Aus, tschüss und vorbei: Reclam Leipzig ist Geschichte
Ralf Julke
07.12.2005
Die Meldung aus Stuttgart war knapp. Zum 31. Dezember 2005 ist das Kapitel Reclam Leipzig zu Ende. Die Leipziger Zweigstelle des seit 1947 in Stuttgart heimischen Verlages wird geschlossen, die unter dem Label Reclam Leipzig produzierten Titel werden fortan in Stuttgart betreut. Das 1991 begonnene Experiment, das Leipziger Traditionsunternehmen unter dem Dach des (West-)Mutterhauses fortzuführen, ist gescheitert.
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Das liegt nicht nur an den Sparplänen, mit denen Reclam versucht, sein anspruchsvolles Taschenbuchprogramm auch in Zeiten klammer Börsen gerade bei der wichtigsten Käuferklientel zu halten. Das Ende hat eine Geschichte, die im Jahr 1990 begann, als der in Leipzig verbliebene Verlagsteil sein Alleinvertretungsrecht für die Marke Reclam im Osten verlor. Man war zwar in einer Kooperationsvereinbarung überein gekommen, dass Leipzig unter dem Namen Reclam Leipzig weiterproduzieren durfte. Aber Titel, die in der berühmten gelben Reihe schon vertreten waren, waren für Leipzig tabu. Der kurzzeitige völlige Verlust von Buchkäufern ließ den Verlag innerhalb eines Jahres in die roten Zahlen rutschen.
Nur einen kurzen Moment lang zeichnete sich im Frühjahr 1991 eine andere Perspektive für den 1828 in Leipzig entstandenen Verlag ab: Verlagsleiter Stefan Richter brachte eine Neugründung ins Gespräch. Aus der Distanz betrachtet wahrscheinlich der vernünftigste Vorschlag - der 1991 freilich keine Chance hatte. Die Leipziger Belegschaft stimmte für die Angliederung ans Stuttgarter Haus. Was folgte, waren Jahre mit immer neuen Krisen und immer neuen Versuchen, sich im Profil des Traditionsunternehmens immer wieder neu zu erfinden. Am auffälligsten war 1995 die Einführung einer völlig neu gestalteten Taschenbuchreihe durch den damaligen Verlagsleiter Rainer Moritz, mit der er insbesondere dem modernen Frauenroman Eingang in die Produktion verschaffte. Das brachte dem mittlerweile wieder an alter Adresse in der Inselstraße heimischen Tochterverlag zwei Jahre lang Verkaufserfolge.
Als die mit dem anbrechenden neuen Jahrtausend ausblieben und sich die deutsche Kaufkraftkrise auch beim Buchabsatz bemerkbar machte, ging Moritz lieber zum Hanser-Verlag. Der jüngste Versuch von Maria Köttnitz (ab 2000), dem kleinen Verlag im Reclam-Carré ein neues Profil und eine neue Qualitätsnote zu verpassen, wurde jetzt mit der Reißleine gestoppt. Ein Experiment ist gescheitert, das man umreißen kann mit dem Satz: Bei zwei Reclam-Verlagen ist immer einer zu viel. Im Schatten des schlagkräftigeren, der noch dazu alle Rechte auf die Traditions-Marke hat, hat der Kleinere keine Chance.
Streckenweise verschwanden seit 2000 auch die Leipziger Taschenbücher komplett aus den Buchhandlungen, denn die flächendeckende Filialisierung des Marktes führte zwangsläufig auch zum paketweisen Ordern der Ware. Das hieß für Leipzig: 20, 25 Titel im Jahr waren zu wenig. Mit solchen Margen gaben sich Großbuchhändler nicht mehr ab. Man kaufte Verlagsprogramme in Hunderter-Paketen. Was selbst größere Taschenbuch-Verlage zum Fusionieren zwang. Oder sie wurden einfach aufgekauft. Mit den Leipziger Taschenbuchtiteln war einfach kein Geld mehr zu verdienen.
Logisch, dass Maria Köttnitz versuchte, mit guten Autoren aus Island, Schweden und den Niederlanden ein neues Qualitätsprofil im Hardcover aufzubauen. Aber auch das ist ein Spiel auf gut Glück, denn wenn Autoren „einschlagen“, dann hat ein kleines Unternehmen wie das Leipziger ganz schlechte Karten, dann kann es beim Lizenzpoker nicht mehr mithalten. So ging ja schon Anfang der 90er Jahre Robert Schneider verloren, dessen „Schlafes Bruder“ in Leipzig gedruckt wurde, nachdem 20 namhafte Verlage das Manuskript abgelehnt hatten.
Solche Funde im deutschen Sprachraum sind selten. Und im Stammhaus in Ditzingen war man auch nicht so sehr überzeugt, dass man die Novitäten im eigenen Verlagskonzern produzieren müsse. Noch fährt man dort gut mit dem preiswerten Nachdruck aller Titel, deren Rechte für den deutschen Markt frei werden. Wer von den Guten lange genug tot ist, wird automatisch zum Klassiker - und damit zum Reclam-Klassiker. Aus dieser Sicht war der Versuch Leipzig immer ein überflüssiger und nur ein gnädiges Zugeständnis an den Standort, wo 1868 die berühmte Reclam-Reihe ins Leben gerufen wurde.
Konsequent wäre natürlich ein kompletter Rückzug Reclams ins Leipziger Graphische Viertel gewesen. Aber so viel Mut hatte man in Stuttgart nicht. Genauso wenig, wie man diesen Mut bei Kiepenheuer fand, dessen Leipziger Namensvetter schon 2003 die Segel strich. Chancen hat nur, wer sein Profil schärfen kann, ohne auf Mutterhäuser, egal wo sie sitzen, Rücksicht nehmen zu müssen. Die Chance hatte Reclam Leipzig nicht.
Was bleibt? Eine sehr junge Verlagslandschaft mit Leuten, die das Büchermachen so eigensinnig betreiben, wie es Leipzigs Verlager auch vor 150 Jahren schon taten. Man kann ihnen nur ein gutes Händchen, starke Nerven und jede Unterstützung wünschen, die diese Stadt zu bieten hat. Am „Ranking“ der deutschen Buchstädte wird die Auflösung von Reclam Leipzig übrigens gar nichts ändern. Bei einer Jahresproduktion von rund 500 Titeln sind 25 Titel mehr oder weniger auch nicht mehr der Rede wert. Der Rest ist eine nette Erinnerung.
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