Abrisspläne in Eutritzsch: Stadtforum ruft zur Demonstration auf
Ralf Julke
23.03.2006
Die Leipziger Wohnungs- und Baugesellschaft (LWB) macht Druck. Sie will die Gunst der Stunde nutzen und mit Abrissgeldern des Stadtumbau-Programms Ost abreißen, was derzeit noch unsaniert ist und den Bestand der städtischen Wohnungsgesellschaft belastet. Eines der nächsten Opfer soll der Häuserkomplex Zerbster Straße 1 bis 7, Hohmannstraße 9 bis 12, Heinz-Kapelle-Straße 1 bis 4 in Eutritzsch werden.
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Wenn es nach derzeitigen Absprachen mit der Stadtverwaltung geht, dann darf sie das auch. Dann rollen demnächst die Bagger und reißen eine der frühesten Anlagen des sozialen Wohnungsbaus in Leipzig weg, die zur Zeit ihrer Errichtung beispielgebend für Deutschland war, vergleichbar dem Rundling in Lößnig. Erbaut hat die Anlage 1923 der Architekt Alfred Liebig. Noch ist die Häuserzeile intakt und macht sichtbar, dass hier mit Sorgfalt auch ein architektonisch gelungenes Stück Wohnungsbau erhalten werden kann.
Es geht um 175 Wohnungen, die in ihrem Zuschnitt sogar ideal geeignet wären, ein zentrales Anliegen der LWB selbst zu erfüllen: „Angesichts eines steigenden Bedarfs an günstigen kleinen bis mittleren Wohnungen wird es künftig stärker darum gehen, entsprechende Angebote zu schaffen“, verheißt die Gesellschaft in ihrer Strategie für das laufende Jahr. Und hat nicht nur die Wohnanlage in Eutritzsch, sondern gleich ein halbes Dutzend ähnlicher Anlagen im Stadtgebiet zum Abriss beantragt.
Und die Stadt spielt das Spiel ohne Grenzen mit, erklärt mit Abrissgenehmigungen die Stadtteilentwicklungspläne (STEP) gleich reihenweise für ungültig und gibt wichtige Areale des Stadtraumes zur Planierung frei. Segnet damit aber auch 15 Jahre Politik ab, die mit einem Millionen-Aufwand versucht hat, das Neubaugebiet Grünau zu erhalten, während die LWB innerstädtische Wohnanlagen stets versuchte, an Privatinvestoren zu verkaufen. Was auch im Fall der Zerbster Straße nicht gelang.
Übrigens ein Warnzeichen für die nach dem Dresdner Verkauf der WOBA aufblühenden Träume eines gleichwertigen Verkaufs der LWB: Ein attraktiver Preis im Milliarden-Bereich lässt sich nur mit weitgehend saniertem Bestand und hohem Vermietungsgrad erreichen. Zwei Parameter, die die LWB durch ihre massiven Abrisse im Stadtgebiet jetzt sichtlich verbessern will. Auf Kosten nicht nur der Stadtstruktur, sondern auch der Steuerzahler. Denn gerade im Vorzeigeprojekt Grünau flossen selbst in den letzten fünf Jahren noch Millionen an Fördergeldern.
Eine Entwicklung, die die SPD-Landtagsabgeordnete Margit Weihnert so kommentiert: „Es besteht Gefahr, dass die begrenzt zur Verfügung stehenden Ressourcen des Stadtumbaus allein schon in solchen Stadtbereichen aufgezehrt werden, die seriös ohnehin kaum zu halten sind."
Nicht ohne Grund verlangen jetzt westdeutsche Kommunen von Dresden die gezahlten Fördergelder zurück. Es ist ein Unding, eine städtische Gesellschaft mit Fördergeldern erst marktreif zu sanieren und dann den Erlös einzustreichen. Das sollte auch Leipziger Verkaufs-Enthusiasten zu denken geben.
Dass die Leipziger Wohnungsgesellschaft jetzt so radikal abreißen will, hat rein formale Gründe: Der Abriss von Wohnraum wird im Stadtumbau-Programm Ost zu 100 Prozent aus Bundesmitteln gefördert. Im Klartext: Wer Häuser egal welchen Erhaltungsgrades mit der Abrissbirne vom Markt nimmt, kann sich mit der Aktion sogar eine goldene Nase verdienen. Bei Aufwertung, also der zukunftsträchtigen Sanierung von Wohnanlagen, tragen zwar Bund und Land jeweils ein Drittel der aufgewendeten Summe, die Stadt aber muss selbst ein Drittel beisteuern. Und das Geld hat sie - nach all den finanziellen Eskapaden der letzten Jahre - nicht mehr.
Für die LWB kommt hinzu, dass 15 Jahre falscher Sanierungsstrategie jetzt mit dem Abrissbagger aus der Welt geschafft werden können. Gedacht ist der Stadtumbau Ost dafür eigentlich nicht. Als er aufgelegt wurde, sollte er dazu beitragen, insbesondere ostdeutschen Kommunen das Zurück-Schrumpfen auf eine bezahlbare und zukunftsfähige Größe zu ermöglichen. Mit Betonung auf „zukunftsfähig“, denn im Rahmen der demografischen Entwicklung werden ostdeutsche Kommunen künftig in der Regel kleiner, einwohnerärmer und auch finanziell schlechter ausgestattet sein. Sie werden sich die in den letzten Jahrzehnten aufgeblähten Infrastrukturen nicht mehr leisten können. Und - was die Sache verschärft - je weniger Einwohner sie haben, um so teurer werden die noch vorhandenen Infrastrukturen für jeden Einzelnen. Jeder Kilometer Gas- und Wasserleitung, jede zusätzliche Stromleitung, jeder zusätzliche Abwassersammler tauchen auf der Betriebskostenabrechnung mit auf. Bei allen wichtigen Versorgungsparametern haben Leipzigs Stadtplaner drauflos gebaut, als gelte es, eine Millionenstadt zu versorgen. Ganze neue Wohngebiete wurden an den Stadtgrenzen hochgezogen. Ohne Druck übrigens. Seit Mitte der 90er Jahre ist das Überangebot von Wohnungen in Leipzig mit rund 30.000 relativ konstant. Nur innerstädtische Wohnviertel wie die Südvorstadt sind mittlerweile zu über 90 Prozent ausgebucht. Übrigens ohne Zutun der Stadtplaner oder der städtischen Wohnungsgesellschaft.
Das Revival des einst berühmten Leipziger sozialen Wohnungsbaus haben andere, vor allem traditionelle Leipziger Wohnungsgenossenschaften, ausgelöst. Nur die stadteigene LWB hat den Trend völlig verschlafen und die Fördergelder lieber in Plattensanierungen investiert. Ohne dass es übrigens gelungen wäre, die Nebenkosten in den sozialistischen Fließbandbauten signifikant zu senken. Die liegen im Gegenteil deutlich über dem Leipziger Durchschnitt. Eine Botschaft, die bislang die Stadtplaner auch noch nicht erreicht hat.
Aber was können Leipziger Bürger tun gegen den drohenden Abriss der inneren Stadt? Demonstrieren, meint das Stadtforum Leipzig, ein Zusammenschluss von immerhin 20 Leipziger Vereinen und Initiativen. Am Sonntag, 9. April ruft das Stadtforum Leipzig auf, sich zur Demonstration am Wohnblock Zerbster Straße einzufinden. Beginn der Demonstration ist 14 Uhr und es ist wohl eine der ersten Gelegenheiten, zu der Leipziger Bürger öffentlich demonstrieren können gegen eine kurzsichtige, rein von Bilanzeffekten getriebene Stadtpolitik ohne Vision - und ohne Verantwortung.
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