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Wir sind Marx! Wie eine Schrott-Geschichte zum Leipziger Giganten-Streit aufgeblasen wurde

Ralf Julke
Wenn du keinen Skandal hast, dann machst du dir einen. Aber wie? Schnapp dir ein Thema, blas es auf und sorg dafür, dass alle Lautsprecher ihren Senf dazu geben. So geschehen gerade wieder in Leipzig um einen Herrn namens Karl Heinrich Marx. Nicht unbedingt, weil der Bursche im Mai 190 wird oder sich im März sein 125. Todestag jährt. Es geht einmal mehr um das Marx-Relief, das eigentlich "Aufbruch" heißt, aber eigentlich nur 30 Tonnen Bronze ist.

Gestalter im Handwerk
Gestalter im Handwerk Zweijähriger berufsbe-
gleitender Studiengang

Propagandakunst. Aber eben doch ein Kunstwerk. Vielleicht sogar ein Denkmal, da streiten noch die Gelehrten. Selbst der in sozialistischen Zeiten aufgelegte Leipziger Architekturführer "Baumeister und Bauten" verwendet in der Beschreibung des Werkes, an dem gleich Leipziger Künstler - Klaus Schwabe, Frank Ruddigkeit und Rolf Kurth - arbeiteten, das Wörtchen "massig". Seit ein paar Tagen ist es wieder in aller Munde. Oder besser: im Munde derer, die fleißig bestimmte Zeitungen lesen. Die dann auch keineswegs bemerken, wie ihnen ein Thema vorexerziert wird und hochgepuscht zum Stadt-Drama - das keines ist.

"Die Gemüter sind augenscheinlich erhitzt", stellt der Oberbürgermeister fest.

Falsch.

Ein paar Gemüter sind erhitzt, weil sie sich von zwei fröhlich Ping-Pong-spielenden Zeitungen - wieder einmal - zu Kombattanten haben machen lassen.

Dabei fing es vor drei Wochen noch beinah harmlos an. "Marx Umzug kostet 300.000 Euro" betitelte die Bild-Zeitung einen Artikel, erschienen am 30. Januar. Da war das noch eine kleine, investigative Geschichte. Nach zwei Jahren seit der Demontage, eigentlich die erste kleine Nachricht über das Relief, das nach dem Willen der Universität auch wieder auf Universitätsgelände stehen sollte. Dem Campus Jahnallee, ein bisschen abgeschottet von der Öffentlichkeit, aber nicht ganz entsorgt. Und eigentlich auch kein Thema für die Stadt. Denn weder Grund noch Kunstwerk gehören Leipzig.

Aber warum nicht hochkochen die kleine Geschichte? Noch was draufsetzen nach dem Motto: Mal sehen, wer schreit?

Am nächsten Tag hieß die Schlagzeile schon "In Leipzig ist für Marx kein Platz mehr!"

Wer da glaubt, solche Geschichten entstehen einfach, weil Volkes Seele gerührt wird, glaubt auch an Märchen. Und wird auch das Drehbuch nicht sehen, das sich seitdem so liest: "Zoff um Marx-Relief" (1. Februar), "Leipziger einig - Marx muss weg!" (2. Februar), "1. Politiker fordert: Marx-Relief einschmelzen!" (4. Februar), "Dresdner Minsterin will uns das Marx-Relief verordnen!" Das war am 5. Februar, da hatte sich immer noch kein Prominenter gefunden, der mal für das Super-Relief ein Statement abgab. Also musste die Wissenschaftsministerin herhalten, die eigentlich nur ans übliche Prozedere erinnerte.

Der 4. Februar war dann auch der Tag, an dem das Studentenradio Mephisto in die Panikmache einstieg. Manchmal hat man schon den Verdacht, den Leipziger Medien fehlt es an Themen. Und wenn mal eines mit dem falschen Schwanz winkt, rennen alle hinterher. Auch wenn's beim ein oder anderen etwas länger dauert.

Am 6. Februar zitierte die Bild-Zeitung "den großen Masur" in ihre Spalten. Am 8. Februar hieß es dann: "Erich Loest: Marx-Relief bedroht Leipzig!" Da war er endlich, der große Streiter, der auch einmal klare Worte sprach.

An dem Tag stiegen dann auch die weisen drei Könige der Sächsischen Zeitung in den Ring: "Leipzig streitet um das Karl-Marx-Relief der Uni".

Da wussten zwar 80 Prozent der Leipziger noch immer nicht, dass es überhaupt einen Grund zum Streiten gab. Aber es klingt immer gut, wenn man gleich die ganze Stadt zum Akteur macht. Motto: "Wir sind Marx!"

Und das war's dann. Da gab's dann kein Halten mehr. Am nächsten Tag stürzte sich die ganze Zeitungsmeute von Ostsee bis Stuttgart auf das Narren-Halali in Leipzig. Ein gefundenes Fressen: Die Leipziger wurden ihren Alptraum einfach nicht los. Der ja aufs engste verknüpft war mit der Sprengung der Paulinerkirche im Jahr 1968.

Was übrigens Schwabe, Ruddigkeit und Kurth 1974 genau wussten, als sie den "Aufbruch" in Bronze gossen. Vielleicht mit Hintersinn. Wer weiß das schon? Assoziiert der "Aufbruch" nicht auch den gerade geschehenen "Abbruch"? Und ist die ganze Szenerie der Bronzegestalten nicht irgendwie ein Auferstehen der Toten? Mitten drin der um Hilfe rufende Marx? - So gesehen sogar die größte Satire, die in der DDR jemals in Bronze gegossen wurde.

Und weil man schon so schön am Diskutieren war, durfte ab jetzt auch jeder Großredner einen neuen Vorschlag machen, wohin er das Riesen-Relief platzieren würde, wenn er darüber zu entscheiden hätte. Ist ja wohl irgendwie peinlich, soviel Kunstschrott im Campus Jahn-Allee verwuchern zu lassen.

Der letzte Höhepunkt war der Vorschlag, das Riesen-Ding im Landschaftsschutzgebiet Probstheida zu verorten, auf der ehemaligen Etzoldschen Sandgrube, von der eine Menge Leipziger noch wissen, was da verbuddelt liegt: nämlich die Trümmer der 1968 gesprengten Universitätskirche. "Das geht dann für mich wirklich nicht mehr zusammen", sagt OBM Burkhard Jung. "Tut mir leid. Für mich ist es unvorstellbar, das Marx-Relief hierher zu verfrachten."

Seinen Umweltbürgermeister Heiko Rosenthal hat er erst einmal beauftragt, neue Gestaltungsvorschläge für das Naturschutzgebiet zu erarbeiten, zu denen auch eine Würdigung des Ortes gehört, an dem die Trümmer der Paulinerkirche verkippt wurden. Außerdem soll erst einmal geklärt werden, wem dort in Probstheida eigentlich die jeweiligen Grundstücke gehören.

Denn eines hat sich ja nicht geändert: Der Bronze-Klotz gehört der Uni Leipzig. Im Jahr 2002 hat sie schon einmal versucht, das Relikt der Stadt Leipzig anzudrehen und einen Standort in den Grünanlagen hinter der Moritzbastei vorgeschlagen. Was damals vom OBM, dem Bau-, dem Kultur- und dem Sozialdezernenten gleichermaßen als Unfug abgetan wurde. "Da wäre es auch nur zugewachsen", sagt der damalige Sozialdezernent und heutige OBM Burkhard Jung. Man habe seinerzeit der Universität eine Kommissionsgründung vorgeschlagen, um gemeinsam einen neuen Standort für Marx und seine Jünger im Stadtbild zu platzieren. Das wollte die Uni nicht. Eigentlich ist es bis heute kein Thema für die Stadt:

Der flachgelegte Koloss gehört der Uni und damit dem Freistaat. Der kann damit machen, was er will. Einschmelzen freilich, so Jung, sei keine Lösung. "Man kann Geschichte nicht einfach so entsorgen. Und man sollte es auch nicht tun."

Handlungszwänge im Fall Karl Heinrich Marx gibt es eigentlich keine. Wenn der Streit keine Streiter mehr findet, wird Gras über die Bronze wachsen. Bis mal wieder Themenflaute ist im Leipziger Blätterwald.


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