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Die Tücken der Auswertung: Leipzig in EU-Städte-Umfrage auf Platz 20

Ralf Julke
Die Nachricht ging in der letzten Woche über die Ticker. Fast unverändert wurde sie in Zeitungen und Magizinen veröffentlicht: "Leipzig gehört zu den lebenswertesten Städten". In einer europaweiten Umfrage von Gallup Hungary war Leipzig unter 75 Städten unverhofft auf Platz 3 gelandet - als augenscheinlich lebenswerteste deutsche Stadt. Die Umfrage erwischte Leipzigs Statistiker überraschend. Sie druckten gerade den neuesten Quartalsbericht.


"Es kam nicht ganz überraschend", sagt Dr. Josef Fischer. Leiter des Amtes für Statistik und Wahlen. "Wir haben schon seit längerem auf diese Umfrage gewartet. Aber dass sie ausgerechnet jetzt rauskam, war doch etwas unverhofft." Eine ähnliche Umfrage hatte die EU-Kommission schon 2004 einmal in Auftrag gegeben. Damals wurde in 31 europäischen Städten nachgefragt. Damals waren vier deutsche Städte im Ranking vertreten - neben Leipzig noch Berlin, Dortmund und München. Diesmal waren auch noch Essen, Hamburg und Frankfurt/Oder dabei. Und Leipzig schien unangefochten die deutsche Nummer 1 zu sein.

Was so nicht stimmt. Nicht einmal in der aktuellen Gallup-Umfrage, denn die Ungarn hatten es sich in der Auswertung zu einfach gemacht: schlicht die schlechten Werte von den guten abgezogen - fertig der Kuchen. "Wir haben das Ganze natürlich umgerechnet und den Mittelwert gebildet, wie wir es schon beim letzten Mal getan haben", sagt Josef Fischer. "Da liegt dann Leipzig auch noch gut im Rennen. Aber das Ergebnis ist ein klein wenig ein anderes." Danach landet die Messestadt unter den 75 europäischen Städten auf dem ansehnlichen Platz 20 in Sachen Wohnzufriedenheit. Die polnischen Städte Krakow und Gdansk übernehmen die Spitze mit Spitzennoten von 1,17 und 1,21.

Mit 1,35 stellen die Leipziger ihrer Stadt noch immer ein gutes Zeugnis aus. Aber die Stadt landet damit in einem dicht gepackten Mittelfeld zwischen Luxembourg und dem finnischen Oulu. Und ist deutlich nicht mehr die deutsche Nummer 1. Die Position erreicht Hamburg mit PLatz 6 vor München auf Platz 13. Und damit wird auch bestätigt, was die Umfrage "Perspektive Deutschland 2006" ergab. Da wurden die Einwohner der 15 größten deutschen Städte nach ihrer Lebenszufriedenheit befragt. Und auch dort landeten Hamburg und München deutlich vor Leipzig. Ganz zu schweigen von den meisten anderen Großstädten, die in der Gallup-Umfrage überhaupt keine Berücksichtigung fanden.

Denn der Deutschland-Sieger hieß eindeutig Stuttgart, das vor München, Düsseldorf und Bremen landete im Vergleich der Wohnzufriedenheit. 83,1 Prozent der Stuttgarter waren zufrieden mit ihrer Stadt, in Leipzig waren es nur 65,2 Prozent der Befragten. Unter Deutschlands großen 15 nur der 12. Platz. Berlin und Dortmund - die auch in der Gallup-Umfrage hinter Leipzig landen, belegten im Zufriedenheitswert damals die Ränge 13 und 14. Nur Essen lag im Deutschlandvergleich einen Platz vor Leipzig. Was natürlich im Europavergleich bedeutet, dass die meisten deutschen Großstädte, wenn sie denn gewertet werden, sich im Vorderfeld der Metropolen platzieren können.

Die Nummer 1 im Osten wäre aber Dresden, nicht Leipzig. Das Amt für Statistik und Wahlen hat alle 23 Fragen, die die Gallup-Befrager 2006 jeweils 500 Bürgern der 75 Städte stellten, in einer eigenen Broschüre aufbereitet und nach dem objektiveren Mittelwert gelistet.

Die Ergebnisse geben auch dem Selbstverständnis Leipziger Lokalpolitik neues Futter.Danach sind die Leipziger mit dem öffentlichen Nahverkehr überdurchschnittlich zufrieden: Platz 7. Was kein Leipziger Phänomen ist. München (3), Hamburg (4), Berlin (6) und Dortmund (8) komplettieren das deutsche Spitzenfeld im Europa-Vergleich. Frankfurt/Oder kommt auf Platz 10. Was im Klartext heißt: Der ÖPNV in Deutschland ist für Europa beispielhaft und die europaweite Privatisierungsdiskussion um den Nahverkehr bringt eines der wichtigsten Vorzeigeprojekte öffentlicher Versorgung auf den Ladentisch. Ohne Not.

Dafür sind die Leipziger mit den Schulen in der Stadt nicht ganz so zufrieden. Die Ursache liegt aber weniger in der teils maroden Bausubstanz, sondern darin, dass 34 Prozent der befragten Leipziger meinten, sie könnten zu dem Thema nichts sagen. Ein böser Nebeneffekt der schlichten Tatsache, dass immer weniger Kinder geboren werden und immer weniger Leipziger mit dem Thema Schule in Berührung kommen.

Dass Leipzigs Kultur ein Pfund ist, bestätigen die Leipziger ebenfalls, platzieren die Stadt hinter Amsterdam auf Platz 7 im Ranking, gar nicht weit hinter Wien und München.

Beim öffentlichen Zugang zum Internet sagten 47 Prozent der befragten Leipziger, davon hätten sie keine Ahnung. Ein Zeichen dafür, dass Internet - anders etwa als in Estland - in der Bundesrepublik nicht als öffentliches Gut betrachtet wird und der Internetzugang als Bildungschance. Ähnliche viele Weiß-ich-nicht gab es auch in den anderen deutschen Großstädten. Internet ist in Deutschland eher eine Privatangelegenheit. 42 Prozent der Leipziger sind mit ihrem Internetanschluss daheim sehr zufrieden.

Bei der Frage nach der Leichtigkeit, eine Arbeitsstelle zu finden, schmieren fast alle europäischen Städte ab. Nur in 14 der 75 Städte sahen die Bürger die Chancen auf eine gute Arbeitsstelle als gut an. Leipzig landet auf Platz 66 hinter Berlin, knapp vor Ankara und Istanbul.

Wie subjektiv die Befragungsergebnisse sind, zeigt die Frage nach der Ausländerintegration. Hier landet Leipzig auf einem 52. Platz, knapp vor Belfast und Rom und deutlich hinter Städten, in denen es nachweislich mehr Probleme mit Migranten gibt, etwa Glasgow (22) und Manchester (23) oder Bordeaux (36). 28 Prozent der Leipziger meinten, sie könnten zum Thema nichts sagen. Was dann den 38 Prozent, die eher eine schlechte Ausländerintegration in Leipzig sahen, ein Übergewicht gab. In Burgas (Bulgarien), einem traditionellen Ferienort, meinten nur 8 Prozent der Bürger, Ausländer seien schlecht integriert. Dort konnten zwar 39 Prozent nichts zum Thema sagen, der Rest aber äußerte sich positiv. Dafür versauten sich ausgerechnet die Schweden die Bilanz, von denen 78 Prozent (Stockholm) bzw. 83 Prozent (Malmö) meinten, Ausländer seien schlecht integriert. Im Effekt gewinnen in dieser Kategorie just die Länder, die sich mit dem Thema Integration am wenigsten auseinander setzen.

Einen ähnlichen Effekt gibt es beim Thema Finanzen. Die Umfrage fiel just in die Zeit der großen Debatten um Verschuldung und Stadthaushalt in Leipzig. Prompt attestierten die Leipziger der Stadt einen eher verantwortungslosen Umgang mit den Geldern: Trauerplatz 61. Was in Zeiten, als in Leipzig tatsächlich noch millionenschwere Schulden produziert wurden, so wahrscheinlich nicht geschehen wäre. Die Prügel bekommt nicht der Verschwender, sondern der Sparminister.

Wo Leipzig unter den sieben befragten deutschen Städten tatsächlich Spitze ist, das ist die Möglichkeit, eine freie Wohnung zu finden, und die Hoffnung, in den nächsten fünf Jahren würde es sich noch angenehmer hier leben. Mit dem Optimismus liegen die Leipziger immerhin auf Rang 24, während Dortmund als nächste deutsche Stadt auf Rang 54 landet. In Hamburg und München sieht man die Zukunft wesentlich pessimistischer als etwa in Palermo oder Verona.

Die aufbereitete "EU-UMfrage 2006 zur Lebensqualität in Städten" ist für 5 Euro erhältlich bei der Stadt Leipzig, Amt für Statistik und Wahlen, 04092 Leipzig. Direktbezug: Stadt Leipzig, Amt für Statistik und Wahlen, Burgplatz 1, Stadthaus, Zimmer 228


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