Werbung fürs Geburtstagsfest: Uni Leipzig durfte eine ganze Tram bekleben
Ralf Julke
16.04.2009
Hieronymus Lotter findet das Vehikel ohne Pferde ganz erstaunlich.
Foto: Ralf Julke
28 Meter lang ist der neue Stolz der Uni Leipzig und heißt auch noch Hieronymus Lotter. Am Mittwoch, 15. April, ging er offiziell ins Rennen: der beidseitig bunt beklebte Niederflurwagen der Leipziger Verkehrsbetriebe (LVB), der fürs Uni-Jubiläum Werbung fährt.
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Rektor Franz Häuser, Oberbürgermeister Burkhard Jung und LVB-Chef Wilhelm Georg Hanss hielten die weihevollen Kurzreden. Noch kürzer fasste sich Bernd Gorzel, Leiter der Leipziger Ströer-Niederlassung, einem der Hauptsponsoren im Uni Jubiläum. Die bunte 600-Jahre-Tram gehört zum Sponsorenpaket. Dass es ausgerechnet Hieronymus Lotter traf, war wohl eher Zufall. Denn studiert hat der einstige Bürgermeister von Leipzig (ab 1555) an der alma mater lipsiensis nicht. Und dass er das Bollwerk Moritzbastei baute, war zwar universitätsnah, fand seine Verbindung zur Uni aber erst 420 Jahre später: als Leipziger Studenten sich die Bastei zum Studentenkeller ausbauten.
Trotzdem durfte Lotter alias Karsten Pietsch die würzig-weihevollen Worte zur Jungfernfahrt der Frischbeklebten schmettern.
Wer wäre besser geeignet für so sächsische Direktheit? – Immerhin soll die Bahn, deren Beklebung von Ströer und LVB bis Januar 2010 garantiert wird, jetzt Werbung fahren in der Stadt für das Jubiläum, das ab Mai auch öffentlich und festlich gefeiert wird. Bis in den Dezember, zum offiziellen Gründungstag, als die aus Prag herbeigewanderten Professoren und Studenten die Leipziger Gründung offiziell bestätigt bekamen. Auf 28 Meter Bahnlänge werden ein paar Knackpunkte aus der 600-jährigen Geschichte bildlich herausgehoben: die Gründung natürlich, die Leipziger Disputation von 1519, die Immatrikulation von Gottfried Wilhelm Leibniz 1653, die Einweihung der Universitätsbibliothek 1891. Nicht zu vergessen die Zulassung von Frauen zum Studium 1906.
Fototermin mit OBM, Rektor, LVB-Chef und Tram.
Foto: Ralf Julke
„Wäre das nicht passiert", so Franz Häuser, „wäre die Universität nicht einmal halb so groß. Die Mehrzahl der Studierenden bei uns sind weiblich."
Aber auch ein paar schwarze Flecken bleiben nicht ausgespart: die Umbenennung der Universität zu "Karl-Marx-Universität". Im Grunde kein beklemmender Akt – wäre er nicht einhergegangen mit einem rigiden Programm des Umbaus zur "sozialistischen Hochschule", das vielen wichtigen Persönlichkeiten die Stellung kostete und viele Studenten in Konflikt mit der allwissenden Staatsgewalt brachte.
Oder die Sprengung der Universitätskirche St. Pauli 1968.
Die Auswahl konnte nur willkürlich sein. Schon ein Blick auf die Namensliste der LVB, in der alle feierlich benannten Tram-Wagen stehen, zeigt, wer alles an wichtigen Personen mit der Uni Leipzig zu tun hatte. Zumeist als Student – wie Breitkopf, Carus und Goethe, Hahnemann, Heine und Hutten, um nur einmal vorn im Alphabet zu beginnen.
Fährt ab jetzt im Linienbetrieb: Jubiläums-Straßenbahn der Uni Leipzig.
Foto: Ralf Julke
Aber auch als Professor wie Gellert und Gottsched, Heisenberg und Hertz. Die Universität war stets viel enger mit der Stadt verbunden, als es so manchem Zeitgenossen lieb war. Das hat sich bis heute nicht geändert und wird wohl auch so lange so bleiben, wie der Lehrbetrieb in den innerstädtischen Instituten nicht zum erliegen kommt und das junge, unorthodoxe, kreative und internationale Völkchen die Stadt belebt.
„Leipzig wäre ohne die Studenten wahrlich eine andere Stadt", sagte OBM Burkhard Jung bei der Gelegenheit. Recht hat er. Allein die Universität belebt die Stadt mit 28.000 jungen Leuten, die hier von Afrikanistik bis Zahnmedizin eine ganze Menge studieren, mit Recht über miserable Rahmenbedingungen im Studium schimpfen, den Wohnungsmarkt in Süd und Ost und West am Brodeln halten und ein eigentlich auf Ruhe bedachtes Volk der Ureinwohner mit ihrer Fahrradfahrerei zur Weißglut bringen. Manchmal fahren sie auch mit der Tram. Über das Semesterticket durfte Wilhelm Georg Hanss an diesem Tag auch noch einmal stöhnen: Der Stura muss ihm und seinen Verantwortlichen in der Verhandlungen auch noch die letzten Nerven gekostet haben. Dabei will man ja eigentlich dasselbe: Bezahlbare Fahrten in einem umweltfreundlichen Vehikel.
Wie eben so einem schön bunt beklebten NGT8, der diesmal zumindest auch das Lob bekommt: Man hat keine Fenster und Türen völlig zugekleistert. Wer drin sitzt, kann nach rausgucken. Und sieht dann vielleicht Herrn Lotter großmächtig ausschreiten von einem Jubiläumshöhepunkt zum nächsten. Eher selten wird er den Rektor am Steuer einer Bahn erwischen. Gestern zumindest durfte Rektor Franz Häuser sein buntes Schmuckstück einmal um den Ring zum Augustusplatz chauffieren, wo der neue Campus entsteht und die Bauleute Mühe haben, den kühnen Bau bis zum so wichtigen 2. Dezember fertig zu stellen.
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