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Rechts, Links - Oben, Unten? Michelles Tod, Reudnitzer Reaktionen und die Medien

Redaktion
Michael Freitag, Kommentar Langsam beginnt es zu kochen im Topf und ein paar junge Männer und die Medien haben ihr Thema gefunden. Das Gemisch in Reudnitz/Thonberg, Volkmarsdorf und Anger Crottendorf ist eigentlich schon lange bekannt und bekommt nun eine öffentliche Bühne - der Slogan "Todesstrafe für Kinderschänder" auf Imagetour durch die Medien.

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Wer kann, zieht weg. Nicht erst seit dem tragischen Unglück um Michelle und den nun skandierten Losungen nach gezielter Tötung von Sexualstraftätern. Der Aderlass in den Stadtteilen Volkmarsdorf, Reudnitz, Thonberg und Anger Crottendorf hat mit der Wende 1989 begonnen und so verändert sich der Leipziger Osten stetig - abwärts.

Im ehemaligen Lilo Herrmann-Park stehen noch ein paar alte Bäume, Kinderecke, Spielplatz und Heimat auch für den Autor. Die Idylle im Stüntzer Park in Anger-Crottendorf, die vielen Hinterhöfe, der Weg entlang an den Kleingärten Richtung Stötteritzer Wäldchen mit seinem Rodelberg - zu DDR-Zeiten ein kindliches Freizeitparadies. Eine fest gefügte Welt ohne große Risiken - im Sommer mit dem Roller auf der Zweinaundorfer Straße unterwegs, nachmittags ein Stück selbst gebackener Pflaumenkuchen zu Hause. Früher war alles besser? Sicher nicht, aber einige Entwicklungen sollten zu denken geben.

Auf den einst mit Bäckern, Eisdielen, Bekleidungsgeschäften und Tierhandlungen gepflasterten Zweinaundorfer, Wurzner und der Dresdner Straße ist Ruhe eingekehrt. An großen Kreuzungsbereichen findet man ohne lange Suche zugenagelte Schaufenster. Gar nicht so weit von der Leipziger Innenstadt entfernt, ist hier bis auf die Natur vieles nicht mehr so idyllisch.

Wer heute in einem der genannten Stadtteile geboren wird, versteht schnell, dass die bunten Träume des Kapitalismus meist nur für die anderen gelten - wer hier startet, hat einen weiten Weg vor sich. Die Eltern sind diesen meist schon gegangen, haben ihre Abwicklung und die Zurückweisungen bereits erlebt und geben diese Haltungen nun teils durch Duldung, teils durch stille Unterstützung an ihre Kinder weiter.

Übrig bleiben hier die, welche nicht die viel gepriesene, möglichst weltweite Flexibilität und einen Uniabschluss im Ausland besitzen und sich dennoch gern an der Gesellschaft beteiligen würden.

Gründe für die neuen, merkwürdigen Montagsdemonstrationen in der Heldenstadt und platten Parolen des Hasses, während der Bürger zumindest still zu- oder wegschaut? Es ist viel leichter, gegen einen Christian Worch und seine 200 Hilfsdemonstranten aufzustehen, als sich mit den eigenen Söhnen zu befassen.

Betrachtet man die Zahlen des offiziellen Quartalsberichtes 2/2008 der Stadt Leipzig, entsteht der zwingende Eindruck eines sozialen Brennpunktes, den man im Rathaus und in der sächsischen Landesregierung in Prozenten kennt. Denn während man in Dresden bei der alljährlichen Finanzmittelvergabe im Land Sachsen scheinbar in Leipzig weiterhin auf Wunderheilungen bei einem kommunalen Milliardenloch setzt, spielen die Arbeitslosen-Prozente einen gefährlichen Statistik-Skat im Leipziger Osten miteinander.

Volkmarsdorf


Empfänger "ALG II"48,5 %
"ALG I"24,2 %
Anger Crottendorf


"ALG II"32,4 %
"ALG I"16,0 %
Reudnitz/Thonberg


"ALG II"26,5 %
"ALG I"12,2 %

Zusammengefasst - jeder Zweite der 15- bis 65-Jährigen ist hier ohne Arbeit oder ist bereits zum Dauer-TV verdammt, weil er auch, bei gleichbleibender Lage der Dinge, keine mehr bekommen wird. In Volkmarsdorf scheinen bei 72,7 Prozent Gesamtarbeitslosigkeit die Lichter langsam ganz zu verlöschen - hier wurde der Skat fast vollständig ausgereizt.

Die neuen Montagsdemos in Reudnitz? Das eigentliche Menschsein beginnt mit dem Gefühl, gemocht, gebraucht und verstanden zu werden.

Die Hauptemotion der jungen Demo-Männer samt angeschlossenen Lebensabschnittsgefährtinnen ist Wut, auf die nie vorhandenen Chancen im Leben und das nicht erst seit einer Woche. Ein Leben, in welchem die Wahrheiten für viele hier so kompliziert geworden sind, der Starke den Schwachen frisst und tagtäglich in der Werbung das läuft, was sie nicht haben können. Also wünscht und sehnt man sich auf die starke Seite, wenigstens in die Nähe einer Macht statt Ohnmacht, Kraft statt Schwäche und Lautstärke gegen stilles Wegducken im Perspektivloch. Bei einigen kommt noch das spät-pubertäre Aufbegehren gegen die Eltern dazu und fertig ist der böse Nazi. Die geistigen Brandstifter jedoch sitzen längst als NPD notdürftig getarnt und demokratisch gewählt im sächsischen Landtag und diktieren von dort die politische Richtung ihrer Anhänger.

Den Weg haben die jungen Männer um ihren derzeitigen Reudnitzer Vorzeige-Chef Istvan R., dem o­nkel der verstorbenen Michelle, bereits beschritten und vor vielen Monaten begonnen, das Gebiet aktiv zu bearbeiten. Aggressives Grundverhalten gegen Andersdenkende spielte und spielt dabei wie immer eine Rolle. Sinnentkernte Parolen, wie "LVZ-Judenblatt" oder "kriminelle Ausländer raus" klingen ähnlich einfach wie "Todesstrafe für Kinderschänder" und bergen ebenso wenig Lösungen in sich, wie das tausendjährige Reich auch nur im Ansatz so lang gehalten hat, wie der Name weismachen könnte.

Junge Menschen, die schon vor Jahren aufgehört haben, den Medien zu glauben, ihre Blogs mit holprigem Deutsch füllen, sich von Politikern, Beamten und der Gesellschaft ganz pauschal belogen und verlassen fühlen. Und so kann man den Banner-Spruch der so genannten Freien Kräfte oder auch Nationale Sozialisten: "Keine Zukunft ohne uns" auch als eine Bitte um Teilhabe verstehen - wenn auch schwer deplatziert und überlaut ausgesprochen.

Immer eine Portion Tabubruch dabei und alle regen sich auf - ein paar Meter weiter lungert bereits die erste Gewaltstraftat, die sie selbst begehen und der Kreis schließt sich. Folgerichtig ist auch ein Spiegel TV-Bericht über die "Leipziger Nazis", wie er am Montag über die Mattscheibe ging, für sie nur noch Anlass zu Spott und Häme. Da sprechen Medienvertreter im TV, die schon lange in einer anderen Realität als sie selbst leben.

Heimliche Freude über die endlich erfolgte Wahrnehmung und ein klein wenig Stolz über die erfahrene Aufmerksamkeit schwingt leise mit. Wenn schon nicht gemocht und respektiert, so doch zumindest gesehen und berüchtigt.

Was das alles noch mit dem tragischen Verbrechen an Michelle zu tun hat?

Nichts.

Für Spiegel TV genau so wenig - die oberflächlichen Bilder ohne Umgebungsreportage sind im Kasten - wie für Istvan R., der sich in nur scheinbar biblischer Gerechtigkeit übt. Auge um Auge, Zahn um Zahn, so wie er eben das Leben kennt.

Und Leipzig macht mal wieder unfreiwillig als "Nazistadt" die Runde, obwohl es eigentlich darum geht, einen Mörder zu stellen. Leipziger Vielfalt, nur außerhalb von Bachstadt und Wave-Gotik-Treffen. Mal sehen, ob der Statistik-Skat im Leipziger Osten weitergeht, wenn sich der Sturm verzogen hat und der Täter (hoffentlich sehr bald) gefasst ist.

**** Pressemeldung der Stadt Leipzig vom 26. August 2008 ****Oberbürgermeister verurteilt rechtsextreme Aktivitäten auf das Schärfste

Oberbürgermeister Burkhard Jung hat sich heute erneut zu Aktivitäten von rechtsextremistischen Gruppen im Zusammenhang mit dem Mord an der achtjährigen Michelle geäußert: "Die Vereinnahmung des schrecklichen Mordes durch Rechtsextremisten ist abscheulich und menschenverachtend.

Mit platten populistischen Parolen wird versucht, den Zorn über die Tat und die Trauer der Bürgerinnen und Bürger zu instrumentalisieren und für die politischen Ziele der Rechtsextremisten zu missbrauchen. Dies ist eine Verhöhnung des Opfers und aller Leidtragenden. Ich verurteile diese Aktivitäten auf das Schärfste.

Ich bitte die Bürgerinnen und Bürger auf die Ermittlungsarbeit der Polizei zu vertrauen und der rechtsextremistischen Vereinnahmung entgegenzutreten."



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