Schöne heile Fußballwelt: Roter Stern Leipzig unterliegt in Sachen Brandis beim Sportgericht
Patrick Limbach
28.01.2010
Zeichnung: Friederike Arndt | Illufbabrik.de
Die Bezirksklasse-Partie zwischen dem FSV 1921 Brandis und dem Roten Stern Leipzig wird wiederholt. Das entschied am Mittwochabend das Verbandsgericht des Leipziger Fußballverbands und verwarf damit eine Berufung des "Roten Sterns" gegen das erstinstanzliche Sportgerichtsurteil.
Anzeige
Die Begegnung wurde am 24. Oktober letzten Jahres in der 2. Minute abgebrochen, als eine Gruppe teils mit Eisenstangen bewaffneter Neonazis Fans und Spieler des Connewitzer Fußballclubs angriffen. Mehrere Personen wurden bei dem offenbar geplanten Übergriff teils schwer verletzt. Der Tenor des verbandsrichterlichen Urteilsspruchs war eindeutig: Die Brandiser hätten alles ihnen Mögliche unternommen, um den gewaltsamen Überfall zu verhindern. Der "Rote Stern" warf den Muldentalern vor, durch grob fahrlässiges Handeln die Schwere des Übergriffs erst ermöglicht zu haben. Wäre dem so gewesen, hätte das Spiel gemäß der Spielordnung mit 2 : 0 Toren zugunsten der Leipziger gewertet werden müssen.
Insgesamt stehen an diesem Tag drei Parteien vor Gericht: Der Rote Stern Leipzig, der FSV Brandis und der Leipziger Fußballverband. Doreen Blasig-Vonderlin, Rechtsanwältin des Roten Stern, beantragt zu Verhandlungsbeginn, das Spiel zugunsten ihrer Mandantin zu werten. Rainer Hertle, Präsident des Leipziger Fußballverbands, beantragt indes, die Berufung zu verwerfen. Günter Kögler und Gerd Rose, Präsident und Pressesprecher des FSV Brandis, wissen zum Beginn der Verhandlung noch nicht so recht, was sie beantragen sollten. Die beiden älteren Herren machen ob des großen öffentlichen Interesses einen nervösen Eindruck. Der vorsitzende Richter Steffen Tänzer greift den beiden etwas unter die Arme und erläutert nochmals die Spielregeln. Daraufhin schließen sich die Vertreter des FSV Brandis dem Antrag Hertles an. Die Linien im juristischen Nachspiel sind also gezogen und das Spielfeld für die Berufungsverhandlung abgesteckt.
Anschließend beginnt die über dreistündige Beweisaufnahme. Insgesamt werden sieben Zeugen gehört. Einer von ihnen: Polizeikomissar Axel M. Der seinerzeit vor Ort eingesetzte Beamte erklärte, von den insgesamt 30 - 40 Personen, die dem "rechten" Spektrum zuzuordnen gewesen seien, sei lediglich eine bei Betreten des Sportplatzes bewaffnet gewesen. Die anderen, so die Vertreter des Roten Sterns, hätten sich erst auf dem Sportgelände mit herumliegenden Baumaterialen und Steinen bewaffnet. Gerd Rose erklärt hierzu, diese Gegenstände hätten dort schon seit 50 Jahren gelegen – solange wie er im Verein aktiv sei. Nach geltender Spielordnung hat der platzbauende Verein für die Sicherheit des Platzes zu sorgen. Hierzu zählt unter anderem auch die Beseitigung gefährlicher Gegenstände, die man als Wurfgeschosse verwenden könnte.
Unmittelbar nach dem Vorfall machte damals eine Meldung die Runde, wonach ein Ordner des FSV Brandis die Störer durch einen Nebeneingang eingelassen hätte. Maik P., von Beruf Polizist und an dem Tag Leiter des Ordnungsdienstes, schildert dem Gericht nun eine andere Variante der Ereignisse. Er hätte aufgrund seiner Erfarungen als Spieler mit dem Verein Roter Stern Leipzig am Dienstag vor diesem Spiel entschieden, den Ordnungsdienst auf 12 Personen aufzustocken. Am Donnerstag hätte er die Polizei in Grimma darüber informiert, dass er für das bevorstehende Spiel im "Buschfunk" Gerüchte vernommen habe, wonach bei der Begegnung "irgendwas" passieren könne. Konkrete Hinweise auf eine tatsächliche Gefährdung für Spieler und Fans seien ihm nicht bekannt gewesen. Besucher seien am Eingang auf das Mitführen verbotener Gegenstände kontrolliert worden. Als sich kurz vor Anpfiff die ersten 10 - 15 Angreifer durch besagten Nebeneingang auf das Gelände begaben, habe man ihre Taschen durchsucht und Eintritt kassiert. Auf die Frage, warum man sie überhaupt eingelassen hätte, antwortet P., man sei davon ausgegangen, mit dieser kleinen Gruppe fertig zu werden.
Wenige Minuten später stürmte ein Pulk von 20 - 30 Neonazis durch das Nebentor und über den Zaun das Gelände. Acht Ordner hätten erfolglos versucht, die Angreifer am Betreten des Sportplatzes zu hindern. "Wir haben noch versucht, das kleine Tor zuzudrücken. Das war überhaupt nicht möglich." Daraufhin verständigte Maik P. die Einsatzleiterin der Polizei: "Jetzt knallt's. Wir sind hier nicht mehr Herr der Lage." Während des Übergriffs versuchten er und ein weiterer Ordner, den Angreifern ihre Waffen abzunehmen – vergeblich. Auf Nachfrage dementierte der Ordnungsdienstleiter zunächst das Vorhandensein von Bauschutt, räumte es dann aber doch ein.
Das Verbandsgericht des Leipziger Fußballverbands verwarf die Berufung des "Roten Sterns".
Zeichnung: Friederike Arndt | Illufbabrik.de
Ein Umstand, auf den auch Rechtsanwältin Doreen Blasig-Vonderlin, die den Roten Stern in Sachen Brandis vertritt, hinweist. Einzig durch sein Vorhandensein träfe dem FSV Brandis ein Mitverschulden. Schließlich hätten die Angreifer sich laut Polizei bis auf eine Ausnahme erst auf dem Vereinsgelände bewaffnet. Der Verein habe gegen seine Verkehrssicherungspflichten verstoßen. Ferner würde die Meldung an die Polizei in Grimma am Donnerstag vor dem Spiel eine durch die Brandiser Funktionäre wahrgenommene abstrakte Gefahr belegen. Nach Ansicht der Rechtsanwältin liege hier fahrlässiges Verhalten des FSV Brandis vor, weil das Werfen der herumliegenden Gegenstände zum Spielabbruch geführt hätte.
Gerd Rose nutzte seinen Schlussvortrag, um seinen Verein ins rechte Licht zu rücken. "Wir sind überfallen worden am Eingangstor". Mit einem derartigen Übergriff habe man überhaupt nicht rechnen können. Mit den angereisten Neonazis habe sein Verein ebenso wenig zu tun wie mit etwaigen Randalen in Wurzen. "Wir sind jungfräulich unschuldig", sagt der Pressesprecher mit einem sarkastisch anmutenden Unterton. Und weiter: "Wenn jemand sagt, Wurzen ist rechts, könnte man genausogut sagen, Rostock sei rechts, Hamburg sei rechts, der Leipziger Süden sei rechts." Wass Rose offenbar entgangen ist: In keiner der drei genannten Gegenden ist die neonazistische Szene so stark verankert wie in der Muldentaler Provinz. Schenkt man dem Ordnungsdienstleiter des FSV Brandis Glauben, gibt es bei dem Provinzverein sogar ein braunes Stammpublikum. Trotzdem freut sich Gerd Rose auf das Wiederholungsspiel und den abermaligen Besuch der als antirassistisch geltenden Gäste aus dem Leipziger Süden: "Wir freuen uns, den Roten Stern Leipzig wieder als unsere Gäste begrüßen zu dürfen." Einige Prozessbeobachter können sich bei dieser Äußerung nur noch schwer ein Lachen verkneifen.
Rainer Hertle vom Leipziger Fußballverband nutzt daraufhin die Steilvorlage und schließt sich einfach der Argumentation seines Vorredners an. Der Angriff sei nicht beherrschbar gewesen. "Der Verein hat alles unternommen, um Gewalt einzudämmen." Zwischen den herumliegenden Gegenständen und dem Angriff bestünde kein kausaler Zusammenhang. Ob Gegenstände mitgebracht worden sind oder nicht, spiele gar keine Rolle.
So sah es auch der sportgerichtliche Schiedsrichter "Verbandsgericht des Leipziger Fußballverbands", der die Berufung daraufhin zurückwies und dem Roten Stern die Verfahrenskosten auferlegte. In der Begründung heißt es, es gebe kein Organ und keine Verrichtungshilfe des Vereins, die den Angriff mitverursacht habe. Dieser Vorwurf sei durch die Aussage des Polizeibeamten M. sowie durch ein von ihm vorgelegtes Behördenzeugnis der Polizeidirektion Westsachsen nicht haltbar. Die Baumaterialien haben zwar auf dem Gelände gelegen, allerdings stünden alle Schutz- und Verkehrsdelikte unter dem Vorbehalt der Unzumutbarkeit. Oder mit anderen Worten: Dem FSV Brandis sei es nicht zumutbar gewesen, binnen eines Zeitraums von 50 Jahren ein bisschen Baumüll zu entsorgen, obwohl sich dieser laut Spielordnung gar nicht auf dem Sportplatz befinden dürfe. Aber was da 50 Jahre lang niemanden gestört hat, wird in guter Fußballtraditon auch weitere 50 Jahre niemanden stören.
Diese Argumentation und der Umstand, dass Verbandspräsident Rainer Hertle dem Verbandsgericht als Verfahrensbeteiligter in seinem Schlusswort die Entscheidung quasi vordiktiert hat, geben dem gesamten Verfahren einen sehr faden Beigeschmack. Die für eine sachlich-objektive Entscheidung zwingend notwendige Unabhängigkeit des Spruchkörpers konnte wohl aufgrund der Positionierung des Leipziger Fußballverbands zugunsten des FSV Brandis nicht gegeben sein. Während der gesamten Verhandlung wurde man den Eindruck nicht los, Hertle sei nicht ernsthaft an einer Aufarbeitung der Geschehnisse an diesem verhängnisvollen Samstag interessiert gewesen. Vielmehr schien es ihm darum zu gehen, den "Fall Brandis" möglichst elegant unter den Rasen zu kehren.
Für die Menschen, die an diesem Tag verletzt wurden und schlimmstenfalls noch Jahre unter den physischen und psychsischen Folgen zu Leiden haben, dürfte insbesondere die Frage nach dem (Nicht-)Vorhandensein der Tatwaffen auf dem Sportplatz eine sehr gewichtige Rolle spielen. Hätten die Gegenstände dort nämlich nicht, wie es der Dauerzufall so wollte, gelegen, wären ihre Verletzungen möglichweise glimpflicher ausgefallen.
Was wirklich an diesem 24. Oktober in Brandis vor und hinter den Kulissen passierte, wird nun wohl die ordentliche Gerichtsbarkeit klären müssen. Das Nachholspiel ist für den 6. Februar angesetzt. Über Antritt oder Nichtantritt möchte der Rote Stern Leipzig im Laufe des heutigen Tages entscheiden.
Am 27. Mai, um 19 Uhr, lädt der Freundeskreis „Gohliser Schlösschen“ e.V. herzlich zu einer „Pfingstlesung“ in den Festsaal des Hauses ein: „Erleben Sie mit uns die abenteuerlichen Geschicke des Reineke Fuchs, und wie es ihm, mehrfach angeklagt und verurteilt, immer wieder gelingt, mit verblüffender Intelligenz, mit Witz und Verschlagenheit, mit Lug und Trug, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen, um schließlich sogar 'Kanzler des Reichs' zu werden.“ mehr…
Die Drogenpolitik und der Umgang mit Suchtkranken in Leipzig ist und bleibt offenbar ein heißes Eisen, das von dem einen oder anderen Protagonisten mit mehr oder weniger Eifer am Glühen gehalten wird. So schlug ein Interview von Michael Burgkhardt in der LVZ hohe Wellen. Der Chef der Bürgerfraktion im Stadtrat, gleichzeitig Suchtmediziner, ging mit der Stadt und dem Umgang mit der Drogenszene Leipzigs hart ins Gericht. mehr…
Am Dienstag, 22. Mai, wurden im Festsaal des Neuen Rathauses die Leipziger Agenda-Preise 2012 verliehen. In fünf Kategorien wurden Preisgelder in einem Gesamtumfang von 14.000 Euro sowie Sachpreise im Wert von rund 10.000 Euro vergeben. mehr…
Die Lebenshilfe Leipzig organisiert vom 8. bis 10. Juni zum zweiten Mal ein Geschwisterseminar mit der renommierten Sozialwissenschaftlerin Marlies Winkelheide (Bremen/Geschwisterkinder.de) und ihrem Team. Dieses wendet sich an die Eltern und Geschwisterkinder in Familien mit behinderten Kindern und findet in der Jugendherberge in Dahlen bei Leipzig statt. mehr…
Den 29. Mai kann, wer Lust hat, sich über diese seltsame Stadt am sächsischen Westrand ein paar Gedanken zu machen, vormerken im Kalender. Es ist ein Dienstag. Und die Stadt lädt ein in die Kongresshalle, konkret in den Händelsaal. Ab 19 Uhr darf man rein und schon mal die Fühler ausstrecken, 19.30 Uhr beginnt die Auftaktveranstaltung für ein Leipziger Zukunftsprojekt. Motto: Leipzig weiter denken. mehr…
Am 24. Mai um 15 Uhr lädt der Garten Annalinde mit Kaffee und Kuchen herzlich zur Eröffnung seiner Gartensaison ein. Seit Juni 2011 gibt es den mobilen Nutzgarten auf der Freifläche hinter der Bibliothek Plagwitz. Neben Kohl und Kartoffeln in Säcken werden dort Radieschen, Salat und Tomaten zusammen mit einer Vielzahl weiterer, teils alter Kultursorten in mobilen Hochbeeten angebaut. mehr…
Das nächste Monatlich Gespräch über Wissenschaft findet am Mittwoch, 23. Mai, um 19:30 Uhr im Haus des Buches (Gerichtsweg 23) statt. Moderiert wird es von Bettina Kremberg und Ulrich Johannes Schneider. Im Mittelpunkt steht Martin Seel, der über "111 Tugenden. 111 Laster" spricht. mehr…
Die Königin der Instrumente, die Orgel, ist zu Pfingsten in der Kirche Zuckelhausen, Zuckelhausener Ring, zu entdecken und zu hören. Am Sonnabend, dem 26. Mai 2012, erläutert Orgelbauer Stefan Pilz bei einer Orgelführung um 10 Uhr die Funktionsweise der Johann-Gottlob-Mende-Orgel (1822). mehr…
Mitteldeutschland befindet sich mitten in der Luther-Dekade. 2012 ist das Jahr der Musik. 2017 jährt sich Luthers Thesenanschlag zum 500. Mal. Und die Evangelische Verlagsanstalt hat ein Heft-Projekt gestartet, das im Mai 2011 mit Nürnberg startete und den Verlag auf Jahre beschäftigen wird: Orte der Reformation. Das wichtigste Heft liegt jetzt mit "Wittenberg" vor. mehr…
In Verfassungsschutzberichten landen nicht nur die wirklich staatsgefährdenden Organisationen. Oft beobachten die Schlapphüte auch Parteien und Vereine, von denen sie die Gefährdung nur vermuten. Manchmal über Jahrzehnte ohne Ergebnis. Da ist es schon erstaunlich, dass die Bundesregierung allein diese Beobachtungen zum Vorwand nehmen will, Vereinen ihre Gemeinnützigkeit abzuerkennen. mehr…
Am 2. Juni beginnt in Leipzig die Automesse AMI. Der Zweijahresturnus, den die Automobilbranche ausgehandelt hat für den Leipziger Branchentreff, zeigt Früchte: Die Aussteller zerreißen sich nicht mehr zwischen den Messen. Die Ausstellerzahl in Leipzig steigt. Das Messetrio aus AMI, AMICOM und AMITEC verzeichnet ein zweistelliges Flächenwachstum von über 10 Prozent. mehr…
Die Reihe "Recht auf Stadt" erlebt am 31. Mai eine weitere Auflage. Die zweite Veranstaltung, diesmal im Werk 2, dreht sich dabei rings um Fragen moderner Stadtentwicklung und die Rolle aller Beteiligten dabei. Diesmal unter dem Motto: "Kapitalanlage - Von Investoren-UFOs und Stadtteilzentren". mehr…
Flotte Sprüche, schwarze Business-Anzüge, dunkle Sonnebrillen. Die "Men in Black" sind nach zehn Jahren Leinwandabstinenz zurück. Im dritten Teil des SciFi-Franchise reist Will Smith ins Jahr 1969, um seinem Partner Tommy Lee Jones das Leben und die Menschheit vor einer vernichtenden Alien-Invasion zu retten. mehr…
Mit dem Sieg bei Fortuna Chemnitz hat der 1. FC Lok sein Saisonziel erreicht, steigt als Sechster in die neue Regionalliga auf. Geplant war alles ein wenig anders. Eigentlich sollte es der dritte Platz werden, eigentlich sollten die Neuzugänge einschlagen und von einem Trainerwechsel war vor der Saison auch nicht die Rede. Ein Saisonrückblick. mehr…
„Mut zu machen, dass wir Zeichen gegen Willkür und Gewalt setzen können“. Das ist für die in Berlin lebende Filmemacherin Karin Kaper die Botschaft ihres Filmes „Aber das Leben geht weiter“. Es geht um die - authentische - Vertreibungsgeschichte der Familien Queißer und Zukowscy, die in einem Bauernhof bei Görlitz aufeinander treffen. Ein L-IZ-Interview. mehr…