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Gaggaudebbchen 2011: Die Jury ist beinah verzweifelt

Ralf Julke
Karlheinz Kühn mit Gagaudebbchen.
Karlheinz Kühn mit Gagaudebbchen.
Foto: Ralf Julke
Die Lehrer sind schuld. Lehrerinnen zumeist. Wer denn sonst? Sie stiften die Schüler an, ein bisschen mehr zu tun, als im Lehrplan steht. Sie machen sie neugierig. Zum Beispiel auf ein so unzeitgemäßes Ding wie die sächsische Sprache und ihre begnadetste Dichterin Lene Voigt. Zeit für einen Wettkampf der besonderen Art, das 11. Gagaudebbchen.

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Den Wettbewerb hat die Lene-Voigt-Gesellschaft aus der Taufe gehoben, um auch dem Nachwuchs eine Bühne zu bieten. Die Gesellschaft selbst ist seit 1995 aktiv. Ihr erklärtes Ziel: Das Werk und das Leben der 1891 in Leipzig geborenen Lene Voigt bekannt zu machen. Das tut sie mit der engagierten Werkausgabe. Das tut sie mit dem großen Vortragswettbewerb um die Gaffeeganne, der alljährlich im Herbst ausgetragen wird. Ein Wettbewerb, der einst in einem idyllischen Garten begann und anfangs auch so Manchem Raum bot, sich an den Texten der Leipziger Nachtigall zu versuchen, der mit dem Sächsischen etwas fremdelte. Das waren nicht nur Zugezogene, muss betont sein.

Denn für die sächsische Mundart gilt - wie für so manche andere Mundart in deutschen Landen auch - was der Leipziger Sprachforscher Beat Siebenhaar dazu sagte: Sie ist eigentlich seit über 100 Jahren ausgestorben. Auch Lene Voigt unterhielt sich im Alltag wohl kaum mit irgendjemandem auf Sächsisch, schon gar nicht mit den Redakteuren und Dichterkollegen ihrer Zeit.

Mit einer Handvoll Zeitgenossen verschaffte sie der aussterbenden Mundart nicht nur ein neues, schriftliches Leben: Sie schuf auch eine Schreibweise für die Mundart, die es bis dahin gar nicht gab und die Vieles, was man als Eigenart des sächsischen Dialektes kennt, auch für Nicht-Sachsen erst lesbar und verstehbar macht. Selbst die besten Mundart-Dichter haben keine Chance auf ein Nachleben, wenn niemand lesen kann, was sie da aufschrieben.

Die Teilnehmer des Wettbewerbs mit ernstem Gagaudebbchen-Gewinner.
Die Teilnehmer des Wettbewerbs mit ernstem Gagaudebbchen-Gewinner.
Foto: Ralf Julke

Lene Voigt hat dieses Nachleben bekommen. Selbst in den Jahrzehnten, als sie in ihrer Heimatstadt nicht gedruckt werden durfte, war sie in großen Publikumsverlagen Westdeutschlands präsent. Die immer wieder aufgelegten "Säk'schen Balladen und Glassiger" tauchen auch heute noch bei fast jedem Wettbewerb um die "Gaffeeganne" auf, manchmal völlig zerknautscht und zerlesen - die Vortragskünstler haben damit sichtlich heftig gearbeitet.

Doch mit Lesevorlage in der Hand hat man dort schon seit einiger Zeit keine reellen Siegchancen mehr. Denn das Niveau der Veranstaltungen ist Jahr für Jahr gestiegen. Und fest steht: Mit dem Wettbewerb um das "Gagaudebbchen" bekommt der Wettbewerb der Erwachsenen zusätzlichen Druck. Nicht nur, weil die Schüler, die beim Gagaudebbchen überzeugt haben, auch zur Gaffeeganne eingeladen werden. Sondern weil einige von ihnen mittlerweile auch die Erwachsenen herausfordern.

Und schuld sind die Lehrerinnen.

Man kann es gar nicht oft genug wiederholen. Sibylle Dobroschke, die seit Jahren den Schülern der Lene-Voigt-Schule die Schönheiten der Texte von Lene Voigt nahe bringt und mit ihnen regelmäßig erfolgreich an den Wettbewerben ums Gagaudebbchen teilnimmt, wurde in der L-IZ schon vorgestellt. 2008 holte sie mit einem beherzten Vortrag selbst den Sieg beim Wettbewerb um die Gaffeganne. Denn natürlich ist ein guter Vortrag von Lene-Voigt-Texten immer eine Fleißarbeit. Einfach Auswendiglernen ist zu wenig. Dazu sind zu viele sprachliche Pointen in den Texten versteckt, dazu sind die Zeilen zu genau gebaut und ist die echte Leipziger Ironie zu fein gesponnen in diesen Balladen und Gedichten, die nur auf den ersten Blick harmlos wirken.

Beim zweiten Blick bekommen die Funktionäre Angst.

Beim dritten fällt das Publikum vor Lachen vom Stuhl. Einer der besten Lene-Voigt-Vortragskünstler ist selbst Mitglied der Lene-Voigt-Gesellschaft. Tom Pauls.

Alle 16 Teilnehmer des 11. Wettbewerbs um das Gagaudebbchen der Lene-Voigt-Gesellschaft.
Alle 16 Teilnehmer des 11. Wettbewerbs um das Gagaudebbchen der Lene-Voigt-Gesellschaft.
Foto: Ralf Julke
Die Latte liegt also hoch. Und über Jahre war die Mannschaft, mit der Sibylle Dobroschke zum Gagaudebbchen anreiste, praktisch unschlagbar. Bis sich Deutschlehrerinnen auch an anderen Schulen für das Thema und den Wettbewerb zu begeistern begannen. An der Artur-Becker-Mittelschule in Delitzsch baute Karin Nadler ein Angebt im Neigungskurs Deutsch auf. Ein Angebot gibt es mittlerweile auch am Gustav-Hertz-Gymnasium in Leipzig.

Entsprechend hoch war das Niveau des jüngsten Wettstreits um das Gagaudebbchen, der am Mittwoch, 18. Mai, in den Räumen des Kabaretts Sanftwut ausgetragen wurden. Mit dem größten Bewerberfeld seit Bestehen des Wettbewerbs: 16 Schülerinnen und Schüler hatten sich angemeldet aus Delitzsch und Leipzig. Und Uwe Rohland, selbst Gewinner der Gaffeeganne und Moderator des Nachmittags, schwante schon nichts Gutes, als die Vorträge begannen und die Schüler nicht nur ihre Texte beherrschten, sondern den Texten auch noch mit Spielfreude und Kostümspaß Leben einhauchten.

Da wurde Kamm und Spiegel mit auf die Bühne geschleppt, denn wie will man sonst die "Säk'sche Loreley" darstellen bis zum vermaledeiten Untergang des Kahnes? Und warum nicht den Goldfisch in seinem Glas mitnehmen, wenn der Bursche der Hauptheld der Geschichte ist? - Die Gedichte der Lene Voigt sind oft kurz. Wenn Deutschlehrerinnen ihren Schülern beibringen wollen, dass gerade die kürzesten Gedichte die schwierigsten sind - Lene Voigts Gedichte übers Apfelkuchenbacken, über den "Fäng", die "Schneegläggchen" oder "De Friehlingshoffnung" eignen sich bestens dazu. Alles gehört an diesem Nachmittag. Der Theaterraum war gefüllt bis zum letzten Platz. Die Mutigen auf der Bühne hatten sich Unterstützung aus Schule und Elternhaus mitgebracht.

Die drei besten Teilnehmer: Sahra Fechner, Ernst-Christian Taatz und Karlheinz Kühn (von links). Im Hintergrund: Mariama Diawara ("Unser Mätzchen") und Florian Kaspar ("Dr Zauwerlährling").
Die drei besten Teilnehmer: Sahra Fechner, Ernst-Christian Taatz und Karlheinz Kühn (von links). Im Hintergrund: Mariama Diawara ("Unser Mätzchen") und Florian Kaspar ("Dr Zauwerlährling").
Foto: Ralf Julke
Und wäre nach Amelie Schmidt und ihrer burschikosen Variante der "Loreley" Schluss gewesen, sie hätte vielleicht den Sieg eingeheimst. Aber sie war erst die Vierte. Nach ihr spazierte Karlheinz Kühn im Smoking auf die Bühne und servierte Lenes vorwurfsvolle Rede an ein "ganz infames Luder" („An Minnan“) mit soviel Überzeugung, dass Uwe Rohland sich geneigt fühlte, ihn nach diversen Mädchen zu fragen, die ihn vielleicht geärgert haben könnten. Hat er natürlich nicht zugegeben.

Und wer vielleicht noch gedacht hatte, Lene-Voigt-Gedichte seien was für Mädchen und nur für Mädchen - der sah sich an diesem Tag einer ganzen Reihe von Jungen gegenüber, die ihren Text beherrschten und Freude am ironischen Spiel hatten. Der nächste kam direkt aus dem Bett: Schlafrock, Schlafmütze, Wecker in der Hand. Das war Ernst-Christian Taatz aus der 5b der Artur-Becker-Schule. Und hätte Uwe Rohland nicht schnell den Kopf eingezogen - er hätte den Wecker tatsächlich an die Stirn geschmettert bekommen. Denn den Ärger, den die Dichterin mit dem "Wäcker" hatte, setzte der just aus dem Bett Gescheuchte auf der Bühne handfest in die Tat um.

War nur die Frage: Dürfen Mädchen das auch? Mädchen sind doch lieb und benehmen sich auch im Rampenlicht. - Taten sie auch. Manches sogar recht mutig, denn die "Säk'sche Loreley" nach der bekannten Loreley-Melodie am Piano gespielt und gesungen - das hat man hier noch nicht erlebt. Und hätte Alina Brückner nicht so viel Lampenfieber gehabt, die Jury hätte noch mehr Ärger bekommen. Denn dass das Alles nicht auf einen klaren Sieger oder eine selbstverständliche Siegerin hinauslief, das war spätestens klar, als Sahra Fechner aus der Lene-Voigt-Schule im eleganten Schwarzen und mit rosa Federboa auf die Bühne stieg und zeigte, wie die fesche Hanne sich einen Fischer angelt.

Entsprechend lang und ausgiebig war dann die Diskussion der Jury. Denn dass alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer sowieso eine hübsche Urkunde, Kakao und einen Büchergutschein bekamen (Nur wer liest, wird so klug wie Lene Voigt!), war ja schon klar. Aber was tun mit einer Situation, wenn am Ende drei Kandidaten übrig bleiben, die alle gleich beeindruckend waren? Es gab doch nur ein Gagaudebbchen und kann doch nur eines geben!

Entsprechend zerknirscht gab sich die Jury, als sie den Preis dann Karlheinz Kühn zusprach. Vielleicht ein klein wenig mehr beeindruckt durch seinen Mut, auch mal einer untreuen Schönen die Meinung zu geigen. Ernst-Christan Taats und Sahra Fechner bekamen noch einen Büchergutschein obendrauf - als Trost. "Ihr wart wirklich alle drei gleich gut", beteuerte Uwe Rohland. Waren sie auch. Wenn alles klappt, sieht man die drei beim Wettbewerb um die Gaffeeganne wieder. Und niemals bei DSDS oder beim Eurovision Song Contest, da wären sie - mit ihren Talenten - fehl am Platz.


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