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Eine Tafel für Ernst Bloch: Denken heißt Überschreiten

Ralf Julke
Kulturdezernent Georg Girardet und Jan-Robert Bloch.
Kulturdezernent Georg Girardet und Jan-Robert Bloch.
Der 8. Juli 2005 ist der 120. Geburtstag des Philosophen Ernst Bloch. Natürlich, das auch. Nicht umsonst wurde gerade zu diesem Datum die Gedenktafel an jenem Haus enthüllt, in dem er mit seiner Familie fast zehn Jahre lang wohnte, bevor er - nach de Zwangsemeritierung 1957 - im Jahr 1961 die DDR verließ. Jenes Land immerhin, in das er - aus Cambridge/Massachusetts kommend - 1949 gekommen war und dachte, es wäre "das Reich der Freiheit". Vielleicht war es das auch.

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Wenigstens in den Vorstellungen vieler Emigranten, für die der Ostteil Deutschlands die mögliche bessere Hälfte Deutschlands war, ein Ort der Utopie. Nicht nur für Bloch, auch für Leute wie Brecht, Hans Mayer, Hanns Eisler. Der Aufbau-Verlag unter Leitung von Klaus Gysi plante ja sogar eine Werkausgabe mit Blochs Schriften. 1955 bekam der Leipziger Philosophieprofessor sogar den Nationalpreis. Stalin war tot. Die Rede Chruschtschows zur "Entstalinisierung" stand noch bevor. Alles schien möglich. Ein Jahr später begann die offizielle Verleumdung Blochs, dessen Hauptfehler auf einmal war, sich mit seiner Philosophie ganz in der Tradition von Karl Marx zu begreifen.

Jan-Robert Bloch.
Jan-Robert Bloch.
Nicht umsonst knallte die LVZ, damals noch Organ der Bezirksparteileitung der SED, die Titelzeile hin: "Verrat unter falscher Flagge". Eine Schlagzeile übrigens, die Jan-Robert Bloch, Sohn des Philosophen, 50 Jahre später sogar beinah als poetisch zu werten weiß. "Das erinnert mich doch sehr an die Freibeutergeschichten von Marryatt, an das Schiff mit 50 Kanonen und die Seeräuber-Jenny."

Woran er sich tatsächlich erinnert, ist der Gartenplausch Berthold Brechts und Hanns Eislers mit dem gerade 70. Geburtstag feiernden Ernst Bloch im Garten hinterm Haus. Adresse: Wilhelm-Wild-Straße 8. Leipzig. Das war also auch im Jahr 1955. Vor der Garage stand der grau-grüne Pobeda, eine russische Nobelkarosse. Übersetzt: der "Sieg". Das passte. Bloch schien es endlich geschafft zu haben nach seiner Vertreibung aus Deutschland 1933 und dann - ab 1938 - dem Aufenthalt in den USA, wo er "das einfache Leben" so richtig kennen lernte. Seine Frau verdiente als Architektin das Geld. Er selbst schrieb Bücher, die kein amerikanischer Verlag drucken wollte.

Als Leipzig dem Philosophen 1949 einen Lehrstuhl anbot, folgte er de Einladung sofort. Eine vergleichbare Geste aus Westdeutschland gab es nicht. 1949 war vieles, scheint es, noch einfach. Bis Bloch sich intensiver mit der Frage zu beschäftigen begann: Hat sich der Marxismus nun bis zur Unkenntlichkeit verändert? Oder bis zur Kenntlichkeit? - Die Antwort auf die Frage wolle die ostdeutsche Nomenklatura bekanntlich nicht wissen. Und machte aus Blochs so idyllischem Reich der Freiheit sehr bald ein sehr bedrückendes "Reich der Notwendigkeit". Ein IM Wild plaudert mit intimster Detailkenntnis in den Akten der Staatssicherheit über das Leben im Hause Bloch.

Kulturdezernent Georg Girardet und Jan-Robert Bloch.
Kulturdezernent Georg Girardet und Jan-Robert Bloch.
Der 71jährige kann sich nur wundern über die energieaufwändigen "Turnübungen im Überbau", wo doch sichtlich der Aufbau des Landes eigentlich alle Kräfte forderte. Am Ende wurde er in Tübingen mit offenen Armen empfangen. Und die große Werkausgabe erschien im hessischen Suhrkamp-Verlag, nicht bei Aufbau, "wo Gysi als Herausgeber völlig versagte".

Das jedenfalls sagt Blochs Sohn Jan Robert, der zur Tafel-Enthüllung extra nach Leipzig kam, über die Zeit damals sprach und seine eigenen Erfahrungen mit dem Lernen in der 48. Grundschule und der Max-Klinger-Schule. "Da lernte ich bald, dass selbstständiges Denken einen nicht weiterbrachte." Jedenfalls nicht in diesem seltsamen Ost-Deutschland. Seine ersten Schuljahre in Kalifornien hatten ihn andere Lehrer kennen lernen. "Die forderten uns heraus, unseren eigenen Kopf zum Denken zu benutzen." Der Wechsel nach Tübingen war für die Familie Bloch auch der Abschied von einem beinah großbürgerlichen Leben.

Es war wieder "das einfache Leben", das sie erwartete. Ein einfaches Leben, das auch hieß: Freunde verraten einen nicht. Das sich Leipzig noch immer schwer tut mit dem streitbaren Philosophen Ernst Bloch, ist bekannt. Noch vor zwei Jahren entschied sich der Senat der Universität dagegen, den Neubau der geisteswissenschaftlichen Fakultät nach Bloch zu benennen. Es waren insbesondere die Historiker, die sich dagegen entschieden. Nachdem die Uni den Namen Karl Marx los geworden sei. könne man nicht wieder den Namen eines durchaus umstrittenen Denkers ins Kalkül ziehen.

Vielleicht wird sich der Senat in naher Zukunft anders entscheiden. Der Vorschlag liegt wieder auf dem Tisch. Wer jetzt freilich in die Wilhelm-Wild-Straße in Schleußig pilgert, findet die von Ulf Puder gestaltete Tafel nicht an der Mauer des Hauses. Das wollte der jetzige Besitzer nicht. Sie wurde - etwas unauffälliger - rechts von der Garagenzufahrt angebracht. Der Text ist aber etwas zum Nachdenken beim Weitergehen: "Denken heißt Überschreiten. In diesem Haus lebte und arbeitete der Philosoph des 'Prinzip Hoffnung' in den Jahren 1949 bis 1961".

Was ja auch zuweilen vergessen wird: Dass es das "Noch-nicht-Seiende" ist, dass die Menschen antreibt, die Welt verändern zu wollen. Bloch hat dies das "Prinzip Hoffnung" genannt. Und danach gelebt, sonst hätte er - mittlerweile 76jährig - nicht in Tübingen noch einmal so von vorn beginnen können. So eindrucksvoll, dass auch die Tübinger Studenten von ihrem Professor so schwärmen, wie es die damaligen Leipziger Studenten ebenfalls tun.

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