LeipzigÜberLeben: Ein deutsch-polnisches Gemeinschaftsprojekt über jüdisches Leben in der NS-Zeit
Gernot Borriss
06.12.2012
LeipzigÜberLeben: Aufführung in Olsztyn.
Foto: Elisabeth Kohlhaas
„LeipzigÜberLeben“ hat am Freitag, 7. Dezember, in der Baumwollspinnerei Premiere. Die szenische Präsentation über Alltag und Verfolgung der Leipziger Juden im NS haben Olsztyner und Leipziger Schauspielstudenten gemeinsam erarbeitet. Es geht um „ein Gefühl der Verantwortung dieser Vergangenheit gegenüber“, sagt Zeithistorikerin Elisabeth Kohlhaas im L-IZ-Interview.
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Frau Kohlhaas, am 7. Dezember hat in der Leipziger Baumwollspinnerei das Theaterprojekt „LeipzigÜberLeben“ Premiere. Sie handelt vom Alltag und der Verfolgung der jüdischen Bürger Leipzigs zwischen 1933 und 1945. Wie setzt man diese Thematik szenisch um?
Grundlegende Idee der Umsetzung ist die Verbindung von Geschichte und Gegenwart. Dazu bringen wir verschiedene Texte in eine Konstellation: Wir arbeiten mit Berichten von Überlebenden aus Leipzig, mit Dokumenten der Leipziger Täter sowie mit Statements der TeilnehmerInnen des Projekts selbst.
Es erschien uns unabdingbar, auch ihre Ansichten in die Performance aufzunehmen. Wir haben dafür Fragebögen entwickelt und sie beispielsweise danach gefragt, wie sie sich als Deutsche beziehungsweise als Polen fühlen, was sie von der Erinnerungskultur ihres Landes halten und welche Bedeutung sie persönlich dem Thema Holocaust geben. Ihre Antworten sind gleichberechtigt zu den anderen Texten in die Textfassung eingeflossen, die wir erarbeitet haben.
Insgesamt wird die Vergangenheit nicht durch ein auf Einfühlung beruhendes Theaterspielen ‚verlebendigt’, und es werden keine Rollen gespielt. Es geht darum, die Gegenwart zu historisieren: Sie soll uns ebenso fremd werden wie die gewohnten Darstellungen der Vergangenheit im Theater und im Film. Wenn wir stattdessen hin- und hergerissen sind zwischen Nähe und Ferne, Vertrautem und Fremdem, wenn wir in eine emotional instabile Lage geraten, werden wir offen, Neues zu entdecken.
LeipzigÜberLeben: Aufführung in Olsztyn.
Foto: Elisabeth Kohlhaas
„LeipzigÜberLeben“ ist Schlusspunkt eines deutsch-polnischen Gemeinschaftsprojekts von Schauspielstudenten aus dem nordostpolnischen Olsztyn und aus Leipzig. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?
Die Idee kam von der Stiftung Borussia in Olsztyn. Diese kam auf mich zu, weil sie wusste, dass ich hier in Leipzig die Aufführung „Kinder des Holocaust“ am Theater der Jungen Welt angestoßen habe. Dabei standen Interviewprotokolle mit Kindern im Mittelpunkt, die den Holocaust überleben konnten.
Auch die Stiftung wollte eine historische Quelle szenisch umsetzen und dafür ein deutsch-polnisches Projekt auf die Beine stellen: den Nachkriegsbericht des letzten Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde in Allenstein, Dr. Heinrich Wolffheim, über die Verfolgung der dortigen jüdischen Bevölkerung.
So haben wir gemeinsam mit dem Institut für Theaterwissenschaft der Universität Leipzig dieses Projekt entwickelt. Es besteht nun aus je einer Präsentation über die Verfolgung in Olsztyn und in Leipzig.
Aus heutiger Perspektive wollen die angehenden Schauspieler den Alltag und die Verfolgung jüdischer Menschen in den beiden Städten sowie die Erinnerung daran darstellen. Wie würden Sie denn die Perspektiven und Leitfragen der heutigen Studierenden beschreiben?
Gedenkstein an die deportierten Leipziger Juden am Parthe-Bett am Zoo.
Foto: Gernot Borriss
Die Leipziger Studierenden sind von Anfang an hoch engagiert in dieses Projekt hineingegangen. Sie fühlen sich ausdrücklich nicht schuldig, aber sie verspüren ebenso deutlich ein Gefühl der Verantwortung dieser Vergangenheit gegenüber.
Sie waren beispielsweise sehr interessiert an dem Konzept der ‚sekundären Zeugenschaft’. Es geht davon aus, dass jeder von uns, der sich mit Zeugen und ihren Zeugnissen beschäftigt, die Verantwortung hat, diesen eine angemessene Stimme zu geben.
Und wie reflektierten die Olsztyner Kommilitonen das historische Geschehen?
Auch die Olsztyner Studierenden scheinen mir äußerst interessiert daran, sich mit der jüdischen Geschichte zu beschäftigen. Sie können damit jedoch vollkommen anders umgehen, weil es nicht ihre Groß- und Urgroßeltern waren, die die Verbrechen begangen haben. Das waren eben die Deutschen.
Ganz im Gegenteil: Ihre Groß- und Urgroßeltern können - auch als Nichtjuden - zu den Opfern der deutschen Gewalt gehört haben. Darüber hinaus hat mich gefreut, dass die Olsztyner Studierenden sich mit den Debatten über das Verhalten der nichtjüdischen Polen gegenüber den verfolgten Juden im Zweiten Weltkrieg beschäftigt haben, die die polnische Gesellschaft in den letzten Jahren geführt hat, ausgelöst durch Auseinandersetzung mit den Geschehnissen in Jedwabne 1941.
Das Projekt und die beiden szenischen Präsentationen wollen zu einer „transkulturellen Erinnerungskultur“ beitragen. Welchen Prämissen sollte aus Ihrer Sicht eine solche, insoweit postnationale Erinnerungskultur folgen?
Gedenkstein an Stelle der zerstörten Synagoge in der Gottschedstraße.
Foto: Gernot Borriss
In Zeiten der Globalisierung ist die Geschichte eines Landes ein wichtiges Merkmal der Unterscheidung von anderen und gleichzeitig ein Mittel, sich darüber auszutauschen und näher zu kommen. Der Umgang mit Geschichte ist eine wichtige kulturelle Praxis. Transkulturelles Erinnern ist in meinen Augen vor allem der Prozess der Auseinandersetzung über die jeweiligen Formen des Geschichtsbewusstseins und des Erinnern über kulturelle Grenzen hinweg.
„Tango aus der Asche“ war das erste Ergebnis der Zusammenarbeit. Es wurde in Olsztyn aufgeführt und rekonstruiert das Schicksal der jüdischen Gemeinde im vormaligen Allenstein (deutsche Bezeichnung für Olsztyn) bis zu dessen Auslöschung in der NS-Zeit. Wie wurde „Tango aus der Asche“ in Olsztyn aufgenommen?
Das Interesse an den Präsentationen war ausgesprochen groß – alle drei Vorführungen waren ausverkauft, und es hätten weitere Karten vergeben werden können. Es war ein sehr gemischtes Publikum, von jungen bis alten Menschen. Darüber hinaus gab es eine lebhafte Vorberichterstattung und etliche Rezensionen hinterher. Unser Eindruck war, dass dieses Projekt und die Präsentationen in der Stadt wahrgenommen wurden.
Anders gefragt: Inwieweit wird das Schicksal der Jüdischen Gemeinde des historischen Allenstein im heutigen Olsztyn als Teil der eigenen Stadtgeschichte begriffen?
Das ist eine interessante Frage, da ist tatsächlich ein Stück Fremdheit in der Erinnerung zu spüren. Das hat aber auch damit zu tun, dass es insgesamt in der städtischen Öffentlichkeit Olsztyns nahezu keine Erinnerung an die jüdische Geschichte gibt.
Die Stiftung Borussia arbeitet jedoch schon seit Jahren daran, diese Seite der Geschichte Olsztyns sichtbar zu machen. So hat sie beispielsweise das Areal des einstigen jüdischen Friedhofs wieder kenntlich gemacht und den Friedhof damit ins Gedächtnis zurückgeholt.
Und sie lässt das wunderschöne „Haus der Reinigung“, Bet Tahara, auf dem Friedhof rekonstruieren, das einzige erhaltene Zeugnis jüdischen Lebens aus dem früheren Allenstein. Es wurde von dem berühmten Architekten Erich Mendelsohn erbaut, der aus Allenstein stammt. Die Stiftung Borussia veranstaltet ebenfalls regelmäßig eine sehr gut besuchte Jüdische Woche.
Vielen Dank für das Gespräch.
„LeipzigÜberLeben. Alltag und Verfolgung der jüdischen Bürger Leipzigs 1933-1945“ ist ein gemeinsames Projekt des Instituts für Theaterwissenschaft der Universität Leipzig, Schauspielschule des Stefan-Jaracz-Theaters Olsztyn sowie der Stiftung Borussia Olsztyn. Das Projekt steht unter der Schirmherrschaft von Küf Kaufmann, Vorsitzender der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig.
Terminhinweis: Szenisches Re-enactment. Aufführungen am Freitag, 7. Dezember, 20:00 Uhr, und Samstag, 8. Dezember, 15:00 Uhr und 20:00 Uhr im Spinnwerk Leipzig (Baumwollspinnerei, Halle 18, Aufgang E, Spinnereistraße 7).
Nach allen Präsentationen besteht die Möglichkeit zum Gespräch. Der Eintritt ist frei.
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