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Wer gefällt, hat schon verloren: TdJW-Intendant Jürgen Zielinski zur Kulturdebatte

Daniel Thalheim
Theaterintendant am TdJW Jürgen Zielinski.
Theaterintendant am TdJW Jürgen Zielinski.
Foto: Daniel Thalheim
Muss es immer eine Umstrukturierung sein? Oder darf es auch mehr Inhalt geben? Jürgen Zielinski, Intendant am Theater der Jungen Welt, findet eine Strukturdebatte nicht verkehrt. Sie muss nur dahin zurückkehren, wo Kultur sich messen lassen muss: Am Publikum und an der Erreichbarkeit. Würden die Theater mehr Leute in ihre Häuser locken, gäbe es heute keine Strukturdebatte. Jürgen Zielinski erzählt.

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Anscheinend bewegt deutsche Theatermacher derzeit ein Thema: Ein Buch, dass massive Kürzungen im Kulturbereich vorschlägt. "Kulturinfarkt". Inwieweit ist das ernst zu nehmen?

Ich lese immer mal wieder darin. Leider geht daraus nicht hervor, wer was geschrieben hat. Immerhin hatten vier Autoren ihre Finger mit im Spiel. Heute blätterte ich noch einmal im "Kulturinfarkt" und stellte fest, dass jeder der Autoren scheinbar seine Examensarbeit hier einbrachte.

Irgendwann taucht im Buch eine Argumentationslücke auf und dann beginnt das wilde Fabulieren um Kürzungen und Schließungen in der Kulturlandschaft. In Ableitung des eine Woche vor Erscheinen des Buches veröffentlichten Spiegel-Artikels musste man als vernünftiger Kulturschaffender dem Buch die rote Karte zeigen. Beim näheren Hinschauen entpuppt sich das Ganze aber als Blase. Da fehlen einfach genaue Zahlen und solide Grundlagen.

Aber einen Satz fand ich gut: Wer gefällt, hat schon verloren!

Vorm Hintergrund der Kulturraumgesetzesnovelle und den Kürzungen bei den städtischen Bühnen, müsste doch die Diskussion auf fruchtbaren Boden fallen, oder?

Der Wegfall von Geldern für die Leipziger Kulturbetriebe durch die Kulturraumnovelle verletzte schon den Status Quo in Leipzig. Seltsam, dass davon in der aktuellen Strukturdebatte keine Rede mehr ist.

Die Kritik und der Gegenwind sind jedenfalls heftig..., auch von ihrer Seite und warum?

Man hätte das Buch wirklich auf ein engagiertes 10-Thesen-Papier eindampfen können über das man hätte streiten können.

Jürgen Zielinski: Wo bleibt die Grundsatzdebatte über Leipzigs Kultur?
Jürgen Zielinski: Wo bleibt die Grundsatzdebatte über Leipzigs Kultur?
Foto: Daniel Thalheim
Wie passen die Leipziger Umstrukturierungspläne von Grünen und FDP in die Diskussion?

Die Strukturdebatte muss sein. Man kann fragen, ob die Thesen im "Kulturinfarkt" in der Strukturdebatte um die Leipziger Kultur zur Diskussion anregen. Nur die Schlussfolgerungen werden schwierig. Sicher kann man am Grundbestand der Kulturbetriebe ein bisschen rütteln. Auf der anderen Seite treten alle Fraktionen für den Bestandserhalt der Leipziger Kultur ein.

Inhaltliche Vorschläge?

Ich lächele immer darüber, wenn in den Häusern von der Verjüngung des Publikums die Rede ist. Wir dagegen freuen uns, dass das TdJW sich zum Dreigenerationentheater entwickelt. Ich bemerke in den Leipziger Kulturbetrieben einen Denkfehler im Marketing. Denn der heutige 50 bis 60-Jährige ist nicht nur Operngänger, sondern auch ein Mensch, der gern zu Rolling-Stones-Konzerten geht. Sollte man sich als hochsubventionierter Kulturbetrieb nicht lieber fragen, ob und wie man die U-Kultur mit der E-Kultur verknüpft.

Wie hoch darf Kultur sein?

(Lacht) Vielleicht nicht so hoch, dass sie nicht mehr bei denjenigen ankommt, für die sie gedacht ist. Wie man als Theater für das Publikum attraktiv bleibt, empfinde ich als Frage viel lohnenswerter, weil sie uns auch trotz Kürzungen und Umstrukturierungen immer wieder begleiten wird. Es muss um Inhalte gehen und nicht um durchsetzbare Planspiele. Aber eins muss ich auch anmerken: Hätten die Theaterhäuser eine höhere Auslastung, würden wir diese Diskussion hier gar nicht führen. Ein Theater für die Stadt und von der Stadt - Punkt! Uns am TdJW gibt die Statistik recht.

Was halten Sie von den Vorschlägen?

Fest steht, dass es einen lang anhaltenden Status Quo bei den Leipziger Kulturbetrieben gibt. Fragt man sich, wo die Attraktivität der Stadt sitzt, schließt sich daran automatisch die Frage des maximalen Erhalts des Status Quo an. Man kann auch fragen, ob es nicht ein Pfund für Leipzig ist, Kulturhauptstadt Europas zu werden. Die Stadt Leipzig leistet sich trotz hoher Arbeitslosigkeit knapp 10 Prozent ihres Gesamthaushaltes für die Kultur. Da könnte man doch davon ausgehen, dass der Dialog mit Dirk Förster und Falk Elstermann um die 5 Prozent für die Freie Szene vernünftig geführt werden kann.

Was fehlt?

Eine Gesamtanalyse, wer wem welche Zuschauergruppen wegnehmen würde, wenn man Sparten oder Häuser zusammenlegt. Der ehemalige Kulturbürgermeister Girardet hat seinerzeit etwas Wunderbares installiert: den ständigen Austausch der Intendanten, bei dem man sich einmal im Monat trifft. Faber übernahm das Prinzip, OBM Burkhard Jung auch. Dieser Austausch muss ein arbeitendes Gremium werden.

Also braucht es keine Zentralintendanz wie es die Grünen vorschlagen?

Ich habe schon mit manchem Politiker offen geredet. Die bisherigen Geschäftsführermodelle einer Theater-GmbH sind ihren Erfolg in anderen Städten bisher schuldig geblieben. Eine Ausnahme gibt es aber: Wenn ein Mensch mit Kompetenz, Macht und Können und dem richtigen Feingefühl für künstlerische Prozesse ausgestattet ist. Aber so eine Person findet man selten. Es gab eine, mit der ich gut bekannt bin. Das war Hans Tränkle beim Stuttgarter Staatstheater. Er wurde nicht umsonst Generalmanager. Er hatte das Theater von der Pike auf gelernt. Er begann beim Landestheater und ging seinen Weg. Irgendwann war er Generalmanager des Stuttgarter Staatstheaters. Und das eigenständige Stuttgarter Kinder- und Jugendtheater hat er außen vor gelassen, um es zu schützen. Das war so eine Ausnahmeerscheinung - mit besten schwäbischen Grundsätzen ausgestattet.

Ausblicke?

Gibt es. Wenn ich überlege, dass um Leipzig ein Speckgürtel entsteht, die Neuseenlandschaft sich entwickelt, Leute herziehen, die in Berlin arbeiten und in Leipzig Kultur genießen wollen - da steckt schon noch Potenzial drin in der Entwicklung auch für Leipzigs Kultur in all seiner Breite und allen Facetten.

Vielen Dank für das Gespräch.


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