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Interview mit Franziska Möbius: Wenn Kinder auf Straßen unerwünscht sind

Ralf Julke
Franziska Möbius.
Franziska Möbius.
Seit September stehen sie tapfer am Goerdelerring: zehn Kinder aus Holz. Manche klettern, andere spielen mit dem Reifen. Und immer wieder schauen Autofahrer verdutzt: Die gehören hier doch gar nicht her! - Die Kinder sind eine Idee der Leipziger Künstlerin Franziska Möbius. In Halle hat die 38jährige Malerei, Textilgestaltung und Videokunst studiert. Seit 1998 lebt sie Leipzig, hat zwei Kinder und weiß genau, wie gefährlich das Leben der Kleinen ist.


Sie wohnen im Waldstraßenviertel. Hat die Installation am Goerdelerring damit etwas zu tun?

Natürlich. Die Kreuzung ist wohl eine derjenigen, an der man am deutlichsten sieht, wie wenig in Leipzig an Kinder gedacht wird. An kleine Kinder. Ich muss da oft genug lang. Und es gab mehr als eine Situation, wo es für richtig gefährlich wurde und wo ich mich jedesmal gefragt habe: Denken die nicht an Kinder, wenn die so etwas planen.

Das heißt, am Anfang der Idee stand die Sorge um die Kinder.

Nein. Am Anfang war die Wut. Ganz schlicht die Wut. Wir wohnten vorher im Osten in der Nähe der Riebeckbrücke. Da dachte ich schon: Schlimmer kann es nicht werden. Wo Autofahrer die Chance sehen, treten sie aufs Gas. Aber da hab ich getäuscht. In der neuen Jahnallee ist es fast noch schlimmer. Gas geben, durchbrettern bis zur nächsten Ampel. Wenn da ein Kind auf die Straße läuft, hat es keine Chance.

Spielende Kinder sind bei diesen Straßen ja wohl auch nicht eingeplant.

Nein. Augenscheinlich nicht. Obwohl das Straßen sind, die mitten durch Wohngebiete führen. Ich verstehe das sowieso nicht, warum man in solchen Vierteln solche Schnellstraßen bauen muss. Wie gesagt: Am Anfang war die Wut. Ich war so wütend, dass ich eigentlich richtig heftige Aktionen machen wollte. Mit Straßensperrung, Leuten, die auf der Straße liegen. Aber davon hat mir dann der Fahrradclub abgeraten, der ADFC. Das würde ich nie erlaubt bekommen. Auch nicht mit gesperrten Straßen. Am Innenstadtring schon gar nicht. Also änderte sich das ganze Projekt, hab ich anfangs über Schaufensterpuppen und Gestalten aus Kunstharz nachgedacht. Richtig lebensecht. Da wäre der Schreckensmoment noch größer gewesen.

Franziska Möbius.
Franziska Möbius.
Alles rund um den Goerdelerring?

Nein. Der war dann nur die letzte Lösung. Zuerst wollte ich es direkt am Bahnhof machen, da, wo viele Menschen vorbeikommen und stehen bleiben können und sich Gedanken machen. Aber da haben die LVB nicht mitgespielt. Überall Baustellen, haben sie gesagt. Da ist kein Platz mehr.

Baustellen? Das ist doch jetzt vorbei.

Unsere Aktion war ja auch vor der WM geplant. Richtig im Gedränge, damit jeder merkt, das da was los ist. Aber das wollte die Stadt nicht. WM war tabu. Deswegen sind wir in den Herbst gerutscht.

Wer sind "wir"?

Stephan Voigtländer und ich. Stephan ist Bildhauer. Und er war es auch, der die Idee mit den Kindern hatte. Als ich ihm letztes Jahr erzählt hab, was ich machen wollte, hat er gesagt: Lass mich mal machen. Er hat dann die ersten Kinder aus Holz geschnitten. Das sind die, die ich für mich "die Thomaner" nenne, die mit der blauen Kleidung.

Das heißt: Die Idee, Kinder an diesen Schnellstraßen spielen zu lassen, war da schon relativ klar?

Ja. Da waren wir uns einig. Auf meinen Wunsch hin, hat er dann auch noch die Kinder gemacht, die jetzt auf der Verkehrsinsel spielen. Um einfach deutlich zu machen, worum es mir geht. Denn wenn wir mal ehrlich sind: Man sieht ja keine Kinder mehr auf der Straße spielen. Nirgendwo. Auch nicht in den Seitenstraßen. Die Straßen gehören den Autos. Und nur den Autos. Wer seine Kinder da raus lässt, muss immer mit dem Schlimmsten rechnen.

Also eine heftige Abrechnung mit den Leipziger Verkehrsplanern.

Natürlich. Den Leuten scheint überhaupt nicht bewusst zu sein, dass in so einer Stadt auch noch Kinder leben. Wobei es ja nicht nur um Kinder geht. Es geht auch um ganz normale Fußgänger und Radfahrer. Wer so unterwegs ist, riskiert immer sein Leben.

Kinder im Weg.
Kinder im Weg.
Und wer hat das Ganze dann bezahlt?

Es gab Förderung. Doch, tatsächlich. Das Kulturamt hat wirklich Geld gegeben und fand die Idee auch keineswegs daneben. Man hat mir - wie gesagt - nur zu verstehen gegeben, dass ich bitteschön bis nach der WM warten sollte. Deswegen ist das auch ein wenig verpufft. Nur ja kein Aufsehen während der WM! Vielleicht gar noch Extra-Staus. Dabei wäre das in der Zeit der Knaller gewesen. Die Besucher hätten alle dran vorbei gemusst.

Jetzt wirken die Kinder trotzdem gefährdet. Besteht nicht die Gefahr, dass sie angefahren werden?

Das ist alles mit dem Ordnungsamt abgesprochen. Die haben auch genau geprüft, ob die Figuren wirklich mindestens 1,50 Meter vom Fahrbahnrand entfernt stehen. Das haben sie mit dem Maßband nachgemessen.

Bleiben die Kinder nun dauerhaft am Ort? Darf man sich an die lustigen Gestalten gewöhnen?

Nein. Leider nicht. Bis zum 15. November dürfen sie da bleiben. Dann holen wir sie rein. Sie sind ja auch nicht imprägniert und würden gegen Regen, Schnee und Eis nicht lange stand halten.

Aber das wird nicht das klanglose Ende der Aktion sein?

Nein. Es gibt schon Anfragen aus Hamburg. Da gibt es Leute, die würden die Aktion bei sich auch gern machen. Die Probleme sind ja in allen Großstädten dieselben. Und auch hier in Leipzig gibt es Interessenten, die würden die Kindern gern zu sich vor die Tür holen, einfach um zu zeigen, dass es auch vor ihrem Laden richtig gefährlich ist. Ich denke, da wird es noch einige Aktionen dieser Art geben.



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