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1.000 Bände für die Leipziger Buchwissenschaft: Mark Lehmstedt verschenkt seine buchwissenschaftliche Bibliothek

Ralf Julke
Siegfried Lokatis und Mark Lehmstedt.
Siegfried Lokatis und Mark Lehmstedt.
Foto: Ralf Julke
Zur Ankunft neuer Bücher gibt's ein paar Fläschchen Rotkäppchensekt. Über neue Bücher kann sich das Institut für Buchwissenschaft der Universität Leipzig noch richtig freuen. Es ist eines der kleinsten an der Uni Leipzig. Und eines der wichtigsten für die alte Verlagsstadt Leipzig. Am Mittwoch wurde die Ankunft von fast 1.000 Büchern gefeiert.

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Geschenkt hat sie dem Institut der Leipziger Verleger Mark Lehmstedt. Es ist die von ihm aufgebaute buchwissenschaftliche Bibliothek, die erstaunlicherweise "fast ohne Dubletten" zwei weitere Handbibliotheken ergänzt, die das kleine Institut schon vorher übereignet bekam von emsigen Buchwissenschaftlern. "Ich dachte da schon immer: Mehr Bücher über Verlagsgeschichte kann es doch eigentlich gar nicht geben", sagte Siegfried Lokatis, Inhaber der Professur für Buchwissenschaft, am Mittwochabend zu Begrüßungssekt. "Ich musste mich eines Besseren belehren lassen."

Dabei kennt er Mark Lehmstedt schon länger. Seit Anfang der 1990er Jahre, verrät er. Sie haben sogar schon zusammengearbeitet und gemeinsam ein Buch geschrieben: "Das Loch in der Mauer: Der innerdeutsche Literaturaustausch". Das erschien 1997 im Verlag Harassowitz. Mark Lehmstedt selbst ist ausgewiesener Buchwissenschaftler. Eigentlich hat der 1961 Geborene Germanistik studiert. "Doch irgendwann hatte ich keine Lust mehr, Kommentare zu schreiben über Kommentare, die andere über die Texte wieder anderer geschrieben haben", formulierte er ein wenig spaßhaft den Grund, der ihn noch während des Studiums zum Umsteigen bewegte - hin zu den Buchwissenschaftlern.

Eine Diogenes-Verlagsgeschichte als Mutmacher: Mark Lehmstedt.
Eine Diogenes-Verlagsgeschichte als Mutmacher: Mark Lehmstedt.
Foto: Ralf Julke

Seine Diplomarbeit schrieb er dann über einen Burschen, den er in einem recht schlampig erstellten Büchlein über zwölf Leipziger Verleger fand, das irgendwann in den 1950er Jahren erschienen war. "Als ich dann hier in der Bibliothek nachfragte, ob sie etwas von Reich da haben und mir der handgeschriebene Briefwechsel von Philipp Erasmus Reich und Goethe präsentiert wurde, da war es um mich geschehen", sagt er.

In seiner Arbeit über den wohl wichtigsten Leipziger Verleger des 18. Jahrhunderts beschäftigte sich Lehmstedt - für DDR-Verhältnisse immerhin ungewöhnlich - mit der Ökonomie seines Verlages. "Eine hilfreiche Vorarbeit", sagt er heute. Das Wissen um die Marktmechanismen des 18. Jahrhunderts unterscheide sich ja nicht so sehr von dem, was Verleger heutzutage wissen müssten. Sie müssten nicht nur Produkte entwickeln, die auf dem Markt ein Publikum finden, sie müssten sich ja auch das Publikum dazu erfinden, das es ja logischerweise noch nicht gibt.

Dass er einmal selbst einen Verlag gründen würde, war da keineswegs absehbar. "Aber ein Studium der Buchwissenschaft eröffnet meines Erachtens nach Türen zu einer ganzen Menge Betätigungsfelder", sagt Lehmstedt. "Und für einen Verleger ist es nicht der schlechteste Einstieg."

Und hier gibt's das Neueste: Mark Lehmstedts "Die geheime Geschichte der Digedags" für Siegfried Lokatis.
Und hier gibt's das Neueste: Mark Lehmstedts "Die geheime Geschichte der Digedags" für Siegfried Lokatis.
Foto: Ralf Julke
Bis in die 1990er Jahre widmete sich Lehmstedt seiner Profession, veröffentlichte Bücher wie "Das bewegte Buch: Buchwesen und soziale, nationale und kulturelle Bewegungen um 1900" oder der "Geschichte des deutschen Buchwesens" in der Digitalen Bibliothek. Bis er dann 2003 den ersten Schritt von Berlin nach Leipzig tat und hier den Lehmstedt Verlag gründete.

"Und eins musste ich lernen", sagt er heute." Es geht nur eins von beiden. Verleger sein und nebenbei zu forschen, das geht einfach nicht. Dazu fehlt schlicht die Zeit." Und so reifte dann lange und unter Schmerzen der Gedanke, sich von der auf fast 1.000 Bände angewachsenen buchwissenschaftlichen Bibliothek zu trennen.

"Die erste Überlegung: Wohin damit? - Die Antwort war eigentlich klar: Die Bibliothek gehört nach Leipzig", so Lehmstedt. Auch wenn er anfangs die großen Bibliotheken der Stadt im Auge hatte, war der Schritt dann logisch, den Bestand in die Obhut des Lehrstuhls für Buchwissenschaft zu geben. Vor allem, weil sich hier schon einige wichtige Buchbestände angesammelt haben, aus denen die angehenden Buchwissenschaftler und Buchwissenschaftlerinnen spannende Forschungsthemen schöpfen. Neben den nunmehr drei buchwissenschaftlichen Bibliotheken sind es die Verlagsarchive von Reclam Leipzig und des Buchverlags Der Morgen, außerdem ein Fundus des vor zwei Jahren aufgelösten Verlagsteils von Brockhaus in Leipzig.

Wertvolles Sammelgut: Adressverzeichnis des Deutschen Buchhandels von 1839.
Wertvolles Sammelgut: Adressverzeichnis des Deutschen Buchhandels von 1839.
Foto: Ralf Julke
"Und das erste Forschungsthema, das nun der Lehmstedt-Bibliothek entsprungen ist, haben wir auch schon", sagt Lokatis. "Es heißt: Taschenbücher in der frühen DDR. - Hätte ich auch nicht geglaubt", fügt er hinzu, "dass es da überhaupt etwas Nennenswertes gegeben haben soll. Aber ich wurde eines Besseren belehrt."

Mark Lehmstedt sortierte zum Eröffnungstag des neuen Bibliotheksraumes in der Hainstraße gleich wieder ein halbes Dutzend Bücher aus. Aber die brauchte er nur, um in seiner eigenen kleinen Einweihungsrede die Faszination der Buchwissenschaft ein wenig zu untermalen. Etwa mit dem im Sommer 1989 bei Rowohlt erschienenen "Schwierigkeiten mit der Wahrheit" von Walter Janka. "Eines der beiden Bücher, die eine wesentliche Rolle in der Friedlichen Revolution in der DDR gespielt haben", sagt Lehmstedt. "Das andere war Henrichs 'Der vormundschaftliche Staat'. Ebenfalls im Westen erschienen."

Er packt auch die dicke Verlagsgeschichte des Diogenes Verlages aus, die ihm - so sagt er - Mut gemacht habe, selbst einen Verlag zu gründen. Und dann zeigt der den Studierenden, die ihm lauschen, ein "Adressbuch des Deutschen Buchhandels" von 1839. "Steht auf den ersten Blick gar nicht viel drin", sagt er. "Aber wenn man genauer hinschaut, bekommt man richtig viele detaillierte Informationen zu den Verlagen, ihrem Profil, den Inhabern." Und zählt schnell noch auf, wie viele riesige weiße Flecken in der Forschung zur deutschen Buch- und Verlagsgeschichte bestehen.

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Und gewachsen ist seine Schenkung am Mittwoch auch gleich wieder: Er hatte das neueste Buch aus eigener Produktion mitgebracht - "Die geheime Geschichte der Digedags". "Daran hat er nun auch schon länger geforscht als wir beide uns kennen", mein Lokatis nur trocken. Aber damit liegt nun die erste umfangreiche Arbeit zur "Publikations- und Zensurgeschichte des 'Mosaik' von Hannes Hegen" vor. Auch ein Stück Literaturgeschichte, das nun sein geordnetes Plätzchen findet in "einer der größten deutschen Privatbibliotheken zum Thema Buchgeschichte" mit ihren zahlreichen Monographien zur Geschichte von Verlagen, Buchhandlungen und Buchdruckereien, den Bänden zur Bibliotheks- und Lesergeschichte, zur Geschichte der Buchillustration und der Zensur sowie Untersuchungen zu aktuellen buchökonomischen Fragen.

Beim Transport der fast 1.000 Bücher haben die Studentinnen des Instituts mit angepackt. "Hat mich selbst erstaunt, wie flott das vonstatten ging", sagt Lokatis. Und damit die Lehmstedt-Bibliothek gut eingerichtet werden konnte, gab der Leipziger Arbeitskreis zur Geschichte des Buchwesens eine finanzielle Unterstützung. "Für unsere Studierenden ist das eine Fundgrube", sagt Siegfried Lokatis. "An Forschungsthemen wird es uns nicht mangeln."


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