht es sich um theaterfremde Themen. Wie Guillaume Paoli Theater schätzen und lieben lernte, erzählt er im L-IZ-Interview.

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Herr Paoli, warum Theater? - Seit wann sind Sie davon fasziniert?

Um ehrlich zu sein, die Faszination kam erst mit meiner Einstellung hier am Centraltheater. Weil ich hinter die Kulissen gelangen konnte. Ich sitze nicht so gern im Zuschauerraum. Mich interessiert der Produktionsprozess mehr als das Endprodukt. Im Theater seht der Input in keinem Verhältnis zu dem Output, es findet eine unglaubliche Energieverschwendung statt.

Warum sind Sie gerne hinter den Kulissen?

Während der Proben ist alles noch offen und heterogen. Der Dramaturg bringt einen Stapel Materialien mit, der Regisseur probiert allerlei Möglichkeiten, die Schauspieler testen verschiedene Spieloptionen, Musiker und Lichttechniker basteln an Effekten herum, bei Gelegenheit füge ich meinen theoretischen Senf hinzu. Einem Wurf kleiner Theaterwelpen wird die Brust gegeben, von denen aber nur einer überleben wird. Ob er der Richtige war, wird keiner wissen können. Unweigerlich kommt dann ein Moment der totalen Verzweiflung, bis schließlich die Premiere kommt und alles anders als gedacht verläuft.

Litten Sie nicht wie andere, als Sie als Kind in Schulaufführungen geschleift wurden?

Absolut. In Frankreich war der Besuch schlechter Molière-Inszenierungen Schulpflicht. Und ich dachte: Die Schauspieler stören nur. Lieber lese ich das Stück allein und lasse die Vorstellung in meinem Kopf entstehen. Da kann ich nach Bedarf auf Pause drücken und nachdenken. Daher ist mir das Gejammer um die „Texttreue“ unbegreiflich. Treue gehört nach Hause. Wer ein Theater besucht, will fremdgehen.

Guillaume Paoli bietet am 7. Februar und am 6. März mit "Entschuldung" und "Kultur Chinas" mehr als Theater.
Guillaume Paoli bietet am 7. Februar und am 6. März mit "Entschuldung" und "Kultur Chinas" mehr als Theater.
Bild: R. Arnold / Centraltheater

Geht man in Leipzig fremd?

Offenbar lässt die Partnervermittlung zu wünschen übrig. Es ist schon traurig, zuzusehen, wie das enorme kulturelle Potenzial der Stadt von Kommunalpolitik, lokaler Presse und Honoratioren verspielt wird.

Wie erreicht man mit Theater Menschen?

Die zynische Antwort wäre: Indem man ihr Aufmerksamkeitsdefizit schont, Gewohnheiten bedient und vor allem: Stars auftreten lässt. Steht ein berühmter Name auf dem Plakat, dann ist die Qualität des Stückes egal, die maximale Auslastung ist gesichert. Dagegen die optimistische Antwort: Wenn Künstler mit ungebrochener Begeisterung das zustande bringen, was sie für gut und richtig halten, können sie hoffen, irgendwann mit Anerkennung belohnt zu werden. Das spezifische Problem des Theaters ist eben dieses „irgendwann“. Ein erfolgloser Dichter oder Maler kann immer denken: Die künftigen Generationen werden mein Werk würdigen. Aber von einer Inszenierung bleibt hinterher nichts übrig. Andererseits macht diese Augenblicklichkeit die Schönheit des Theaters aus.

Immer montags in der Philosophischen Praxis - Guillaume Paoli.
Immer montags in der Philosophischen Praxis - Guillaume Paoli.
Bild: R. Arnold / Centraltheater

Warum braucht es Theater heute? - Wird der Mensch nicht schon im Internet aufgeklärt?

Um es einmal deutlich zu sagen: Theater ist nutzlos und anachronistisch. Gerade deswegen ist es ein wertvolles Gut. Es ist einer der wenigen übrig gebliebenen Bereiche des Lebens, die sich nicht mit verwertbaren Informationen, quantifizierbaren Ergebnissen und Algorithmen erfassen lassen. Daher das andauernde Missverständnis mit der Kulturpolitik.

Ja, Theater ist Luxus. Wenn morgen alle Theaterhäuser der Republik schließen würden, würde 99 Prozent der Bevölkerung nicht einmal Notiz davon nehmen. Aber ich zahle lieber Steuern für demokratisch zugänglichen Luxus, als um Banken zu subventionieren. Ebenfalls soll das Unzeitgemäße geschützt werden. Hier geschieht nicht alles per Mausklick, planmäßig und in Millisekundentakt.

Was heißt das konkret?

Auch ich ertappe mich manchmal mit dem Gedanken: Ach, diese Szene dauert zu lange, wann kommen sie denn zu dem Schluss? Dann aber sage ich mir: Moment mal, reagierst du nicht gerade wie das gestresste Computeranhängsel, das keine Verzögerung mehr ausstehen kann?

Lass doch die Entschleunigung auf dich wirken! Und noch ein willkommener Kontrapunkt zum Internet: In der virtuellen Welt kann man sehen und hören, aber weder anfassen noch riechen. Das ist sinnliche Anästhesie und führt dazu, dass immer mehr Zeitgenossen Berührungsängste haben. Da bietet das Theater eine Resensibilisierungskur. Möglicherweise ist die Haltung zum zeitgenössischen Theater nicht so sehr eine Geschmacksfrage, denn eine Geruchsfrage. Auf der Bühne stehen Menschen, die uns mit realem Schweiß und künstlichem Blut daran erinnern, dass die Realität riecht - und nicht immer gut.

Ich habe gerade eine interessante Gestaltungsform des Theaters in der Literatur gefunden. "Das Theater der Grausamkeit" nach A. Artauds "Manifeste du theatre" 1932. Hier werden nach seiner Definition emotionale Momente des Spiels betont, übersteigert und überzogen - Schreien, Masken, Handlungen. Ästhetischer Schock als Erziehungsmaßnahme - Katharsis? Muss Wahrheit weh tun?

Mit Vokabeln wie "Erziehung" oder "Wahrheit" muss man vorsichtig umgehen. Damit sind meistens Indoktrinierung und Konformität gemeint. Das Theater ist nur dann am Leben, wenn es sich dogmatischen, allgemeinen Definitionen widersetzt. Überdies wird die Befähigung der Kunst, das Bewusstsein des Publikums verändern zu können, massiv überschätzt, so zumindest meine Meinung. Vielleicht wird die Frage am Besten so gestellt:

Regisseur und Schauspieler beabsichtigen, eine bestimmte Vorlage zu inszenieren - sei es ein klassisches Stück, ein Roman, ein Textcollage oder was auch immer. Wieso denn? Was kann die Darstellung zusätzlich bringen, was der nackte Stoff nicht hat? Welche Eindrücke, Reflexionen oder Assoziationen können vermittelt werden, die das bloße Rezitieren übersteigen? Selbstverständlich spielt in diesem Kontext die Erzeugung von Emotionen eine zentrale Rolle.

Paoli berät die Regisseure am Centraltheater.
Paoli berät die Regisseure am Centraltheater.
Bild: R. Arnold / Centraltheater
Wie geht das?

Da steht eine breite Palette zur Verfügung: Betonung, Ironisierung, Verfremdung, Bezüge auf Aktualität, Gestik, Bilder, Musik, Geschrei, Stille usw. Die Wahl hängt einerseits vom Stoff ab, andererseits von den ästhetischen Präferenzen des Regisseurs. Allerdings kann der Theaterbesucher getrost davon ausgehen, dass auf der Bühne eine bestimmte Absicht verfolgt wird. Um sich eine Meinung zu bilden, muss er zumindest diese Intention erkannt haben.

Dann wird er urteilen können, ob die angewandten Mittel und die gewählten Ausdrucksformen akkurat sind oder nicht. Und meistens wird er auf ein nuanciertes Urteil kommen. Eine Inszenierung ist selten hundertprozentig gut oder schlecht. Das Ergebnis wird er etwa mit 50:50 oder 30:70 einschätzen. Vielleicht wäre das der eigentliche „Bildungsauftrag“ des Theaters: die Schärfung des Urteilsvermögens. Wenn eine reflektierte Meinung aus einer Inszenierung entstehen könnte - mit all seinen Abwägungen.

Wie kommt es dann, dass Menschen gerade bei der Betrachtung von Kunst und Theater, auch Musik Schwarz-Weiß-Urteile fällen? Wird nicht drüber nachgedacht, oder warum regen sich manche Menschen über Inszenierungen im Centraltheater so auf?

Nun, vermutlich haben manche Menschen ein unbewusstes Bedürfnis nach Aufregung. Sie lassen sich gern skandalisieren. Und diese Form der Libido will wohl auch bedient werden. Davon abgesehen ist es eine schöne Sache, wenn einer Aufführung mit Leidenschaft begegnet wird. Das Schlimmste ist doch, wenn nach dem Vorhang die Zuschauer höflich klatschen, dabei bereits an die Rückfahrt und das warme Bett denken. Besser ist, wenn die Hälfte vor Wut kocht und die andere Hälfte von Enthusiasmus überwältigt ist. Kühle, abgewogene Urteile kommen dann später - oder auch nicht.

Was das Centraltheater betrifft: Ärgerlich ist, dass es unter den lautstarken Verächtern viele gibt, die keine einzige Inszenierung jemals gesehen haben. Oder eine Pauschalablehnung äußern, ohne die sehr verschiedenen Regiesprachen wahrgenommen zu haben, die dort angeboten werden. Diese Haltung wäre eher mit Soziologie denn mit Ästhetik zu erklären. Aber zum Glück gibt es auch viele Zuschauer, die neugierig und vorurteilsfrei genug sind, um sich mit den Aufführungen wirklich auseinanderzusetzen -was nicht heißt, dass sie alles gut finden.

Was kann man 2012 von Guillaume Paoli am Centraltheater erwarten?

Zunächst einmal bleibt meine Philosophische Praxis montags für alle Bürger offen, die sich mit mir über ein Thema ihrer Wahl austauschen möchten. Für die „Prüfgesellschaft für Sinn & Zweck“ sind in den kommenden Monaten spannende Gäste vorgesehen. Schließlich bereite ich mich auf die letzte Spielzeit der Hartmann-Intendanz vor, um wieder einmal die Chance zu nutzen, mit wunderbaren Schauspielern szenisch zu arbeiten.

Ist ein spannendes Thema: Entschuldung. - Das Thema bei der kommenden "Prüfgesellschaft" klingt nach echter Kapitalismuskritik. Siehe Occupy-Bewegung, Attac. Haben Sie ihre Thesen zu "Wir bitten um Entschuldung" bereits entwickelt, oder ergibt sich das spontan?

Dieses Mal geht es nicht um meine eigenen Thesen. Ich werde die Theorien französischer und amerikanischer Anthropologen vorstellen, die in Deutschland noch unbekannt sind. Alle reden von der Schuldenkrise, aber was sind genau Schulden? Was ist ihr Verhätnis zur Moral und Gewalt? Ich habe aus diesen Theoretikern viel gelernt, sie haben mir ermöglicht, die jetzige Situation mit anderen Augen zu betrachten, und das möchte ich mit meinem Publikum teilen.

Vielen Dank für das Interview. Im März dreht es sich bei der Prüfgesellschaft um die Kultur Chinas. Gemeinsam mit einem chinesischen Gast wird Guillaume Paoli über das Rätsel der chinesischen Kultur philosophieren.

Mehr Paoli auf der Centraltheaterseite:

www.centraltheater-leipzig.de/paoli/philosophische_praxis


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