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Laurentia: Revival für ein Straßenmusikfestival mit Talk und Folk

Ralf Julke
Leipziger Verein der Künstler und Kunstfreunde e. V. - 20 Jahre danach
Leipziger Verein der Künstler und Kunstfreunde e. V. - 20 Jahre danach
Foto: Ralf Julke
Nicht nur Leser der L-IZ beschäftigt in diesem Jubeljahr die Frage: Ja, wer wird denn da eigentlich gefeiert im Jahr 20 nach der "Friedlichen Revolution"? Und wie vor allem? Muss es denn so verdammt heroisch sein? War denn da 1989 nicht auch ein bisschen Spaß im Spiel? – Natürlich, sagt der VLKK.


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Oder ausgeschrieben: Leipziger Verein der Künstler und Kunstfreunde e. V. Dessen stellvertretender Vorsitzender ist der CDU-Landtagsabgeordnete Robert Clemen. Von Haus aus Musiker und durchaus hellhörig geworden, als im Februar dieses Jahres "ein paar Alt- und Neu-Sachsen", wie er erzählt, bei einem Glas Wein just auf oben genannte Fragen zu sprechen kamen. Da grübelte so mancher: Wo sind denn die Helden von damals geblieben? Und welche Ereignisse des Jahres 1989 waren tatsächlich wichtig – auch im Vorfeld des legendären 9. Oktober, als der zuständige Einsatzleiter Helmut Hackenberg seine Truppen nicht eingreifen ließ?

Anders als am 10. Juni, dem Tag, als das nunmehr legendäre Straßenmusikfestival stattfand und etwa 100 Künstler aus dem ganzen Land nach Leipzig kamen, um hier ein Stück Freiheit in Anspruch zu nehmen: die Freiheit, auf offenen Plätzen singen zu dürfen, ohne dass der Staat das genehmigen muss, darf oder soll.

Eine Sache, die 20 Jahre später immer noch aktuell ist, nicht nur zum "Revival der Straßenmusik", das der LVKK am Wochenende in der Moritzbastei feiert. Auch bei so simplen Ereignissen wie einem Radlertreffen – unangemeldet auf dem Augustusplatz. Wem gehört der öffentliche Raum?

Am 10. Juni 1989 schien es zweieinhalb Stunden lang ganz so, als gehörte er den Passanten und Musici. „Genau um 10 Uhr fingen wir an", erzählt Jochen Läßig, damals Organisator des Treffens. "In Osteuropa war es damals überall möglich, öffentlich Musik zu machen. Ich hab in Prag und Budapest gesungen und es hat niemanden gestört. Warum sollte das in der Weltstadt Leipzig nicht auch möglich sein?"

... ein wenig Humor und Musik war eben doch dabei
... ein wenig Humor und Musik war eben doch dabei
Foto: Ralf Julke
Dass das im Krisenjahr 1989 durchaus schwierig sein konnte, wusste der einstige Theologiestudent und Mitarbeiter in kirchlichen Basisgruppen. Schon einmal hatte ihn die Staatsmacht einkassiert, als er zu abendlicher Stunde unter dem Meißner Glockenspiel in der Mädler-Passage musizierte.

„Wir wussten also, worauf wir uns einließen", erzählt der heutige Rechtsanwalt, der die Einladung zum großen Happening in Leipzigs damals per Flugblatt im Land verteilte. „Wir wiesen auch deutlich darauf hin, dass das Ganze ohne Genehmigung stattfand." Die Verantwortlichen in Leipzig hatten schlicht dekretiert: Das findet nicht statt.

Es fand trotzdem statt. Und zweieinhalb Stunden durfte auch musiziert werden, während Helmut Hackenberg, stellvertretender SED-Chef in Leipzig, in seinem Auto saß und die Vorgänge verfolgte. Die Polizei ließ er erst einschreiten, als sich die Innenstadt mit dem Schließen der Geschäfte um 12 Uhr leerte. Am Thomaskirchhof wurden die Musikanten eingekesselt und verhaftet. „Ich frage mich heute noch, wie die so dumm sein konnten", kommentiert Läßig den Vorgang, der das Happening erst recht zum Erfolg machte.

Am Nachmitag gab's dann sogar noch einen Protestmarsch vor die Polizeidienststelle. Für die Leipziger Opposition war es ein Erfolg: Das Festival machte Schlagzeilen. Und es lebt in der Erinnerung Vieler bis heute fort als ein wichtiger Auftakt für den Herbst 1989.

"Es hat eben auch Spaß gemacht damals", erzählt Robert Clemen. "Es war eben nicht alles so ernst und feierlich. Es ging auch um das Gefühl, jung zu sein und sich ausleben zu wollen."

Alternative Musik: Vor 20 Jahren nur in Kirchen und Privaträumen
Alternative Musik: Vor 20 Jahren nur in Kirchen und Privaträumen
Foto: Ralf Julke
Deswegen soll auch das "Revival der Straßenmusik", das vom 14. bis 16. August in der Moritzbastei stattfindet, keine Retro-Veranstaltung werden. Auch wenn Viele der Mutigen, die am 10. Juni 1989 dabei waren, musizieren werden – teils im offiziellen Programm, meist aber in bunten Talk-Runden, in denen sie auch mal ihre Instrumente auspacken.

„Doch einfach das Ganze wieder so aufzuziehen wie damals, das wäre langweilig geworden", sagt Läßig. Die Organisation der drei Tage hat hauptsächlich Steffen Mohr übernommen. "Eigentlich gehöre ich nicht direkt zu diesen Musikern", erzählt der Kabarettist und Autor, der seinerzeit genauso seine Auftrittsverbote erlebte. „Aber als ich dann anfing herumzutelefonieren, merkte ich bald: Das wird ein Klassentreffen."

Denn wer künstlerisch über Kreuz lag mit der allweisen Staatsregierung, der fand sich bald in Nischen wieder, fand in Privaträumen und Kirchen alternative Auftrittsorte. Dass 1989 von der namhaften Folk-Szene der DDR nur wenige der Einladung folgten, hat einen simplen Grund. „Die meisten kannten mich noch nicht. Die dachten, als sie meinen Namen auf der Einladung lasen, ich wäre ein Provokateur von der Stasi. So weit war es gekommen. Wen man nicht kannte, dem misstraute man."

Dafür mancher aus der aktuellen Folkszene Ostdeutschlands zum Revival zu erleben sein. Deren Einladung hat Frank Oberhof vom Lieder-Tour e. V. gedeichselt und eine bunte Mischung auf die Beine gestellt, die den Weg in die Moritzbastei lohnt: von der Leipziger Folkband Brandan (14. August, 16 Uhr) über die Berliner Hot Nachos (14. August, 22 Uhr), Soleado und Garlic and onion (beide am 15. August) bis zum Ralph-Schüller-Trio (16. August, 16 Uhr) und der brandenburgischen Kultband Hasenscheiße (16. August, 18:30 Uhr).

Am Sonntag, 16. August, nutzt auch Sachsens Minisperpräsident Stanislaw Tillich die Gelegenheit, am "Idealisten-Tee" teilzunehmen – mit Robert Clemen, Henning Olschowsky und Roland Quester. Da kann man dann auch über die verschiedenen Wege in die Demokratie sprechen, die Ab- und die Umwege. Und auch über das, was Robert Clemen beschreibt: „In einem waren wir uns einig – nämlich über das, was wir nicht mehr wollten. Als es darum ging, was wir dann wollten, wurde es schwierig."

Fotos aus dem Juni 1989, die das Festival und den Polizeieinsatz dokumentieren, werden die drei Tage genau so zu sehen sein wie Gemälde von Katrin Hattenhauer und Cornelia Fromme, die seinerzeit ebenfalls mit künstlerischen Mitteln unterwegs waren, um ihren Protest gegen ein erstarrtes Land zu zeigen.

Tja, bleibt noch die Laurentia, das neckische Lied. Das sangen am 10. Juni 1989 die noch nicht verhafteten Teilnehmer des Straßenmusikfestivals am Nachmittag auf der Thomaswiese – und tanzten dazu im Reigen, während geschätzte 300 Polizisten drumherum standen, um auch diesen nicht genehmigten Scherz zu unterbinden.

Die Programmpunkte im Einzelnen findet man auf:

www.moritzbastei.de


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