Stimmung im Osten zweigeteilt: Rückbesinnung auf Privatleben und Familie angesichts wirtschaftlicher Turbulenzen
Matthias Weidemann
24.12.2011
Foto: Uni Hohenheim
Gedämpfter Optimismus in Ostdeutschland. Das ist im Großen und Ganzen das Ergebnis der Allianz-Zuversichtstudie für das vierte Quartal 2011. Demnach blicken die Menschen in den Neuen Bundesländern dem Jahreswechsel mit eher gemischten Gefühlen entgegen. Während sich die Zuversicht für das persönliche Leben im Aufwind befindet (plus sieben Prozentpunkte), ist der Optimismus der Ostdeutschen im vierten Quartal 2011 für die Entwicklung Deutschlands eher gedämpft.
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Nur jeder Fünfte (19 Prozent) sieht die Gesamtsituation der Bundesrepublik in den kommenden zwölf Monaten „mit Zuversicht“ oder „mit großer Zuversicht“. Gegenüber dem Vorjahreszeitraum ist die in den Neuen Bundesländern ohnehin skeptische Stimmung hinsichtlich der Zukunft Deutschlands somit um weitere sechs Prozentpunkte gesunken. Positiv freilich ist, dass der Anteil der Ostdeutschen „mit großer Sorge“ in dieser Frage um vier Prozentpunkte auf elf Prozent abgenommen hat. Damit sind die Neuen Bundesländer zwar deutschlandweit nach wie vor Schlusslicht, ziehen nun aber mit Norddeutschland gleich.
Das zeigen die aktuellen Ergebnisse der monatlich durchgeführten repräsentativen Befragungen zur Allianz Zuversichtsstudie, einem Gemeinschaftsprojekt der Allianz Deutschland AG in Zusammenarbeit mit der Universität Hohenheim. Mit Blick auf die einzelnen Gesellschaftsbereiche lässt sich feststellen, dass die allgemein eher skeptische Stimmungslage besonders auf der mangelnden Zuversicht für die bundesdeutsche Konjunktur gründet. Im Vergleich zum vierten Quartal 2010 ist das Zutrauen in die deutsche Wirtschaftskraft um fünf Prozentpunkte gesunken.
Trotz des Aufwärtstrends in den anderen Kategorien kann die Abwärtsbewegung insgesamt nicht ausgeglichen werden. Den deutlichsten Sprung nach oben macht die Zuversicht für den Umwelt- und Klimaschutz: 30 Prozent der Befragten zwischen Ostsee und Erzgebirge sind optimistisch für die Durchsetzung ökologischer Interessen. Gegenüber dem Vorjahreszeitraum spiegelt sich dies in einem Anstieg um neun Prozentpunkte wider.
Foto: Prof. Frank Brettschneider von der Universität Hohenheim.
Foto: Uni Hohenheim
Hoffnungsträger Arbeitsmarkt
Ein weiterer Hoffnungsschimmer für die Zuversicht in Ostdeutschland ist der Arbeitsmarkt: 22 Prozent der Befragten glauben an die Sicherheit der Arbeitsplätze in Deutschland. Dieser Wert hat sich seit dem vierten Quartal 2010 spürbar stabilisiert (plus drei Prozentpunkte). Auch die gesetzliche Pflege- und Krankenversicherung (15 Prozent; plus sieben Prozentpunkte) sowie die Rentenversicherung (14 Prozent; plus sechs Prozentpunkte) wird auf niedrigem Niveau zunehmend positiv eingeschätzt. „Die Verschlechterung des Geschäftsklimas, eine hohe Armutsquote, die diskutierte Absenkung des Solidaritätszuschlags und die über allem schwebende Euro-Krise drücken den Ostdeutschen sichtlich aufs Gemüt und bestimmen die Wahrnehmung der politischen und wirtschaftlichen Großwetterlage. Diese Probleme schüren die Sorge, dass Deutschlands Perspektiven trübe sind“, erklärt Prof. Frank Brettschneider von der Universität Hohenheim, der die Zuversichtsstudie wissenschaftlich begleitet.
„Dennoch schauen die Menschen in den Neuen Bundesländern über den Tellerrand hinaus und honorieren durchaus die gesamtgesellschaftlichen Anstrengungen in den Feldern Ökologie, Bildung und staatliche Versorgungssysteme, die dann auch allesamt optimistischer eingeschätzt werden als vor einem Jahr.“ Im Gegensatz zur eher skeptischen Stimmung hinsichtlich der bundesdeutschen Entwicklung hellt sich die Zuversicht in den neuen Ländern mit Blick auf das eigene Leben auf: Dieser Zuversichtswert hat sich um sieben Prozentpunkte auf 56 Prozent gegenüber dem vierten Quartal 2010 verbessert. Damit bleibt Ostdeutschland auch in dieser Kategorie im bundesweiten Vergleich der Regionen Schlusslicht, verringert im vierten Quartal 2011 aber den Abstand zum Bundesdurchschnitt auf sieben Prozentpunkte.
Außerdem ist der Zuwachs für das persönliche Leben nur in Bayern so groß wie im Osten der Republik. Die Stimmungswerte für alle persönlichen Lebensbereiche sind in Ostdeutschland entweder auf Wachstumskurs oder sind zumindest auf gleichem Niveau geblieben. In drei Kategorien hat die Zuversicht gegenüber dem Vorjahreszeitraum zugelegt: bei der eigenen finanziellen Lage (plus zehn Prozentpunkte), der finanziellen Versorgung im Alter (plus neun Prozentpunkte) und den eigenen vier Wänden (plus acht Prozentpunkte). Die Werte für das familiäre Umfeld und den eigenen Job (jeweils plus drei Prozentpunkte) sowie die persönliche Vorsorge bei Krankheit und Pflege (plus einen Prozentpunkt) haben sich stabilisiert.
„In Ostdeutschland erleben wir derzeit angesichts der wirtschaftlichen Turbulenzen eine Rückbesinnung auf das Privatleben. Dieses Phänomen zeigt sich an der wachsenden Zuversicht in allen Bereichen des persönlichen Lebens“, sagt Frank Brettschneider. „In den Neuen Bundesländern ist das Vertrauen auf den Zusammenhalt von Familie und Nachbarschaft nach wie vor stark. Die Menschen schöpfen hauptsächlich daraus ihren Optimismus für die kommenden zwölf Monate.“
Basis der Allianz Zuversichtsstudie, einer gemeinschaftlich durchgeführten Untersuchung der Allianz Deutschland AG und der Universität Hohenheim, sind repräsentative monatliche Befragungen mit jeweils mindestens 500 - 1.000 Interviewpartnern. Im vierten Quartal 2011 wurden insgesamt 1.504 Interviews durchgeführt. Seit dem Start der Studie im Herbst 2007 wurden mehr als 30.000 Bundesbürger befragt. Ziel der Allianz Zuversichtsstudie ist es, die Stimmungslage in Deutschland zu erheben.
Dazu wird regelmäßig die Zuversicht der Menschen für die jeweils kommenden zwölf Monate in sechs persönlichen und sechs gesellschaftlich übergreifenden Lebensbereichen erfasst. Die aktuellen Ergebnisse der Allianz Zuversichtsstudie sowie Trends, die sich daraus ablesen lassen, werden der Öffentlichkeit in der Regel vierteljährlich vorgestellt. Die Ergebnisse des ersten Quartals 2012 erscheinen im März 2012.
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