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Mit Kanonen auf Spatzen geschossen? Eine Razzia und ihre Folgen

Martin Schöler
Razzia in der Stockartstraße.
Razzia in der Stockartstraße.
Foto: Martin Schöler
Zig Polizisten im Einsatz, ein Hubschrauber in der Luft, ein Straßenzug abgeriegelt. Was sich am Freitag in der Stockartstraße abgespielt hatte, glich für viele Anwohner einem Horrorszenario. Die Beamten waren auf der Jagd nach Drogendealern, durchsuchten Wohnungen im Leipziger Süden und Osten. Mit Erfolg: Mehrere Kilo Rauschgift wurden beschlagnahmt. Vier Männer wanderten in Gewahrsam.

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Zwei Beschuldigte sitzen mittlerweile im Gefängnis. Das Leipziger Amtsgericht erließ gegen die beiden 36-Jährigen Haftbefehle. In ihren Wohnungen im alternativen Hausprojekt "Stö" fanden die Fahnder sechs Kilo Marihuana, 800 Gramm Haschisch und mehrere Pistolen. Ihnen drohen im Falle einer Verurteilung mindestens fünf Jahre Haft. Zwei weitere Verdächtige sind wieder auf freiem Fuß. Bei ihnen stellten die Beamten unter anderem zwei Kilo Marihuana und geringe Mengen weiterer illegaler Substanzen sicher.

Die Beamten auf der Jagd nach Drogendealern.
Die Beamten auf der Jagd nach Drogendealern.
Foto: Martin Schöler
Für die Polizei hatte der Einsatz bereits ein unverhofftes Nachspiel. Autonome betrachteten die Machtdemonstration der Uniformierten als Provokation. "Das wird Rache geben", meinte ein Punker, der das Geschehen aus der Distanz beobachtete. Offenbar überwucherte der Hass auf die Polizei bei manchem Polit-Aktivisten die szeneimmanente Kapitalismuskritik. Gewiss haben die Beschuldigten ihr "Gras" nicht zum Einkaufspreis angeboten, sondern wollten sich auf Kosten anderer bereichern. Die beschlagnahmten Drogen sollen einen Marktwert von mehreren zehntausend Euro haben.

Die Wutreaktionen ließen trotzdem nicht lange auf sich warten. In der Nacht zu Sonnabend warfen Unbekannte Brandsätze gegen das Polizeirevier in der Weißenfelser Straße. Außerdem einen Farbbeutel gegen den Behördensitz in der Dimitroffstraße. In der Prinz-Eugen-Straße errichteten Autonome Barrikaden.

Ein Zusammenhang mit der Razzia am Freitag ist wahrscheinlich, auch weil Sonnabend ein Bekennerschreiben aufgetaucht ist. "Eine Hausdurchsuchung in Connewitz ist immer und in jedem Fall ein Angriff auf das Viertel, ein Angriff auf linke Strukturen, ein Angriff auf uns", meinen seine anonymen Verfasser. "Deshalb nutzten etliche wütende Menschen die darauf folgende Nacht, um ihren Frust über die dreiste Machtdemonstration der Bullen raus zulassen."

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Stadträtin Juliane Nagel (Die Linke) veröffentlichte auf ihrem Blog ein kritisches Statement: "Die Landesbehörde erzeugt mit dem außergewöhnlichen Einsatz ein irreales Bild des Stadtteils Connewitz als Hort von GewalttäterInnen und Kriminellen. Fast lässt sich der Eindruck gewinnen, als wenn mit dieser Aktion die Staffelstab-Übergabe des in den OBM-Wahlkampf scheidenden Polizeipräsidenten Horst Wawrzynski an seinen Nachfolger Bernd Merbitz medienträchtig demonstriert wurde."

Dafür spräche, dass zufällig Mitarbeiter einer bekannten Boulevard-Zeitung pünktlich vor Ort waren, als der Einsatz begann. Unklar blieb zudem, warum die Razzia am späten Nachmittag und nicht, wie gewöhnlich, in den frühen Morgenstunden stattfand. Wollte Merbitz der Connewitzer Szene vorführen, wer in der Stadt das Gewaltmonopol in den Händen hält? Bleibt abzuwarten, ob Leipzigs neuer Polizeichef mit der gleichen demonstrativen Härte gegen die Motorradclubs vorgehen wird, denen ebenfalls Verstrickungen ins Rotlicht- und Rauschgiftmilieu nachgesagt werden.



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