Fünf Minuten vor dem Tod: Wie die Leukämie Thorsten Nikolais Leben veränderte
Frank Schütze
29.01.2010
Thorsten Nikolai.
Weihnachten 2007. Es war ein arbeitsreiches Jahr gewesen. Jetzt sollte Zeit bleiben. Zum Abschalten. Zum Entspannen. Thorsten Nikolai war müde. Eigentlich war er immer müde. Morgens nach dem Aufstehen. Und auch nach dem Frühstück verspürte er das Bedürfnis gleich wieder ins Bett zu gehen. So ging das ein paar Tage lang.
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„Ich habe mir anfänglich nichts dabei gedacht. Vermutet, dass sich mein Körper eben die Auszeit nimmt, die er braucht.“, sagt er heute rückblickend.
Erst als die Kräfte zunehmend schwanden, die kleinste Belastung seine Lungen kräftig pumpen ließ, wurde der Geschäftsführer eines Leipziger Logistikunternehmens misstrauisch. Irgendetwas stimmte nicht. Er ging zum Arzt, machte einen Bluttest. Die Diagnose eindeutig und niederschmetternd zugleich – Leukämie. Rund vier Wochen habe er noch zu Leben, wenn nicht gleich etwas passiere.
Schon am darauffolgenden Tag lag Thorsten Nikolai in der Leipziger Universitätsklinik – Krebsstation. Die Chemotherapie und die aufwendige Suche nach einem geeigneten Stammzellenspender waren jetzt die Gedanken, die dem Unternehmer durch den Kopf schossen. Nikolai: „Ich habe angefangen, mich mit der Krankheit zu beschäftigen. Wollte verstehen, was da mit meinem Körper passiert.“ Im Grunde sei es ähnlich wie mit der Logistik, erzählt er. „Knochen, Muskeln, Sehnen und Blut muss der menschliche Körper perfekt miteinander verzahnen, damit das große Ganze reibungslos funktioniert. Wenn es der Organismus allerdings nicht mehr schafft, die lebensnotwendigen Bestandteile abzustimmen beziehungsweise ein wesentlicher Baustein ausfällt, hat man ein Problem.“
Chemotherapie.
Foto: Frank Schütze
Und genau das hatte Thorsten Nikolai. Sein Körper hatte die Bildung roter und weißer Blutkörperchen eingestellt. Der Sauerstofftransport im Blut war verhindert, die Immunabwehr zur Bekämpfung von Infekten zerstört. Alles was noch da war, fiel anschließend der Chemotherapie zum Opfer. Der 46-Jährige besaß von nun an kein Immunsystem mehr. Seine einzige Chance – Keimfreiheit. Schon der kleinste Erreger kann in solchen Momenten das Leben kosten. Ein Risiko, was man nicht eingehen kann. Völlig isoliert und durch Plastikfolie geschützt vor dem normalen Leben sah Thorsten Nikolai die Welt da draußen. Unfähig die Hand seiner Frau zu berühren und der Tochter über die Wange zu streicheln, um zu zeigen: Es wird schon alles gut werden.
Nikolai ist ein Kämpfer. Einer, der nie aufgibt. Auch nicht, als die Entzündung seiner Speiseröhre ihm beinahe das Leben kostet. Vielmehr beginnt er gedanklich konkret seinen Tag zu strukturieren. Entschlossen schmiedet er Pläne für die Zeit danach: „Ich habe mich irgendwie immer geweigert zu akzeptieren, dass diese Krankheit mein Leben beendet. Sobald es etwas besser ging, nahm ich mein Handy und mein Laptop zur Hand und arbeitete. Das brachte mich auf andere Gedanken und die Geschäfte mussten ja auch weitergehen.“
In den Behandlungspausen, wenn der Unternehmer für ein paar Wochen nach Hause durfte, schwang er sich auf sein Fahrrad. Den Mundschutz vorm Gesicht. Eingeschränkt aber nie gebrochen. Bis zu 30 Kilometer rang er sich in einem Ritt ab. Er wollte fit sein für die kommenden Therapien, Reserven haben. Gleichzeitig lief in der Universitätsklinik fieberhaft die Suche nach einem geeigneten Knochenmarkspender. Eine Eigenspende hatten die Ärzte ausgeschlossen, auch die nahen Familienangehörigen passten nicht. Schlussendlich blieben nur die weltweite Datenbank und die vage Hoffnung, dass bei irgendeinem registrierten Spender mindestens sechs von zehn möglichen Merkmalen übereinstimmen. Erst ab dann kann eine Transplantation versucht werden.
Thorsten Nikolai hatte Glück: „Insgesamt vier Menschen waren ausreichend mit mir kompatibel. Laut den Ärzten war das eine sehr hohe Trefferzahl. Ich bin offensichtlich ein sehr gewöhnlicher Mensch“, scherzt der 46-Jährige heute. Wohlwissend, dass weltweit gerade einmal 13 Millionen Menschen, die doch recht aufwändige Prozedur einer Knochenmarkentnahme in Kauf nehmen würden und sich mit ihren Merkmalen haben registrieren lassen. „Wenn es einen dann selber betrifft, führt es einem sehr deutlich vor Augen, wie sehr man auf andere Menschen angewiesen ist und wie wenig uns allen das bewusst ist“, sagt Nikolai.
Die Transplantation konnte durchgeführt werden. Und obwohl seine Spenderzellen gegen seinen Körper massiv reagierten und nur durch den Einsatz von Cortison eine Zerstörung seiner eigenen Organe verhindert werden konnte, meisterte Thorsten Nikolai auch diesen letzten Weg erfolgreich.
Das Erlebnis Leukämie hat sein Leben umgekrempelt: Unternehmer Thorsten Nikolai.
Foto: Frank Schütze
Heute gilt er offiziell als geheilt. Seine Abwehrstoffe sind zwar teilweise noch mit dem Immunsystem eines Kleinkindes vergleichbar. Dass heißt, die Anfälligkeit auf Viren und Bakterien ist nach wie vor groß. Aber Stück für Stück kämpft sich Thorsten Nikolai zurück in sein altes Leben. „Obwohl, nicht ganz“, schränkt er ein: „Die Krankheit hat mich schon verändert. Meine Einstellung zum Leben und auch meine Prioritäten. Ich bin dankbarer geworden, habe zunehmend den Blick für das Wesentliche und die kleinen Wunder der Natur.“ Dazu zählen für ihn Begebenheiten wie das Beobachten einer Ameisenkolonie bei ihrer mühseligen Arbeit. Auch die Einstellung zur Arbeit hat sich verändert.
„Ich habe einen zweiten Assistenten eingestellt, der mich in vielen Belangen entlastet. Eines ist mir klar geworden: Vom Geld habe ich nichts, wenn ich nicht mehr lebe“, sagt der Unternehmer heute. Ein Gefühl ist dem 46-Jährigen aber besonders verhaftet geblieben – Dankbarkeit. Die Freude darüber, noch einmal neu anfangen zu können. Ein zweiter Geburtstag sozusagen. „Ich weiß, wie schwer es war, dem Tod von der Schippe zu springen. Jetzt möchte ich helfen, dass auch andere die Krankheit überwinden können“, sagt Nikolai und engagiert sich im Verein „Zusammen gegen den Krebs.“ Und noch ein Projekt hat er in diesem Jahr angeschoben. „Ich habe in meinem Unternehmen zwei Lehrstellen geschaffen, die ausschließlich für an Leukämie erkrankte Jugendliche beziehungsweise für junge Menschen, in deren Familien, die Krankheit den normalen Lebensrhythmus völlig zerstört hat, freigehalten werden“, erzählt der Logistiker und ergänzt: „Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie Leukämie eine ganze Familie in Mitleidenschaft zieht. Ich bin froh und dankbar, dass ich weiter leben darf. Jetzt ist es an der Zeit, anderen Betroffenen etwas zurückzugeben.“
Ein Interview mit Professor Doktor Dietger Niederwieser, Leiter der Abteilung Hämatologie und Onkologie an der Universitätsklinik Leipzig, zu den Heilungschancen bei Leukämie lesen Sie morgen an dieser Stelle.
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