Neulich im Landgericht: Rendezvous auf Aldi-Parkplatz - Schläge statt Sex
Patrick Limbach
01.02.2012
Landgericht Leipzig
Foto: Martin Schöler (Archiv)
Eigentlich wollte sich Michel W. am 7. März 2010 abends mit seiner Ex-Freundin treffen, um Intimitäten auszutauschen. Doch Sylvana K. hatte anderes vor. Ihre kurze Beziehung zu dem Landwirt war seit drei Monaten gescheitert. Trotzdem hatte sich das Paar, beide Anfang 20, noch ein bis zweimal zum Sex verabredet. Daraus wurde diesmal nichts.
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Denn statt Zärtlichkeiten bekam der junge Mann die geballte Wut ihres neuen Lovers zu spüren. Den hatte sie zum Rendevouz gleich mitgebracht. Per SMS hatten sich die beiden auf einem Parkplatz in der Essener Straße verabredet. Dort stieg Sylvana zu W. ins Auto, legte zärtlich ihre Hand auf sein Knie. Ihr neuer Partner Tom M. hielt sich dezent zurück.
Was jetzt passierte, konnte die junge Frau am Dienstag vor dem Leipziger Landgericht nicht mehr detailgetreu wiedergeben. Dabei wurde sie für die Tat im Dezember vom Amtsgericht verurteilt, konnte sich also nicht mehr selbst belasten. Laut Anklage soll ihr Begleiter unmittelbar, nachdem sie das Auto wieder verließ, die Fahrertür aufgerissen und W. mehrmals ins Gesicht geschlagen haben. Anschließend soll er ihm mit einem Teleskopschlagstock gedroht und Handy sowie Portemonnaie mit 110 Euro geraubt haben.
Michel W. erlitt ein Schädel-Hirn-Trauma, Prellungen im Gesicht und eine Platzwunde an der Oberlippe. Damit nicht genug: Am Abend rief Tom M. bei ihm an und drohte, ihn umzubringen, falls er nochmals mit Sylvana Kontakt haben sollte. Die Staatsanwaltschaft legt ihm jetzt schwere räuberische Erpressung, Körperverletzung und Bedrohung zu Last. Sein Verteidiger Ingo Stolzenburg verlas zu Beginn für seinen Mandanten eine Erklärung, in der er die Vorwürfe teilweise einräumte. Michel W. soll über den Täter-Opfer-Ausgleich 1.000 Euro Schmerzensgeld erhalten.
Doch der seelische Schmerz dürfte bei dem jungen Mann Spuren hinterlassen haben, die kein Geld der Welt wieder gut machen kann. Immerhin hatte er seiner Ex-Freundin, die er über das Internet kennen lernte, vertraut. Sie erklärte am Dienstag, sie hätte sich durch seine wiederholten SMS belästigt gefühlt und die endgültige Klärung des Problems gewünscht. Nur deswegen hätte sie sich auf das Treffen eingelassen. Ihr neuer Freund - groß, muskulös, tätowiert - sollte die zarte Frau mit schwarzen Pferdeschwanz beschützen.
Dabei war die Frau bei vergangenen Rendezvous nie in Gefahr geraten. Vielleicht fühlte er sich durch irgendetwas provoziert? Sylvana K. wusste auf diese Frage keine Antwort, verstrickte sich dagegen in Widersprüche. Erst hatte M. einen Schlagstock in der Hand, dann war die Waffe plötzlich nur in seiner Tasche und für K. nicht zu erkennen gewesen. "Ich glaube, jetzt lügen Sie", wurde es der Staatsanwältin irgendwann zu bunt. Und Richter Jens Kaden ergänzte: "Wenn nichts passiert, hätte man keine Angst haben müssen." Warum M. plötzlich so aggressiv agierte, blieb ungeklärt.
Der gelernte Berufskraftfahrer verfolgte die Vernehmung seiner damaligen Begleiterin anteilslos, starrte die meiste Zeit Löcher in den Raum. Möglicherweise nahm er den Prozess als willkommene Abwechslung zum grauen Knastalltag wahr. Denn der 23-Jährige wartet seit September hinter Gittern auf einen Prozess wegen schweren Raubes. Michel W. ist mittlerweile glücklich verheiratet. Ein Urteil wird voraussichtlich am Freitag gesprochen.
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