Erst lesen, dann mitmachen: Anja Birnbaum ist die neue Vorsitzende der Leipziger Julis
Ralf Julke
05.12.2008
Anja Birnbaum.
Foto: Ralf Julke
Am 19. November haben Leipzigs Jungliberale einen neuen Vorstand gewählt. Und Mut gezeigt – und eine Frau an die Spitze gewählt. Anja Birnbaum heißt die Nachfolgerin von Marcus Viefeld, der die Julis in den letzten Jahren leitete. Die Wahl der jungen Liberalen passt ins Bild: Sachsens FDP möchte gern sozialer werden.
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Jede Umfrage bestätigt: Die Freien Demokraten werden stets mit eigentlich doch recht "kalten" Themen in Verbindung gebracht: Wirtschaft und Finanzen. Beide hochnotwendig. Die Kompetenzwerte der Liberalen liegen hier meist höher als beim Lieblingskoalitionspartner CDU. Aber es sind keine "weiblichen" Themen. Auch die Führungsriege der Partei ist zumeist von Männern dominiert.
Viele Themen, die den Liberalen genauso am Herzen liegen, gehen dabei unter. Allen voran die Themen Demokratie, Persönlichkeitsrechte, Meinungsfreiheit und Bildung. Könnte man natürlich fragen: Brauchen Frauen einen Kuschelfaktor? Wann wird eine Partei für sie attraktiv?
Anja Birnbaum, 28, hat – bevor sie sie bei den Leipziger Jungliberalen anklopfte, erst einmal die Parteiprogramme gelesen. „Sicher hätte ich bei verschiedenen Jugendorganisationen erst einmal reinschnuppern können", sagt sie. „Und ganz bestimmt hätte ich einige Gruppen gefunden, wo ich mich richtig wohl gefühlt hätte. Aber was bringt mir das, wenn im Parteiprogramm ganz andere Sachen stehen, mit denen ich mich nicht identifizieren kann?"
Das Programm der Liberalen kam ihrer Intension dann am nächsten. 2004 stieß die junge Zahnärztin zu den Leipziger Julis, die sich natürlich freuten: Auch unter den heute 41 Juli-Mitgliedern in Leipzig sind die meisten männlichen Geschlechts. Aber Konflikte würden Anja nicht abschrecken. Im Gegenteil: „Erst aus den Ungleichheiten entsteht Engagement", sagt sie. Und hält gar nichts von Mitmenschen, die die Lösung von Problemen immer nur von anderen erwarten. „Das finde ich schade, wenn die Leute sich einfach hinsetzen und sagen: Da muss doch jemand mal was tun", sagt sie. Ergebnis: Der persönliche Einsatz geht verloren.
Neue Vorsitzende der Leipziger Julis: Anja Birnbaum.
Foto: Ralf Julke
Und andere bestimmen dann, was getan wird. Manchmal mit Folgen wie bei einem Thema, das die Jungen Liberalen schon seit Monaten auf die Straße und in Diskussionen treibt: der Umgang mit dem Datenschutz in Deutschland. „Das wird für uns auch im Wahljahr das große Thema sein", sagt Anja, die in Altlindenau aufwuchs, direkt am Lindenauer Markt. Heute wohnt sie in einer Wohngemeinschaft im Waldstraßenviertel. Da ist der Weg zur Arbeit in der Zahnarztpraxis kürzer. Und die Wege in die Innenstadt sind es sowieso.
Dass sie mit der Arbeit als Kreisvorsitzende auch viel Zeit verbinden muss, weiß sie. Immerhin stehen vier große Wahlen an 2009, will die FDP ihren Europaabgeordneten Holger Krahmer wieder durchbringen, im Landtag vielleicht sogar Koalitionspartner der CDU werden, im Stadtrat stärker vertreten sein und auch für den Bundestag Punkte holen.
„Mit unserer Direktkandidatin für den Landtag, Sandra Biesel, werde ich das Thema bearbeiten: Wie können wir auch mit anderen, sozialen Themen attraktiver werden", sagt Birnbaum. Vorteil für sie: Auch der FDP-Verband Leipzig ist nicht so groß. Da spielen die Julis immer mit, wenn es um Personal- und Themenentscheidungen geht. Was dann gerade das Wahljahr erst recht stressig machen wird für Anja, für die eigentlich in ihrer Freizeit das Reisen in alle Welt ganz oben steht.
Als Zahnärztin war sie auch schon mit dem Roten Kreuz auf Tour zum Hilfseinsatz in Peru. Die positive Erfahrung: „Es ist erfüllend, wenn man Menschen so einfach und direkt helfen kann." Und erholsam war auch noch die Abwesenheit der üblichen deutschen Bürokratie, die selbst Zahnärzten die Arbeitszeit raubt und die Arbeit vergällt.
Südamerika findet sie nicht nur der Peru-Tour wegen faszinierend. „Es gibt so viele herrliche Länder", sagt sie. Mexiko war berauschend, China begeisternd – und natürlich völlig anders, als in deutschen Medien nachlesbar. Genauso Syrien oder Libyen. „Man muss selbst da gewesen sein", sagt sie. Wird wohl 2009 aber eher keine Zeit für die große Reise finden. Auf ihrem Computer hat sie mittlerweile tausende Bilder von ihren Welttouren gespeichert.
Wenn Zeit bleibt zwischen den Zahnschmerzen der Leipziger und dem monatlichen Stammtisch der Julis, liest sie gern. Die Eltern sind daran schuld. Natürlich. „Wer zwischen 12.000 Büchern aufgewachsen ist, der kann gar nicht anders", sagt die junge Vorsitzende. Doch ist es weder medizinische Literatur, die sie verschlingt, noch politische. Sie liebt Fantasy und Science Fiction und mag sich auch nicht auf einen Lieblingsautoren festlegen.
„Das Spannende an dieser Literatur ist doch", sagt sie, „wie die Autoren ihre Welten entwickeln und wie sie zeigen, an welchen Problemen Utopien scheitern. Das regt schon zum Nachdenken an."
Der richtige Wahlkampf 2009 geht wohl im März los. Doch schon in den nächsten Monaten werden die Vorbereitungs-Teams schwitzen. Die Julis haben sich diesmal vorgenommen, das jüngste aller Medien gut zu nutzen: „Wir wollen den besten Online-Wahlkampf in Sachsen machen", sagt Anja Birnbaum. Da kann man gespannt sein.
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