Library World Records: Leipzig unter den Weltrekorden der Bibliothekare
Ralf Julke
29.12.2009

Library World Records.
2004 legte Godfrey Oswald zum ersten Mal sein Buch vor, das Bibliothekare in aller Welt fasziniert: "Library World Records". Quasi das Oswald-Buch der Bibliotheken-Weltrekorde: die Größte, die Älteste, die Speziellste ... Und natürlich kommt auch Leipzig drin vor. Auch in der 2. Edition.
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Die erschien – aktualisiert – jetzt fünf Jahre nach der Erstauflage wieder bei McFarland & Company. Die Bestände sind gewachsen, neue Gebäude wurden errichtet – aber auch neue Schreckensmeldungen versetzten die Welt der Bücherfreunde in Schockzustände. Man denke nur an den Brand der Anna Amalia Bibliothek in Weimar just im Jahr 2004, bei dem 50.000 Bücher unwiderbringlich zerstört wurden, 60.000 weitere in Mitleidenschaft gezogen. Immerhin Platz 19 in der Liste der wichtigsten Bibliotheken, die durch Brand oder Naturkatastrophen betroffen wurden.
Den 1. Platz wird die berühmteste Bibliothek der Antike, die Bibliothek von Alexandria, hoffentlich nie los werden. 638 verbrannten hier über 750.000 Papyri mit den wichtigsten Texten der Antike. Den 2. Platz in dieser Liste nimmt die 1764 abgebrannte Bibliothek von Harvard ein, die die wichtigsten Original-Quellen der damals noch 13 englischen Kolonien enthielt, aus denen später die USA entstanden. Auch das ein Grund dafür, warum die USA manchmal so ein kurzes Gedächtnis haben.
Auch den 3. Rang vergibt Oswald an eine US-amerikanische Bibliothek, die Kongressbibliothek von Washington, die 1814 von britischen Streitkräften niedergebrannt wurde. Nur zwei Jahre früher brannte in Moskau die Bibliothek der 1755 gegründeten Lomonossow-Universität nieder: Da waren es die Russen selber, die sie mitsamt der ganzen Stadt Moskau angezündet hatten, um Napoleon das Winterquartier zu rauben. Platz 4. Und auch Platz 5 gibt Oswald den Russen: Beim Brand der Bibliothek der Russischen Akademie der Wissenschaften in St. Petersburg (damals noch Leningrad) verbrannten über 2 Millionen Bücher.
Schon das ein erhellender Blick in eine Welt, die jenseits der Buchstadt Leipzig genauso vom Buch und seiner Rolle bei der Entwicklung moderner Gesellschaften fasziniert ist. Man vergisst das so gern und verliert es auch beim großen Indianertanz um das Internet gern aus den Augen, wieviel Wissen tatsächlich schon auf Papier gedruckt und zu Büchern gebunden wurde. Und wieviel auch wieder verloren ging – verbrannt von wilden Horden, unter denen die deutschen Nazis die wildesten waren, oder schlicht aufgelöst, weil Säure das Papier zerfraß.

Zweite Ausgabe von Godfrey Oswalds "Library World Records".
Es kommen deshalb in Oswalds Buch auch alle Lebensbereiche mit vor, die das Thema Bibliothek am Rande oder in neuer Form mit bedienen – wie etwa die gigantischen elektronischen Bibliotheken der jüngeren Zeit, die größten und kleinsten Bücher, die ältesten Drucke, die älteste Zeitungen und Periodika. Oder das älteste Buchmuseum. Und da findet man tatsächlich in Leipzig: das Deutsches Buch- und Schriftmuseum. "For almost 100 years, the German Book and Writing Museum in Leipzig has been collecting, preserving and indexing documents about the history and development of books from 5000 year old ancient clay tablets to the electronic book (e-book) of the third millennium. The museum also holds the world’s largest collection of watermarks", schreibt Oswald.
Es ist sogar noch besser: Das Museum wurde schon 1885 aus der Taufe gehoben. Die erste Ausstellung zeigte es im großen Saal der Buchhändlerbörse in der Ritterstraße, wie die Website der Deutschen Nationalbibliothek verrät.
Ach ja: Die sollte doch eigentlich auftauchen unter den größten und ältesten Bibliotheken, oder nicht? Unter den ältesten leider gar nicht, nicht mal unter den ältesten 150. Viele Universitätsbibliotheken sind reihenweise älter. Und zwar vor allem in einer Weltgegend, die in modernen Medien nicht wirklich oft als fortschrittlich und kulturell hochstehend beschrieben wird: der arabischen Welt nämlich.
Die Biblitothek der Universität Al-Qarawiyin in Fez (Marokko) wurde um 859 gegründet, die der Al-Azhar-Universität in Kairo 970, die der Universität Hunan in China im Jahr 976, die der Al-Nizamiyah Universität in Bagdad wurde im Jahr 1070 begründet. Und erst 1088 folgt dann die älteste europäische Universitäts-Bibliothek in Bologna.
Und dann folgen die Universitätsgründungen in Europa wie ein erstes Feuerwerk über das ganze Hochmittelalter. 1409 ist dann Leipzig ganz offiziell dran mit seiner Uni-Gründung. Womit Leipzig auf Platz 57 landet unter den ältesten Universitäts-Bibliotheken (bei Oswald identisch auch mit den ältesten Bibliotheken) – hinter Turin (1404) und vor St. Andrews in Großbritannien (1410). Wobei natürlich auch eine spannende Frage ist: Sollte man die Klosterbibliothek der Dominikaner nicht als Ausgangspunkt nehmen, die um 1229 begann zu entstehen? Und nicht nur die Bücherschätze der Dominikaner, auch die der Augustiner von St. Thomas wurden ja der Universitätsbibliothek einverleibt.

Godfrey Oswald: Library World Records.
Buchcover.
Mit dem Gründungsjahr 1409 reiht sich die Leipziger Uni-Bibliothek logischerweise unter die fünf ältesten in Deutschland ein. Aber das ist wohl eine der Stellen in seinem Sammelwerk, an denen Oswald irrt. Vielleicht auch, weil er es sich aus US-amerikanischer Perspektive nicht vorstellen kann, dass Universitäten auch wieder aus politischen Gründen geschlossen werden und erst nach Jahrhunderten neu gegründet. Was auf drei der ältesten Universitäten Deutschlands zutrifft: Die 1388 gegründete alte Universität in Köln wurde 1798 von Napoleon geschlossen und erst 1919 neu gegründet. Die 1392 in Erfurt gegründete Universität wurde 1816 geschlossen und bekam erst 1994 eine Nachfolgerin. Und die 1402 erstmals gegründete Uni Würzburg ging gleich wieder ein. Dauerhaft wurde dort erst die Neugründung von 1582. Es ist also schwierig, die Bibliotheken dieser Universitäten in die Liste der ältesten einzureihen. Leipzig hat in dieser Wertung in Deutschland tatsächlich den 2. Platz – logischerweise wieder hinter Heidelberg (1386).
Und wo bleibt die Nationalbibliothek? – Unter den ältesten Nationalbibliotheken landet sie nicht. Auf die älteste können die Tschechen stolz sein. Sie stammt aus dem Jahr 1366. Zwei Jahre jünger ist die österreichische Nationalbibliothek. Und die Republik Venedig gründete ihre Nationalbibliothek 1468. Die Franzosen folgten 1480, Malta 1555 und die Bayerische Staatsbibliothek 1558. Man sieht: Dass die Deutschen so spät folgten, hat etwas mit der alten Kleinstaaterei zu tun. Da dachte jeder Fürst erst einmal in seinen eigenen Grenzen.
So gesehen ist die 1914/16 erbaute Deutsche Nationalbibliothek (alias Deutsche Bücherei) eine sehr junge Gründung. Dass sie groß ist, keine Frage. Mit allen Beständen in Leipzig, Frankfurt und Berlin reiht sie sich als Nr. 4 unter den größten Nationalbibliotheken der Erde ein.
In Oswalds Reihenfolge: 1. Kongressbibliothek Washington, 30 Millionen Bücher, 2. Nationalbibliothek China, 27 Millionen Bücher, 3. Russische Staatsbibliothek Moskau, 24,2 Millionen Bücher, 4. Deutsche Nationalbibliothek Frankfurt, Leipzig, Berlin, 17 Millionen Bücher, 5. Französische Nationalbibliothek Paris, 15,3 Millionen Bücher.
Aber wie erwähnt: Es gibt da ja noch ein paar Dinge, die irgendwie auch mit Bibliotheken zu tun haben. Und Leute – wie die Bibliothekare. Eine Hochschulausbildung für Bibliothekare gibt es in Leipzig seit 1914. In Oswalds Liste immerhin Platz 3 in der Welt – hinter Göttingen (1888) und München (1905), vor Kopenhagen (1918) und London (1919).
Dafür kam in Leipzig die erste Mediziner-Zeitschrift heraus: "Miscellanea Curiosa Medico-Physico Academiae Naturae Curiosorum Sive Ephemerides", veröffentlicht 1670. Doch das älteste ununterbrochen erscheinende Medizin-Journal ist das "New England Journal of Medicine", erstmals erschienen in Massachusetts 1812.
Was aber bleibt, ist der Ruhm der ältesten Tageszeitung der Welt, die 1650 erstmals in Leipzig erschien: die "Einkommende Zeitung", aus der dann später die "Leipziger Zeitung" und die "Neue Leipziger Zeitung" wurde, die erst unter den Nationalsozialisten ihr Erscheinen einstellte. Hätte sie das überlebt, sie hätte von Oswald auch noch den Titel "älteste ununterbrochen erscheinende Tageszeitung" bekommen. Aber den bekam nun die "Wiener Zeitung", die seit 1703 ununterbrochen erscheint.
Bislang liegt das Zahlen-Werk von Godfrey Oswald nur auf englisch vor. 327 Seiten, die zumindest ahnen lassen, wie groß und vielfältig die Welt der Bücher und Bibliotheken ist. Man findet darin auch die größten und ältesten Buchhandlungen, die berühmtesten Bücherdiebe, die berühmtesten gestohlenen Bücher und Bibliotheken als Filmschauplätze. Was fehlt, ist nur noch eine Liste der berühmtesten fiktiven Bibliotheken.
"Library World Records. 2. Edition" von Godfrey Oswald, Mcfarland & Co
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