Konzept "autoarme Innenstadt" wird neu definiert: Der Leipziger Markt gehört künftig allein den Fußgängern
Redaktion
07.05.2008
"Es ist die schönste Innenstadt einer deutschen Großstadt", schwärmt Burkhard Jung. Natürlich muss er als Oberbürgermeister so schwärmen von Leipzigs Innenstadt. Touristen staunen, Messegäste sind beeindruckt. Nur Autofahrer fluchen. Denn Stück für Stück wird ihnen der kleine kompakte Stadtkern als Toberaum entzogen. Das Konzept "autoarme Innenstadt" wird weitergedreht. Die neuen Pläne liegen auf dem Tisch.
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Am Dienstag wurden sie in der Dienstberatung des Oberbürgermeisters diskutiert. Im Herbst sollen sie zur Beschlussfassung in den Stadtrat. Das Konzept autoarme Innenstadt ist zwar längst beschlossen. Aber mittlerweile zeigt sich, dass Poller allein nicht reichen, den Verkehr aus der City herauszuhalten, den dort keiner haben will. Denn irgendwie sind sich nach Jahren zuweilen heftiger Diskussionen mittlerweile auch Händler, Vermieter, Mieter und Verwaltung einig, dass die wichtigsten Schlagadern der City komplett autofrei werden sollen.
Selbst Marlies Göllnitz-Gellert sieht das so. "Es gibt einfach keinen Grund mehr, durch die Petersstraße zu fahren, wenn dort all die Leute unterwegs sind", sagt die Vorsitzende des City Marketing e.V. und Chefin des Karstadt Warenhauses. Das allein hält 410 Parkplätze für die Kunden bereit. "Die Leute sprechen mich jetzt eher darauf an, dass sie sich in der Petersstraße mehr Grün wünschen und vor allem mehr Bänke", sagt sie. Wenn dann aber selbst in Stoßzeiten Pkw durch die schlendernden Völkerscharen drängeln, dann sorgt das für verständliche Verstimmung.
Viel Platz für Fußgänger. Karte: Stadt Leipzig
Deswegen soll es künftig keine Möglichkeiten mehr für Durchgangsverkehr durch die City geben. Das ist das Hauptanliegen des neuen Konzeptes, das mit den verschiedenen Partnern mittlerweile seit Jahren diskutiert wird. "Das allerwichtigste dabei", so OBM Burkhard Jung, "ist ein autofreier Marktplatz." Hier gab es in den letzten Jahren den meisten Ärger mit jungen Café- und Disko-Besuchern, die den historischen Markt des abends als Parkplatz missbrauchten und mit ihren Stereoanlagen die Häuser beschallten. Regelmäßige Rennen mit quietschenden Reifen machten den Aufenthalt für nächtliche Fußgänger zuweilen lebensgefährlich.
Der Markt soll künftig Herzstück eines Kreuzes aus "Fußgängerachsen" werden. Teilweise wird schon dran gebaut - etwa aktuell an der Grimmaischen Straße, die schon ab Herbst reine Fußgängerzone vom Augustusplatz bis zum Naschmarkt wird. Künftig soll die Bummelmeile bis zum Thomaskirchhof verlängert werden. Dasselbe bei der schon teil-ausgebauten Petersstraße, die nach Fertigstellung der City-TunnelStation Leuschnerplatz 2011/2012 erweitert wird bis zu S-Bahn-Station. Der westliche Teil der Schillerstraße wird dabei in die Fußgängerzone einbezogen. Und eine Abstellanlage für Fahrräder soll auch die "rasenden Pedalritter" dazu animieren, ihr Fahrrad lieber anzuketten und nicht durch die Fußgängerzone zu brettern. Auch das ein Dauer-Ärgernis der letzten Jahre. Offen ist noch, wie die Stadt das verhindern will. Angedacht ist, in den stark frequentierten Fußgängerzonen von 11 bis 20 Uhr das Radfahren künftig zu untersagen.
Der Markt selbst soll künftig komplett ins Fußgängerzonen-System einbunden sein, die Hainstraße genauso. Aber auch die Nikolaistraße, der westliche Brühl, auch der Richard-Wagner-Platz werden für Fußgänger umgestaltet. Dabei gehen zwar etwa 200 oberirdische Parkplätze für Pkw verloren, aber allein in den künftigen Brühl-Höfen sind bis zu 950 neue Stellplätze geplant. "Wobei das die maximale Obergrenze ist", betont Baubürgermeister Martin zur Nedden. Da kabbeln sich noch die Akteure.
Denn natürlich gibt es auch genug herzhafte Streiter in Leipzig, die ihre einmalige City gern komplett autofrei hätten. "Autoarm ist das Thema", wiegel Burkhard Jung ab. "Alles andere wäre nicht zeitgemäß."
Die Burgstraße bleibt für Kfz-Verkehr offen.
Für die Gewerbetreibenden in der City ist sowieso die drängende Frage: Wie kommen Waren und Güter trotzdem in die Läden und Büros? - Lösen soll das künftig ein Schleifen-System. Über die üblichen Zugänge können Kraftfahrzeuge künftig jederzeit in die City einfahren. Doch die einzelnen Zugänge erschließen über einige wenige Straßen nur jeweils ein Viertel der City.
Über Brühl und Hallisches Tor etwa wird der Nordosten der City erschlossen. Dafür wird die Reichsstraße wieder für alle Fahrzeuge freigegeben, denn sie erschließt unter anderem die zwei neuen City-Hotels. Dafür wird die Nikolaistraße endgültig zur Fußgängerstraße.
Der Südosten der City wird künftig über Neumarkt und Universitätsstraße erschlossen. In den Südwesten kommt man über über die Hugo-Licht-Straße oder die Lotterstraße.
An der Lotterstraße entsteht noch 2008 der nächste Baustein für die neue Verkehrsorganisation: eine Lichtsignalanlage, die die Zufahrt vom Martin-Luther-Ring regelt. Der Straßenabschnitt vorm Neuen Rathaus wird künftig ebenfalls Fußgängerzone.
Über den Dittrichring kommt man künftig auch noch in den Nordwesten der Innenstadt. Das wichtigste an den Zubringern: Sie funktionieren als Schleifen. Wer hier reinfährt, muss hier auch wieder raus. Den Zugang zu den Fußgängerbereichen sollen Poller sichern.
Natürlich ist das noch Zukunftsmusik. Das gibt auch OBM Burkhard Jung zu. "Ich schätze mal, wir werden etwa fünf Jahre brauchen, um das umzusetzen. Wir werden einen Mosaikstein zum anderen setzen, bis das ganze Bild komplett ist."
Bürgermeister Martin zur Nedden ist zuversichtlich, dass mit dem neuen Konzept der Autoverkehr in der City reduziert werden kann. Es gäbe mittlerweile genug Parkgelegenheiten in der Kernstadt und darüber hinaus. Mit der dicht bebauten City habe Leipzig immerhin etwas, das es so andernorts nicht gäbe. "Auch in der vielfältigen Nutzung", sagt zur Nedden. "Und Sie haben hier kürzere Wege als in den meisten Centern auf der grünen Wiese, das sage ich Ihnen."
Was dann auch das Pfund ist, mit dem Leipzig wuchern kann und künftig auch die begeistertsten Autofahrer dazu bringt, zum Flanieren in Leipzig zum Fußgänger zu werden.
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