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Wohin mit dem Riesen-Relief? Leipzig, Karl Marx und die unpassendsten Orte

Ralf Julke
Verpasse dem Ding einen Namen, einen griffigen, der polarisiert. Und dann rein in die Diskussion. Es ist mittlerweile die dritte um das so genannte Marx-Relief, die Leipzig dieser Tage erlebt. Auch wenn das Relief so nicht heißt und auch keine Ehrung für Karl Marx ist. Aber es macht sich gut, wenn jeder, der mal was gehört hat von Marx, jetzt mitreden darf bei der Platzierung des Stücks sozialistischer Propaganda-Kunst.

Gestalter im Handwerk
Gestalter im Handwerk Zweijähriger berufsbe-
gleitender Studiengang

Selbst Leute, von denen man eigentlich dachte: Stehen die nicht für einen anderen Umgang mit Stadt, Kultur und Geschichte?

Robert Clemen zum Beispiel, Landtagsabgeordneter der CDU und Vorsitzender des Kulturausschusses im Sächsischen Landtag. Und Gunther Hatzsch kulturpolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion. Per gemeinsamer Pressemitteilung verkünden sie "Marx-Relief soll bei den Trümmern der Paulinerkirche stehen - eine Kompromisslösung ist möglich".

Beide sprechen sich für die Installation des Karl-Marx-Reliefs auf dem Gelände der früheren Etzoldschen Sandgrube aus. Genau dort, wo auch die Schuttreste der 1968 gesprengten Paulinerkirche lagern.

"Das Marx-Relief ist ein wesentlicher Teil der traurigen Geschichte um die Sprengung der Paulinerkirche", meint Robert Clemen. "Ein neuer Standort zu Füßen des Trümmerberges stellt in Zusammenhang, was zusammen gehört."

Beide hatten sich sogar einen gemeinsamen Termin mit Sachsens Staatsministerin Dr. Eva-Maria Stange besorgt und sich vergewissert, dass die Finanzierungszusage des Ministeriums für die Installation des Karl-Marx-Reliefs nicht an einen bestimmten Ort gebunden sei. "Es liegt somit im Ermessen der Universität, sich auf einen geeigneten Ort für die Aufstellung zu verständigen", erklärt Landtagsvizepräsident Gunther Hatzsch. "Wir appellieren gemeinsam an die Universitätsleitung, von einer herausgehobenen Aufstellung des Reliefs inmitten der Universität abzusehen, ein Kompromiss ist möglich."

Aber was kann an der Sache Kompromiss sein?

"Das Marx-Relief ist kein neutrales Denkmal für einen Philosophen, sondern eine propagandistische Verherrlichung des Marxismus-Leninismus für den DDR-Sozialismus, also ein Marxismus-Relief", erklärt Dr. Dietrich Koch, Vorsitzender des Pro Universitätskirche e. V. "Dieses Gesellschaftsmodell ist 1989 untergegangen. Karl-Marx-Platz und Karl-Marx-Universität verloren zu Recht ihre Namen. Nur das Marxismus-Relief ist noch übrig."Ein Relief übrigens, das den Namen "Aufbruch" führt und 1974 innerhalb einer Konzeption entstand, die auch im Erscheinungsbild des damaligen neuen Uni-Campus den Triumph des Marxismus/Leninismus versinnbildlichen sollte.

Was dann - außer dem hilflosen Marx-Schädel in der Menschenmasse - nicht wirklich viel mit Karl Marx zu tun hat. Der ja hörbar wieder seltsame Auferstehungen feiert in der bundesdeutschen Polemik. Günter Verheugen, Vizepräsident der Europäischen Kommission, findet Marx'sche Wirtschaftslehre in europäischen Lehrbüchern. Und ist fuchsteufelswild. Die Linkspartei schafft es in zwei (west-)deutsche Länderparlamente - und der CDU fällt nichts anderes ein, als einen Lagerwahlkampf gegen die "Linksfront" zu machen.

Es geht so drunter und drüber wie einst auch im "Arbeiter-und-Bauern-Staat". Alle meinen etwas. Aber kaum einer weiß, wovon er redet.

Und mit Recht weist Dietrich Koch darauf hin, dass es einen eklatanten Unterschied gibt zwischen Karl Marx und Marxismus, zwischen dem, was der Mann mit der Mähne schrieb und erforschte, und dem, was seine Apologeten draus gemacht haben.

Und ein kleiner Blick in die Wurzeln der modernen Wirtschaftswissenschaften würde auch dem für Wirtschaft zuständigen EU-Kommissar klar machen, dass in den Fundamenten eine Menge Marx drin steckt. Man redet nur nicht so oft darüber.

Dann müsste man nämlich auch zugeben, dass ein gewisser deutscher Finanzminister 1998 Recht hatte, als er eine internationale Kontrolle der Hedgefonds forderte. Womit er sich nicht nur bei der kompletten Wirtschaftspresse des Landes unbeliebt machte, sondern auch beim eigenen Bundeskanzler.

Der Bundeskanzler hieß Gerhard Schröder und agiert heute für diverse Konzerne. Und der Finanzminister, der wenig später mit großem Knall alle Ämter niederlegte, hieß Oskar Lafontaine.

Heute Vorsitzender der Linkspartei. Die auch deshalb Wählerzuspruch findet, weil ein paar der Gesetze, die Karl Marx in seinem (unvollendet gebliebenen) "Kapital" beschreibt, bis heute gnadenlos wirken. Wie Gesetze eben wirken.

Und was Leute wie Verheugen in der Schule wohl auch nicht gelernt haben, ist die schlichte Tatsache, dass der (von Friedrich Engels alimentierte) Privatforscher Karl Marx nicht die sozialistische Wirtschaftsweise analysierte, sondern die kapitalistische. Wofür ihm dann ein paar spätere Forscher und Präsidentenberater sehr dankbar waren.

Nur hat das Relief "Aufbruch" mit diesem Wirtschaftswissenschaftler Marx eben nichts zu tun. Dafür umso mehr mit dem Volks- und Titatenkult, der sich in der Stalin-Ära um alle Heiligen der "sozialistischen Weltbewegung" entfaltete. Oder besser: entfaltet wurde. Der "sozialistische Realismus" entstand ja bekanntlich als erste "Kunstrichtung" an den Schreibtischen der Parteinomenklatura. Und es gibt eine ganze Reihe Leute in Leipzig, die ihre leidvolle Erfahrung damit machten, was geschah, nachdem diverse Plenen und Bitterfelder Konferenzen diktierten, was im Land Kunst zu sein habe - und was nicht. Ein ganz Teil von ihnen landete in den Gefängnissen des Landes. Erich Loest, der sich schon deutlich zur Relief-Debatte geäußert hat, gehört dazu. Viele andere beteiligen sich gar nicht erst an dieser Debatte, in der die Ahnungslosen jetzt mit den Schon-immer-gewusst-Habenden diskutieren.

Die dann auch gern die kleinen Fakten vergessen, die Dietrich Koch zum tonnenschweren Relief benennt: "Es stand anstelle des Paulineraltars der verbrecherisch gesprengten Universitätskirche. Es nun auf deren Grabhügel in Probstheida aufzustellen, hieße, es zu deren Grabstein zu erklären. Das ist ausgeschlossen. Sollten etwa künftige Erinnerungs-Gottesdienste vor diesem Marxismus-Relief stattfinden? - Zentrum der Erinnerung für den Widerstand gegen die Kirchensprengung muss der Nachfolgerbau auf dem Augustusplatz sein. Die Wiedererrichtung der Roßbachfassade vor diesem wäre eine geeignete Erinnerung und zugleich ein Denkmal für die Friedliche Revolution in Leipzig. - Und wohin mit dem Relief? Vielleicht auf die agra zu den Wandstelen über Karl Liebknecht und die Novemberrevolution von 1918."

Das Riesen-Bronzeteil steht auch für einen "titanischen" Versuch, die alte Bürger- und Gründerstadt Leipzig durch eine "sozialistische" Architektur völlig zu überformen. Der Uni-Campus von 1974 entstand nicht nur an Stelle der 1968 gesprengten Universitätskirche, sondern auch auf dem Gelände des ebenfalls 1968 beseitigten Augustäums. In dessen Innenhof eine ganz andere Skulptur für eine ganz andere geistige Tradition der alma mater lipsiensis stand: das 1883 von Ernst Julius Hähnel geschaffene Bronzestandbild für Gottfried Wilhelm Leibniz.

Verständlich, dass auch Uni-Rektor Franz Häußer sich nur noch verblüfft zeigt über die ausufernde Diskussion und die sich übertrumphenden Vorschläge diverser Politiker. Denn beschlossen hat der Senat der eigentlich federführenden Universität die Aufstellung des Klotzes im Campus an der Jahnallee, wo schon die Fundamente gegossen sind.

Aber irgendwie ist auch der Freistaat schon in einem Wahlkampf, der mit seltsam abwegigen Themen den Pfad beschreitet Richtung 2009, ins Super-Wahljahr 2009.

Und wer jetzt noch immer denkt, es seien die Linksgenossen, die die Debatte um die Aufstellung des Reliefes anheizen, der irrt mal wieder. Die fordern nämlich ein Ende der schein-heiligen Diskussion und eine Umsetzung des Uni-Beschlusses: Sie ermuntert "insbesondere die Universität Leipzig und das zuständige Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst, die Beschlusslage zur Installation des Kunstwerkes auf dem Sportcampus der Universität Leipzig in der Jahn-Allee zum beabsichtigten Termin zu realisieren und damit auch künftig den öffentlichen Zugang zu diesem Kunstwerk sicherzustellen."


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