Der lange Atem der Geschichte: Jost Brüggenwirth im Interview zum ersten Gottesdienst im Paulinum
Robert Weigel
17.12.2009
Warten vor der Paulinerkirche.
Am zweiten Advent fand auf der Universitäts-Baustelle am Augustusplatz erstmals nach über 40 Jahren wieder ein Gottesdienst statt. Anlässlich der Festwoche des 600-jährigen Bestehens der Alma Mater strömten über 700 Menschen in den Rohbau des Paulinums, hunderte weitere verfolgten den Gottesdienst vor der neuen Kirche.
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Die Leipziger Internet Zeitung hat beim Kuratoriumsvorsitzenden der Stiftung "Universitätskirche zu St. Pauli" Jost Brüggenwirth nachgefragt, wie er sich die zukünftige Nutzung des Paulinums vorstellt und welche Rolle das schwierige Verhältnis zur Universitätsleitung dabei spielt.
Vor knapp zwei Wochen strömten hunderte Menschen zum ersten Gottesdienst nach über 40 Jahren auf die Uni-Baustelle am Augustusplatz – hat Sie der große Andrang überrascht?
Jost Brüggenwirth.
Foto: privat
Der große Zuspruch und Andrang hat mich in keiner Weise überrascht. So viele Menschen haben sich über Jahre und Jahrzehnte hinweg auf so vielfältige Weise für die Wiedergewinnung der Universitätskirche St. Pauli eingesetzt, dass die große öffentliche Resonanz anlässlich dieses historischen Universitätsgottesdienstes folgerichtig zu erwarten war. Dieser Tag hat weit über Leipzigs Stadtgrenzen hinaus die ungebrochene Sehnsucht einer großen Zahl von Leipzigerinnen und Leipzigern sichtbar werden lassen.
War es eher die Neugier der Leipziger oder die gerade in der Adventszeit immer wieder beobachtete Besinnung auf christliche Werte, die die Massen ins Paulinum trieb?
Die Menschen wollten nach meiner festen Überzeugung Teil eines historischen Augenblicks sein, in dem der Universität und der Stadt Leipzig das zurückgegeben wurde, was 1968 vernichtet werden sollte: die Universitätskirche St. Pauli, in der Glauben und Vernunft wieder einen gemeinsamen Ort haben. Die Menschen haben ein feines Gespür dafür gezeigt, dass die wieder aufgenommene, universitätsgottesdienstliche Nutzung am Ort der gesprengten Kirche die eigentliche Geburtsstunde der neuen Universitätskirche St. Pauli darstellt. Wer miterlebt hat, wie Professor Martin Petzoldt das im Mai 1968 von ihm selbst mit Dedo Müller aus der Kirche geborgene Kreuz zu Beginn des Gottesdienstes wieder in die Kirche getragen hat, der wird die Emotionalität und Symbolkraft dieses Augenblicks nie vergessen. Die Botschaft: In dem neuen Raum setzt sich die Geschichte der Universitätskirche St. Pauli fort, die 1968 in einem unvergleichlichen Akt der Kulturbarbarei auf Geheiß der SED vernichtet werden sollte. Dabei entspringt diese Botschaft nicht allein einem christlichen Verständnis, sondern auch einer politischen Sichtweise, die im Ergebnis eine große Anzahl von Menschen, egal ob Christen oder Atheisten, in Leipzig geeint hat.
Erster Gottesdienst in der Kirche - ein volles Gotteshaus.
Foto: Stiftung Universitätskirche zu St. Pauli
Im Vorfeld des Gottesdienstes hatte sich die Universität nicht unbedingt als Förderer der Veranstaltung hervorgetan – ist das Verhältnis zur Uni wirklich so schwierig wie es nach außen hin scheint?
Mir ist wichtig herauszustellen: Der Gottesdienst am vergangenen Sonntag war als Universitätsgottesdienst eine Veranstaltung der Universität. Das Zustandekommen und die Durchführung dieses besonderen Gottesdienstes wären ohne das Engagement der Universitätsgemeinde und der Universitätsmusik unter Leitung von Universitätsdirektor Timm undenkbar gewesen. Insoweit gilt der Dank nicht nur den vielen Förderern außerhalb der Universität wie auch dem Paulinerverein, sondern insbesondere auch vielen Angehörigen der Universität. Auch wenn im Vorfeld dieses Gottesdienstes die uneingeschränkte und tatkräftige Unterstützung durch die Universitätsleitung sicher wichtig und hilfreich gewesen wäre, hoffe ich, dass sich die Universitätsleitung im Blick zurück auf diesen Gottesdienst angesichts der überaus positiven öffentlichen Resonanz noch dankbar äußern wird gegenüber denjenigen, die zum besonderen Gelingen dieses würdigen Abschlusses der Universitätsjubiläumswoche beigetragen haben.
Die Uni nennt ihren neuen Zentralbau im offiziellen Sprachgebrauch gern „Paulinum“. Wie sehr stört Sie die anhaltende Debatte um den Namen des neuen Bauwerks?
Die Verantwortung vor der Geschichte dieses Ortes gebietet es nach meiner festen Überzeugung, dass dieser Raum nur den Namen Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig tragen kann. Die Universitätsleitung hat sich übrigens im Dezember letzten Jahres ihrerseits bereit erklärt, diesen Namen auch für den Teil des Gebäudekomplexes, in dem der Gottesdienst am vergangenen Sonntag stattfand, zu verwenden. Ich wünsche mir, dass dementsprechend der Name auch künftig stärker und durchgängiger zum Ausdruck kommt als dies im Jahr 2009 in den Äußerungen und Veröffentlichungen der jetzigen Universitätsleitung zu erkennen war. Hiervon ganz unbenommen werden Leipzigerinnen und Leipziger im Einklang auch mit der Evangelischen Landeskirche und der Universitätsgemeinde künftig von der Universitätskirche St. Pauli sprechen. Die Stiftung "Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig" schließt sich dem, wie bereits auch aus ihrem Namen hervorgeht, an.
Wie stellt sich Ihre Stiftung die zukünftige Nutzung der Paulinerkirche konkret vor?
Schon jetzt besteht erfreulicherweise eine einvernehmliche Regelung zwischen allen beteiligten Parteien, dass künftig wieder Gottesdienste der Universitätsgemeinde grundsätzlich an allen Sonn- und Feiertagen in der Universitätskirche St. Pauli stattfinden werden. Darüber hinaus ist wichtig: Ein dauerhaft wirksamer Konsens zur Ausgestaltung und Nutzung der Universitätskirche St. Pauli kann nur gemeinsam und im Einklang mit der Freundschaftsklausel des Evangelischen Kirchenvertrages Sachsens zwischen dem Freistaat Sachsen und der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens erreicht werden. Dies erscheint mir nicht nur politisch geboten, sondern angesichts einer erst in diesem Herbst veröffentlichten und durch die Stiftung vorgestellten rechtswissenschaftlichen Arbeit auch rechtlich zwingend: Professor Goerlich, früherer Dekan der Juristenfakultät der Universität Leipzig, und Rechtsanwalt Torsten Schmid legen unter Anwendung des öffentlichen Sachenrechtes und verfassungsrechtlicher Normen in dieser Arbeit präzise dar, dass das Recht der 1968 gesprengten Universitätskirche St. Pauli als einer zu Zwecken des kirchlichen Gebrauches gewidmeten Sache (res sacra) bis heute fortbesteht. Die Landeskirche besitzt demnach die öffentlich-rechtliche Sachherrschaft über die neue Universitätskirche St. Pauli und kann neben klar definierten Nutzungsrechten u.a. auch festlegen, welche Ausgestaltung des Raumes sie für eine ungestörte Glaubensbetätigung künftig als erforderlich betrachtet.
Erster Gottesdienst in der noch unfertigen Paulinerkirche.
Foto: Stiftung Universitätskirche zu St. Pauli
Es ist kurz vor Weihnachten: Gibt es einen Wunsch, den Sie im Zusammenhang mit dem Neubau hegen?
Mein Wunsch für 2010 ist, dass der von Professor Goerlich und Rechtsanwalt Schmid aufgezeigte Lösungsweg beschritten wird und Vereinbarungen zwischen dem Freistaat Sachsen und der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens zu verlässlichen und rechtlich bindenden Regelungen getroffen werden. Ich hielte es für hilfreich und wünschenswert, wenn unter Berücksichtigung der Ergebnisse der vorliegenden Arbeit die Landeskirche schon jetzt stärker als bisher in die Entscheidungen zur Innengestaltung und künftigen Nutzung der Universitätskirche St. Pauli einbezogen würde: Ein erster Schritt wäre, dass die Landeskirche schon im neuen Jahr mit entscheidendem Stimmrecht in der Baukommission vertreten sein wird, in der sie paradoxerweise bis heute nicht eingebunden ist.
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