Können Analphabeten Zeitung lesen? Interview mit Timm Helten vom Projekt iChance
Daniel Thalheim
03.12.2009
Timm Helten vom Projekt iChance
Quelle: Privat
Der Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung e.V. wendet sich mit seinem Projekt iChance gezielt an junge Erwachsene, die durch eine multimediale Kampagne angesprochen und zur Teilnahme an Grundbildungsangeboten motiviert werden. Künstler wie Peter Fox, Samy Deluxe, K.I.Z., Clueso, Culcha Candela, MIA. und die VIVA-Moderatorin Collien Fernandes engagieren sich für diese Initiative.
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Genaue Zahlen von Menschen mit einer Lese- und Schreibschwäche gibt es für das Bundesgebiet und Leipzig laut Auskunft des Statistischen Bundesamts derzeit nicht. Es existieren nur Schätzungen, deren Zahlen aber schwanken. So ist es auch nicht bekannt, wie viele Leipziger nicht oder nur mühsam lesen und schreiben können.
Die L-IZ sprach mit Projektleiter Timm Helten über den Umgang der Medien mit Menschen mit Leseschwäche und die Möglichkeiten von Kunst und Musik, Hemmnisse abzubauen.
Was können Sie über den derzeitigen Stand in Deutschland sagen, wie viele Menschen eine Lese- und Schreibschwäche haben und wie geht die Gesellschaft damit um?
Helten: Kaum lesen und schreiben zu können, ist immer noch ein Tabuthema in der Gesellschaft, so dass die Hemmschwelle bei Betroffenen sehr groß ist, Hilfe anzunehmen oder etwas an der eigenen Situation zu ändern. Das drückt sich auch in der Teilnehmerzahl von Alphabetisierungskursen aus. Es lernen gerade einmal 0,90% der geschätzten vier Millionen funktionalen Analphabeten in Kursen. Das ist eindeutig zu wenig. Die Lerner in Kursen sind überwiegend über 35 Jahre alt und spezielle Angebote für junge Menschen gibt es vielerorts nicht. Wir müssen also die Erreichbarkeit verbessern, Nachfrage bei den Betroffenen herstellen und Hemmschwellen und Zugangsbarrieren abbauen. Zudem müssen jugendgerechte Alphabetisierungsangebote konzipiert und die Kursdichte erhöht werden.
Wie sieht Ihre multimediale Kampagne aus und wie kann ein Mensch mit Leseschwäche mitmachen? Printmedien sind da wohl schlecht geeignet.
Helten: Im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung erforschen wir, wie man die Erreichbarkeit verbessern kann und erproben die Konzepte dann in der Praxis. Den Zugang zur Zielgruppe suchen wir über jugendspezifische Themen und jugendrelevante Medien, das heißt vorrangig Internet. Für Jugendliche haben gerade die Musikstars Vorbildfunktion. Durch ihr Engagement für unser Projekt setzen sich die Künstler für eine bessere Grundbildung ein und machen den Betroffenen Mut, etwas an ihrer Situation zu ändern. Ihre Video-Statements präsentieren wir über unseren YouTube-Partnerchannel, den wir kostenlos von Google-Deutschland zur Verfügung gestellt bekommen haben. In diesen Statements wird immer auch für das Alfa-Telefon als telefonischer Kontakt geworben.
Kampagnenbild "iChance" von Alphabetisierung.de
Quelle: Alphabetisierung.de
Das heißt, dass Menschen, die nicht gut lesen und schreiben können, das Internet nutzen wegen der multimedialen Möglichkeiten?
Helten: Wir wissen, dass Menschen mit geringen Lese- und Schreibkompetenzen das Internet nutzen und großen Spaß am Umgang mit neuen Medien haben.
Videoplattformen sind besonders beliebt bei unserer Zielgruppe. YouTube ist die größte Videoplattform der Welt und wir erreichen dort insbesondere junge Menschen. In Zahlen ausgedrückt sind das 66 % unter 34 Jahre. Die Interaktivität des Mediums ist für unsere Zwecke ideal. Die Leute sollen informiert werden, sich austauschen, ihre Meinung sagen und im besten Fall unsere Botschaft weitertragen.
Können Sie das Konzept näher erläutern?
Helten: Das Konzept wird gerade ausgebaut. Derzeit arbeiten wir an einem Internetportal für junge Erwachsene mit geringen Lese- und Schreibkompetenzen. Unser Internetportal wird vor allem nicht-textbasierte Elemente nutzen, wie Video, Podcasts, Piktogramme, Symbole und Audioausgabe. Die Inhalte orientieren sich an den Interessen der Jugendlichen. Neben Informationen und Hilfsangeboten zum Lesen und Schreiben wird dort möglichst niedrigschwellig eine Verbindung von Lernen, Freizeit, Unterhaltung, Kommunikation und Ausbildung entstehen.
Werden die von Ihnen angesprochenen Künstler in verschiedenen Städten vor Ort sein und die Kampagne live promoten?
Helten: Eine Roadshow durch verschiedene Städte ist derzeit nicht geplant. Wir arbeiten aber mit lokalen Alphabetisierungsanbietern zusammen, die die Infos vor Ort in die Breite tragen. Wir setzen bei der Bekanntmachung der Kampagne vor allem auf Multiplikatoren. So kann ein Alphabetisierungsanbieter unsere Video- und Radiostatements und andere Werbematerialien wie Postkarten, Aufkleber nutzen, um für sein Angebot zu werben.
Warum sind Kunst und Dichtung so wichtig für das Lese- und Schreibvermögen?
Helten: Kunst und Musik haftet kein Beigeschmack von Bildung, Lernen und Schule bei und ist positiv besetzt. Man kann sich auf unterhaltsame und niederschwellige Weise mit dem Thema Lesen und Schreiben auseinandersetzen. Von Dichtung ist bei uns bewusst keine Rede. Wenn man Rap als jugendkulturellen Ausdruck von Dichtung versteht, könnte man in diesem Zusammenhang eher von Reimkunst sprechen. Wir möchten gerade verhindern, dass durch unnötig hochgelegte Zugänge und Schranken den jungen Erwachsenen der Zugang zur Sprache verwehrt bleibt. Songtexte sind hier ein geeigneter Anlass, um im privaten, wie auch im schulischen Kontext, Textverständnis und Interpretation einmal anders zu wagen. So bieten sich Schreibanlässe, bei denen die Jugendlichen selbst die Experten sind und den Erwachsenen gegenüber einen Wissensvorsprung haben.
Timm Helten vom Projekt iChance
Quelle: Privat
Menschen mit Lese- und Schreibschwäche würden auch unser Interview nicht auf unserer Online-Zeitung lesen können. Welche Möglichkeiten der Wahrnehmung könnte es hierzu geben?
Helten: Indem vermehrt auf audiovisuelle Medien zurückgegriffen wird, sowie Vertriebswege und -techniken genutzt werden, die auch Menschen mit Lese- und Schreibschwierigkeiten erreichen. Dass eben die Leute nicht von wichtigen Informationen abgeschnitten sind. Hätten wir dieses Interview beispielsweise per Webcam oder Telefon geführt, hätte man es als Video- oder Podcast bereitstellen können. Ein großes Potential sehe ich in webbasierten Angeboten, aber auch die neue Handygeneration - wie das iPhone oder andere Smartphones - bietet große Chancen und könnte Menschen mit Lese- und Schreibschwierigkeiten in naher Zukunft Hilfestellungen im Alltag geben.
Gerade an den klassischen Medienangeboten hakt es also an angemessenen und weit umfassenden Angeboten. Wie kann das geändert werden?
Helten: Es müssen weitaus mehr Anstrengungen in Forschung und Entwicklung gesteckt werden, um zielgruppengerechte Anspracheformen umzusetzen. Unser Projekt ist ein wichtiger Schritt in diese Richtung. Ebenso ist es dringend erforderlich, dass die Gruppe der Lese- und Schreibunkundigen von der Politik und der Wirtschaft ernstgenommen und gefördert wird. Geschätzte 6 % der deutschen Bevölkerung über 15 Jahre haben das Lese- und Schreibniveau eines Erst- oder Zweitklässlers. Sie können sich sicherlich vorstellen, dass eine aktive Teilnahme an der Gesellschaft dadurch stark erschwert ist.
Sind auch Leipziger Künstler aufgerufen mitzumachen bei der Aktion "iChance"?
Helten: Wir freuen uns über jede Unterstützung. Wichtig ist uns bei der Auswahl der Künstler, dass sie authentisch sind und junge Menschen ansprechen. Überspitzt gesagt: Ein Sido wäre uns lieber als ein Herbert Grönemeyer.
Unter der Nummer 0251-533344 kann man sich als Betroffener melden und bekommt anonyme Beratung über örtliche Alphabetisierungsangebote.
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