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Lebenslagenreport 2009: Leipzig ganz unten - und die Chance zum Umdenken

Ralf Julke
Thomas Fabian und Kathrin Rieger-Genennig.
Thomas Fabian und Kathrin Rieger-Genennig.
Foto: Ralf Julke
Das Mammutwerk ist fertig - 250 Seiten dick, mit vielen Tabellen und noch mehr Text gespickt: der "Lebenslagenreport Leipzig 2009". Der zweite seiner Art. Der erste erschien 1999. Gestern wurde er vorgestellt. So kurz es eben ging.

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Ein "Instrument für Politik und Verwaltung" soll das Werk werden, sagt Sozialbürgermeister Thomas Fabian. In gewisser Weise wird es das wohl auch. Als Sicht-Raster. Denn im Fokus stehen all jene Leipziger, die eher die Sorge, Obhut und Hilfe der Stadt brauchen. "Relative Armut" nennt Kathrin Rieger-Genennig von der ZAROF GmbH das Konstrukt, mit dem akribisch ermittelt wird, wer alles in der Stadt die staatlichen Transfers tatsächlich braucht und trotzdem am Rande der Gesellschaft dümpelt. Auch wenn sie sagt: "Das Geld allein ist nicht der Maßstab." Am Gelde hängt's am Ende immer. Geld ist der gültige Tauschwert für fast alles, was der Mensch zum Leben braucht: Essen, Wohnung, Wärme, Mobilität, Teilhabe ...

Und auch die akribische Erkundung im Lebensreport zeigt: Teilhabe wird unerschwinglich, wenn Kinder, Erwachsene und Alte mit kargen Überweisungen zurecht kommen müssen. Die simplen Zahlen: 96.000 Leipziger sind "relativ arm". Das "relativ" hier Gegenpart zu "absolut", dem, was man sich unter richtiger Armut vorstellt mit "Bedrohung für Leib und Leben".

"Das", so Rieger-Genennig, "ist in Leipzig eher nicht zu finden." Dafür von jenem Anderen jede Menge. Betroffenen unter anderem: Kinder und Jugendliche, ungefähr 19.000. Was im Klartext heißt: Jedes dritte Kind wächst in einem armen Haushalt auf. Zum Beispiel mit einem allein erziehenden Elternteil. Ungefähr 7.600 der Alleinerziehenden in Leipzig leben derart am Rande der Möglichkeiten, 58 Prozent aller Alleinerziehenden. 9.300 der Leipziger Migranten gelten als arm - jeder und jede Dritte sind das. Von 63.000 Empfängerinnen und Empfängern von ALG II werden rund 15.400 als "relativ arm" gezählt - jede und jeder Vierte.

Da kommt schon das Stirnrunzeln: Aber sie kriegen doch alle dasselbe? - Geld, ja. Aber "relative Armut" bedeutet eben auch Armut an Teilhabe - schlechtere Bildung, mehr Krankheit, weniger gesellschaftliche Kontakte. Ein echtes Problem gerade für Menschen, die länger als zwei Jahre arbeitslos sind. Die stecken in dieser Zahl. Und im Teufelskreis: Je länger sie arbeitslos sind, umso weniger gesellschaftliche Kontakte haben sie, umso immobiler werden sie, umso schlechter vermittelbar.

Kathrin Rieger-Genennig.
Kathrin Rieger-Genennig.
Foto: Ralf Julke
Noch ein Personenkreis gehört hierher: rund 9.000 Senioren, die auf "Stütze" angewiesen sind. 9 Prozent aller Senioren. Das sind schon jetzt deutlich mehr als in Dresden oder Chemnitz, mit denen alle Leipziger Zahlen im Report verglichen werden. Das Ergebnis war zu erwarten: Bei allen Zahlen steht Leipzig schlechter da. Der Grund ist - unübersehbar - das Geld. Nichts anderes.

Und Geld verdient wird in der Wirtschaft. Und zwar zuallererst in der produzierenden Wirtschaft. Da braucht man nicht viel vergleichen. Das ist seit bald 20 Jahren so, dass Leipzig viel zu wenig produzierende Unternehmen hat. Selbst im Vergleich mit Chemnitz und Dresden. Entsprechend war auch das Durchschnittseinkommen der Leipziger über Jahre geringer.

Was da in den letzten zehn Jahren vor allem gewachsen ist, ist der Dienstleistungsbereich. Das Ergebnis ist fatal: Auch wer Arbeit hat in einer Dienstleistungsbranche, ist oft ein Sozialfall. Was da an Arbeitsplätzen entstand in den letzten Jahren, waren zum größten Teil Mini- und Midijobs, also Verhältnisse, wo es für die Arbeit bis zu 400 oder zwischen 400 und 800 Euro gab. Das reicht auch in Leipzig nicht zum Leben.

Sozialbürgermeister Thomas Fabian.
Sozialbürgermeister Thomas Fabian.
Foto: Ralf Julke
Und so stellt sich auch das, was eine Stadt wie Leipzig tun kann für all die in ihrer Lebenslage Benachteiligten als sehr vielfältig, kleinteilig und oft auch langwierig heraus. Der Report bricht es auch auf die Ortsteile herunter. Denn trotz allen Bemühens der Verwaltung, die Entmischungs-Prozesse zu verhindern, haben sich einige Stadtteile als Lebensbereiche manifestiert, in denen sich die Probleme konzentrieren. Und wenig überraschend sind es die bekannten Handlungsräume Leipziger Osten, Leipziger Westen und Teile von Grünau. Was dann auch nichts Neues ist, denn hier versucht die Verwaltung ja schon seit zehn Jahren, übergreifende Lösungen zu finden. Vorerst ohne nachhaltigen Erfolg. Unter anderem auch deshalb, weil die angewandten Förderprogramme begrenzt waren.

"Und wir können nicht davon ausgehen, dass sich in Zukunft die Situation dramatisch verbessert", sagt Rieger-Genennig und meint damit die ganze Problemlage "relative Armut" in Leipzig. Da ist es zwar folgerichtig, insbesondere den Wirtschaftsbürgermeister zu verpflichten und ihm weiter Fleiß bei der Akquise neuer Arbeitsplätze für Leipzig abzuverlangen. Aber die Wahrheit ist auch: All die neuen Arbeitsplätze der letzten Jahre haben die Lage nicht wirklich entschärft. Der ganze Report schreit nach anderen Lösungen und neuen Ansätzen.

Ansätzen, die auch einem anderen Phänomen gegensteuern, das im "Lebenslagenreport" Kontur erhält: der zunehmenden Vereinzelung der Betroffenen, das Wegschmelzen der traditionellen Familiennetzwerke. Wo kein Ersatz oder neue Lösungen gefunden werden, werden die Vereinzelten allesamt zu Sorgefällen für eine Kommune, die jetzt schon knausern muss mit dem Geld. Es schält sich das Bild einer anderen Stadtpolitik heraus, die solidarischeres Miteinander fördert und entwickelt. Eine wirklich familienfreundliche Stadtpolitik.

Mehr zum Thema:

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Die es auch in Leipzig noch nicht gibt. Sonst wären nicht derart viele Kinder in der Armutsfalle. Wahrscheinlich muss sich dafür wirklich das Denken ändern. Auch das der politischen Akteure. Von einem Verteilungsdenken hin zu einem Beteiligungsdenken.

Das ist schwer. Und vielleicht braucht es auch einen ergänzenden "Lebenslagenreport" - für all jene nämlich, die hier nicht bedacht werden, jene, die über Geld und Ressourcen der Stadt verfügen und die Stadtpolitik tatsächlich bestimmen. Wenn dieser Report zum Denken anregt, dann kann es spannend werden.


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