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Naturkundemuseum Leipzig: Der einsame Kampf des Museumsdirektors Dr. Rudolf Schlatter

Matthias Weidemann
Dr. Rudolf Schlatter.
Dr. Rudolf Schlatter.
Foto: Matthias Weidemann
Dieser Mann muss seinen Beruf wirklich lieben. Viele Dienstherren würden sich so eine Einstellung wünschen, wie sie Dr. Rudolf Schlatter an den Tag legt, seines Zeichens Direktor des stiefmütterlich behandelten Naturkundemuseums. Das Museum bekommt 800.000 Euro im Jahr von der Stadt und hat 10 Mitarbeiter.

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Selber werden rund 30.000 Euro im Jahr erwirtschaftet. Im Jahr hat das Museum rund 35.000 Besucher. - Doch kein anderer Museumschef in Leipzig muss so hart um sein Haus kämpfen wie dieser ursprünglich aus der Schweiz stammende Geologe. Und dabei bekommt er vergleichsweise die geringste Subvention. Ständig schwebt das Damoklesschwert der Schließung über seinem Haupt und jetzt muss der tapfere Streiter einen weiteren herben Schlag einstecken. Die Stelle für den Hauspräparator soll gestrichen werden. Der Museumsdirektor im großen Interview über seinen Kampf, geplatzte Träume, Hoffnungen, Enttäuschungen und das ständige Gerede von der Schließung seines Hauses.

LIZ: Herr Schlatter, wie lange schlagen Sie sich eigentlich schon mit dem „Problemfall Naturkundemuseum“ herum?

Schlatter: Das mit dem Naturkundemuseum ist eine Problematik, die zurückgeht bis auf den Antritt meiner Amtszeit. Das war im Februar 1993. Ich hatte damals den Kulturbeigeordneten Dr. Girardet darauf aufmerksam gemacht, dass dieses Haus eine Zukunft haben muss. Da war von diesem Haus hier die Sprache, nämlich, wie wir hier eine neue, moderne Dauerausstellung draus machen können. Wie wir die Sammlung, die Magazine, die Werkstätten und so weiter unterbringen können.

LIZ: Was ist damals geschehen?

Schlatter: 1994 wurde dann auch ein erster Schritt in dieser Richtung unternommen. Es wurde so etwas wie eine Kosmetik im Haus vorgenommen. Malerarbeiten, eine neue Heizung und neue Bodenbeläge, was die Besucherfreundlichkeit etwas erhöhte. Seitdem sind dann Pläne entstanden, wie das Haus umgestaltet werden könnte, entsprechend einer modernen Museumsinfrastruktur. Dabei wurde auch beziffert, was es kosten würde. Und 1995 habe ich ein Modell vorgestellt, dass man die Sammlung sowie Werkstätten vor dem Haus unterirdisch unterbringen könnte. Mein Vorschlag wurde sehr positiv aufgenommen. Dazu kam am Eingang ein transparenter Kegel, in dem man unsere Sonderausstellungen zeigen könnte. Das wurde damals als willkommene Lösung bewertet. Allerdings wurde auch gesagt, dass noch Alternativlösungen gesucht werden müssten. So sind im Laufe der Jahre viele, viele Pläne entstanden. Darunter war auch der Plan eines angehenden Architekten, der vorschlug, das Naturkundemuseum in den beiden Gasometern an der Richard-Lehmann-Straße unterzubringen. Auch die Kongresshalle wurde geprüft. Und ich bin noch heute der Meinung, dass dies eine gute Lösung gewesen wäre. Die Nähe zum Zoo hätte thematisch doch sehr gut gepasst. Aber das hat wie so viele andere Pläne auch nicht geklappt.

Seit Jahren kämpft er für ein neues Haus: Dr. Rudolf Schlatter.
Seit Jahren kämpft er für ein neues Haus: Dr. Rudolf Schlatter.
Foto: Matthias Weidemann

LIZ: Fühlen Sie sich als Institution Naturkundemuseum denn im Dezernat Kultur gut aufgehoben?

Schlatter: Das ist eine ganz interessante Frage. Wir sind wieder mal an einem Punkt angelangt, wo mehr oder weniger offen gefragt wird, „brauchen wir denn überhaupt ein Naturkundemuseum? Wir haben einfach die Mittel nicht, da könnten wir auf ein solches Museum auch verzichten“. Da habe ich schon zu Zeiten von Girardet angefragt, ob das Naturkundemuseum denn in einem anderen Dezernat nicht besser aufgehoben wäre. Wir haben darüber diskutiert, das Naturkundemuseum ins Umweltdezernat aufzunehmen. Das wurde damals von Herrn Tschense auch als logischer Schritt bezeichnet, dem aber, wie heute auch, die Finanzproblematik im Wege stand. Ich habe die Frage aus dem Grund gestellt, weil ein Umweltdezernat eben die richtigen Ansprechpartner hat, die auch mit Umweltpolitik und Natur zu tun haben und die besseren Sponsoren an der Hand haben.

LIZ: Wie ist der Status Quo jetzt und wie ist Ihr Kontakt zum Beigeordneten für Kultur, Michael Faber, dessen Angestellter Sie ja quasi sind?

Schlatter: Ich habe einen sehr guten Kontakt zu Herrn Faber. Als er sein Amt angetreten hat, hat er mir gesagt, dass er uns einen Besuch abstatten wolle, um über die Zukunft des Hauses zu reden. Er hat sich die Situation hier sehr eingehend angeschaut und ich habe ihm die gleichen Probleme und Schwachstellen aufgezeigt, wie ich das schon 16 Jahre vorher bei Herrn Girardets Amtsantritt getan habe.

LIZ: Was ist seitdem geschehen?

Schlatter: Er hat das aufgenommen und es sind seit seinem Amtsantritt zahlreiche Gespräche geführt worden, in denen es darum ging, wie wir das Museum in den Griff kriegen. Als dann feststand, dass ein umfassender Umbau etwa 10 Millionen Euro kosten würde, sagte mir Herr Faber, dass man bei so einer Summe auch einen Neubau in Erwägung ziehen könnte. Darüber wurde auch intensiv gesprochen und nachgedacht. Das Agra-Gelände wurde ebenso für einen Neubau in Betracht gezogen wie die Wiese vor dem Grassi-Museum oder eine Umnutzung des Hauses des Buches. Das sind alles Optionen, die Herr Faber in die Runde geworfen hatte.

LIZ: Was war Ihre Reaktion?

Eine Riesenspinne macht Werbung für den Besuch des Naturkundemuseums.
Eine Riesenspinne macht Werbung für den Besuch des Naturkundemuseums.
Foto: Matthias Weidemann
Schlatter: Ich habe gesagt, dass ich mit diesen Plänen Probleme hätte und lieber dieses Haus in ein modernes Naturkundemuseum umbauen würde. Denn die Pläne hatten ja gezeigt, dass ein solcher Umbau hier möglich wäre. Ich habe Herrn Faber darüber hinaus noch einen Vorschlag gemacht, den ich noch heute ehrlich gesagt für den besten halte. Und zwar die Umnutzung des ehemaligen Landratsamtes am Tröndlinring 3. Im Frühjahr dieses Jahres habe ich dann mit Herrn Faber und den Eigentümern das Landratsamt besichtigt. Von der Architektur, von der Bausubstanz, der Infrastruktur, dem Platz und den Räumlichkeiten wäre es ideal gewesen. Wenn ich alleine an den überdachten Innenhof denke, an den großen Keller. Wir hätten alles problemlos unterbringen können und hätten noch zusätzlich sehr viel Platz in anderen Geschossen gehabt. Herr Faber hat danach einige Lösungsmöglichkeiten geprüft, mir dann aber später gesagt, dass dies alles zu kompliziert sei und mir einen negativen Bescheid gegeben, was ich bis heute sehr bedauere.

LIZ: Sie waren der Meinung, es hätte klappen können?

Schlatter: Ich hatte bei den Gesprächen mit den Eigentümern immer das Gefühl, dass hier eine optimale Lösung hätte gefunden werden können. Herr Faber hat indessen die Vorgabe bekommen, eine Million Euro einzusparen. Die zweite Vorgabe aus der Dienstberatung mit dem OBM war die, was ich nicht ganz verstanden habe, „bitte erstellen Sie einen Antrag zur Schließung des Naturkundemuseums“. Natürlich muss auch klar werden dabei, was man da verliert. Wir haben uns da in vielen Gesprächen intensiv unterhalten. Dieser Antrag liegt aber auf dem Tisch und das Ganze ist dann auch publik geworden. Es ist ja auch nicht das erste Mal, dass von einer Schließung des Naturkundemuseums gesprochen wird …

LIZ: Was ja schon seit einiger Zeit durch den Raum geistert …

Schlatter: … doch jetzt hat sich die Sachlage so weit zugespitzt, dass die Stadt und die Politiker ganz klar ein Bekenntnis für das Naturkundemuseum abgeben müssen. Und es kann nicht sein, dass in jeder öffentlichen Diskussion, die über unser Haus geführt wird, diese Aussage im Raum schwebt und es heißt „Ja, eigentlich brauchen wir das Naturkundemuseum überhaupt nicht und das müssen wir schließen“. Solche Diskussionen brauchen wir nicht. Sondern es muss ganz klar gesagt werden, dass wir das Naturkundemuseum in Leipzig brauchen, dafür müssen wir arbeiten. Aber dieser Entschluss, der muss jetzt auch gefasst werden, sonst sehe ich für die weitere Zukunft schwarz. Ich hoffe, dass wir da jetzt eine Lösung finden. Gestern hatten wir ein Gespräch mit Bündnis 90/Die Grünen, in dem auch zum Ausdruck gebracht wurde, dass es bei Bündelung aller Kräfte in Leipzig machbar wäre.

LIZ: Wie sieht Ihre derzeitige Personalsituation aus?

Tierpräparator René Diebitz in seiner Werkstatt.
Tierpräparator René Diebitz in seiner Werkstatt.
Foto: Matthias Weidemann
Schlatter: Im Moment haben wir 10 Stellen im Haus und da gibt es eine Situation, die mich aktuell sehr bedrückt. Über lange Jahre hatten wir hier einen zoologischen Präparator im Haus. Der hat wichtige Aufgaben. Eben nicht nur neue Präparate herzustellen, sondern auch den Bestand zu pflegen und instand zu setzen. Auch für Ausstellungen ist ein Präparator eminent wichtig. Also ein Naturkundemuseum ohne Präparator ist nicht denkbar. 2002 ging der damalige Präparator in Ruhestand und die Stelle wurde nicht verlängert. Mir wurde gesagt, dass ein Präparator immer dann angeheuert werden sollte, wenn man ihn auch benötigte.

LIZ: Warum war das keine Alternative für Sie?

Schlatter: Das war keine Lösung für mich, weil, wenn man da vier oder fünf Vögel im Jahr präpariert, dann ist das nichts. Und die Mittel dafür wurden Jahr für Jahr geringer, so ging das also nicht. Dann ging vor zwei Jahren der Verantwortliche für die Wirbeltiersammlung in Ruhestand. Ich nutzte die Gelegenheit und schrieb die Stelle wie eine Präparatorenstelle neu aus, in der auch die Aufgaben der anderen Stelle enthalten sind. Die Stelle ist dann auch vor zwei Jahren geschaffen worden. Allerdings war die alte Präparatorenwerkstatt von Schwamm befallen, so dass wir sie lange nicht nutzen konnten. Der Präparator, Herr Diebitz, hat dann die Arbeit fürs Museum teilweise nach Hause in die eigene Werkstatt verlagert, wofür wir sehr dankbar waren. Letzte Woche nun konnten wir die Einweihung der neuen, allen Standards entsprechenden Präparatorenwerkstatt im Museum feiern.

LIZ: Dann sollten Sie doch jetzt einigermaßen glücklich sein?

Schlatter: Über all dem liegt ein Schatten. Denn jetzt, wo wir die neue Werkstatt haben, wurde mir von der Stadt gesagt, dass die auf zwei Jahre befristete Stelle von Herrn Diebitz nicht verlängert werden soll. Das ist doch grotesk, oder? Da hat man 40.000 Euro in die neue Präparatorenwerkstatt investiert und streicht dann die Stelle für den Präparator, weil man Geld einsparen will. Das ist ein entsetzlicher Verlust für uns, weil Herr Diebitz ein Experte von internationaler Anerkennung ist und als Meister seines Fachs gilt. Er hat schon viele internationale Preise gewonnen. Einen besseren in Deutschland finden wir nicht. Hinzu kommt die persönliche Tragik, weil Herr Diebitz sich darauf verlassen hat, eine feste Stelle zu haben. Dafür hat er seine private Werkstatt und die damit verbundenen Aufträge natürlich vernachlässigt und steht jetzt vor dem Aus. Dazu hat sich jetzt durch das Fehlen der Werkstatt so viel Arbeit im Museum angesammelt, dass Herr Diebitz eigentlich alle Hände voll zu tun hätte.

LIZ: Wie wirkt sich das auf Ihr Haus aus?

Schlatter: Ich denke da nur an unsere ter-Meer-Sammlung (H.H. ter Meer, Vater der modernen Tierpräparation, d. Red.), eine der größten weltweit. Da haben wir große Schäden festgestellt. Ich habe schon versucht, externe Sponsoren für die Stelle zu finden, leider umsonst. Also ist die Brisanz umso höher. Das Museum braucht diese Kraft unbedingt. Das Problem ist ja sogar noch größer, weil Herr Diebitz ja aufgrund meiner ursprünglichen Stellenbeschreibung noch die Stelle des Konservators ausfüllte. Eigentlich fallen somit zwei Stellen weg. Ich frage mich, wie so etwas überhaupt gehen kann. Das kann ich nicht nachvollziehen. Jetzt stehe ich vor einem wirklich großen Problem. Also zusammen mit den Forderungen, das Haus zu schließen, muss jetzt endlich mal ein Bekenntnis her. So geht das nicht weiter.

LIZ: Gab es schon Reaktionen von Seiten der Stadt bzw. von Seiten des Kulturdezernates?

Die Sammlungen des Museums sind gerade für Schulen eine Expedition wert.
Die Sammlungen des Museums sind gerade für Schulen eine Expedition wert.
Foto: Matthias Weidemann
Schlatter: Ich habe gestern mit Herrn Faber gesprochen, der mir leider bestätigte, dass die Stelle auf der Streichliste steht. Ich werde jedoch mit allen Mitteln, die mir zur Verfügung stehen, dagegen ankämpfen. Wenn diese Stelle wirklich wegfallen sollte, käme das dem Tod der Sammlung gleich.

LIZ: Was wäre die Alternative?

Schlatter: Die Alternative wäre eine Schande für die Stadt. Die Stadt könnte die Sammlung an andere Museen abgeben, weil ja von Seiten der Stadt die Pflicht besteht, die Kulturgüter, die wir hier haben, zu schützen. Damit wäre man fein raus und sagt sich: „damit haben wir unsere Pflicht getan und fertig.“ Das wäre ein ganz schlimmer Entschluss.

LIZ: … der die ohnehin schon schlimme Lage noch schlechter macht.

Schlatter: Allerdings. Schauen Sie, wir haben nicht einmal ein Behinderten-WC, das Treppenhaus ist aus Holz und damit ein leichter Raub für die Flammen, Anna Amalie lässt grüßen, außerdem hat es keine Notbeleuchtung, so dass die Besucher im Havariefall im Dunkeln stehen würden. Deshalb müssen wir seit 2006 im Winterhalbjahr schon um 16:30 Uhr schließen. Somit fallen Veranstaltungen von Vereinen und anderen Organisationen weg, von den Einnahmen ganz zu schweigen. Was sind das für Zustände? Wir haben keine eigene Verwaltung mehr. Als Naturkundemuseum haben wir seit zwei Jahren keine Geologenstelle mehr. Und dann wurde mir noch gesagt „Herr Schlatter, Sie sind doch Geologe, da könnten Sie das doch gleich mit übernehmen. Ich habe gesagt, ok, das mache ich. Aber dann geht auch ins Bildermuseum und sagt dem Dr. Schmidt, dass er die Alten Meister betreuen soll oder der Frau Dr. Hoyer, dass sie auf ihr Porzellan selber aufpassen soll.

LIZ: Da braucht es schwarzen Humor.

Schlatter: Kann man sagen. Auch haben wir seit Jahren keinen Archäologen mehr. Das muss man sich überlegen. Ein Naturkundemuseum mit archäologischer Sammlung ohne Archäologen! Und das bei einer der wertvollsten Sammlungen in Sachsen. Das erledigen Praktikanten. Wenn ich wenigstens eine Teilzeitstelle bekäme. Alle diese Probleme sind schon sehr lange bekannt. Jetzt muss endlich eine Lösung gefunden werden. Aber alle sagen, erst müssen wir wissen, wie es mit dem Naturkundemuseum weiter geht. Das ist ein Teufelskreis und ich fühle mich einfach veralbert.

LIZ: Wie kommt man sich da vor?

Schlatter: Wie ein todkranker Patient, dem man keine Behandlung mehr zugute kommen lassen will, weil er ohnehin stirbt. Das kann es ja nicht sein. Eine Stadt von der Größe Leipzigs braucht einfach ein Naturkundemuseum. Sehen Sie, ich will nicht falsch verstanden werden, aber in der gesamten Zeit der DDR ist nie auch nur die Rede davon gewesen, das Naturkundemuseum zu schließen. Und ich weiß, dass der Oberbürgermeister für das Naturkundemuseum kein Herzblut hat. Das macht es für Herrn Faber natürlich auch nicht einfacher. Und für uns schon gar nicht. Aber wenigsten hätte er sich zum Naturkundemuseum bekennen können. Hat er aber nicht. Das sollte schon nachdenklich machen.

www.leipzig.de/naturkundemuseum

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