Das Drehbuch steht, die Gelder fehlen: Ein Animationsfilm über das stressige Leben J. S. Bachs braucht Geburtshelfer
Ralf Julke
12.01.2012
Animationsfilm "Totenmesse".
Quelle: Eventfilm, Zeichnung: André Martini
Normalerweise wird die Presse zu Filmvorführungen eingeladen, wenn der Film fertig ist und in die Kinos kommen soll. Doch am Mittwoch, 11. Januar, war's mal ein bisschen anders. Die Leipziger Journalisten waren zur Preview in die Pädagogische Werkstatt des Bachmuseums eingeladen worden. Zu 6 Minuten Zukunftsmusik: Ein Trickfilm über J. S. Bach und seine Thomaner liegt in den Windeln.
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Oder sogar zwei. Denn sowohl für einen echten Kinofilm mit 70 Minuten Länge hat der Leipziger Illustrator, Grafiker, Comic- und Trickfilmzeichner André Martini ein Storyboard geschrieben, sondern auch für einen 15minütigen Kurzfilm. Der eine in zwei Jahren realisierbar, der andere vielleicht in einem halben - wenn sich ein Geldgeber findet. Denn ohne Geld kann man keine Trickfilme machen.
Ein bisschen Geld gab's schon. Die Kulturstiftung Sachsen unterstützte Martini mit einem Stipendium, das ihm vor allem Recherchen zum Stoff ermöglichte. Denn mit der Idee trägt er sich schon seit drei Jahren. Damals unterhielt er sich mit einem Freund einmal ein bisschen intensiver über Johann Sebastian Bach, der heute zwar auf dem Thomaskirchhof fast majestätisch überhöht als Denkmal steht. Aber tatsächlich weiß auch die Forschung bis heute wenig über das konkrete Alltagsleben des Thomaskantors. Es war über Jahrzehnte kein Forschungsschwerpunkt.
"Man geht einfach davon aus, dass die Leute wissen, was man sich unter Leipzig in der Barockzeit vorzustellen hat", meint Kerstin Wiese, Leiterin des Bachmuseums. Mit der neu gestalteten Ausstellung werden diese gängigen Vorstellungen schon in Teilen hinterfragt. Aber trotzdem erlebte auch Martini bei seinen Recherchen im Bacharchiv und bei seinen Gesprächen mit den Bachexperten, dass es über die Details durchaus unterschiedliche Ansichten gibt und Manches die Forscher auch gar nicht interessierte.
Wer fragt schon nach den Beleuchtungsverhältnissen in der Kantorswohnung, wenn er ein wissenschaftliches Werk über Kantaten schreibt? Wen interessiert schon, wie die Räume beschaffen waren, in denen die Thomaner lebten, wo die defekte Toilette in der alten Thomasschule war oder wie beengt der Kantor mit seiner Frau und den damals sechs Kindern im Jahr 1727 lebte? Für die Musikwissenschaft scheint das unerheblich. Wer aber acht Tage im Leben Bachs im Jahr 1727 filmisch umsetzen will, der muss fragen. Sonst wird es wieder ein Fantasy-Film. Und wenn Martini etwas reizte an seiner Idee, dann war es der Versuch, dem Lebensalltag des großen Komponisten möglichst nah zu kommen. Das geht in die Details.
Zum Beispiel jene Szene, die Martini aus dem Drehbuch für den Spielfilm herausgelöst hat, um einen stimmungsvollen Kurzfilm draus zu machen. Arbeitstitel: "Totenmesse". - "Mittwochmorgen 1727 – Johann Sebastian Bach, 7 Thomaner und ein Toter. Ein Trauerzug bewegt sich singend zum Friedhof, doch ein heftiges Unwetter zieht über den Totenacker und bringt den Ablauf abrupt ins Stocken. Das Abwarten in der düsteren Kulisse verleitet die Jungs zu allerlei Grübeleien und Witzen, aus denen sich nach und nach ein ziemlich grotesker Diskurs über das Sterben entwickelt. Eine theologische Debatte, ein heftiger Streit zwischen zwei Chorknaben und die makabere Zweckentfremdung eines ausgebuddelten Totenschädels drohen sich zu einer handfesten Schlägerei zu steigern… "
Szene aus dem geplanten Kurzfilm "Totenmesse".
Quelle: Eventfilm, Zeichnung: André Martini
Der reale Hintergrund: Die Thomaner waren - im Gegenzug für ihre Aufnahme ins Alumnat - dazu verpflichtet, zu Gottesdiensten und Beerdigungen zu singen. "Beerdigungen waren immer mittwochs", erzählt Martini. "Und für mich war die Frage durchaus reizvoll: Was geht in den Jungen vor, die da jeden Mittwoch auf den Friedhof müssen und für die die Begegnung mit dem Tod immer gegenwärtig ist?"
Und: Wie löst man das im Film? - Wie könnte es gewesen sein? Haben die Thomaner damals, wenn es stockte, auch herumgealbert? Musste der Kantor einschreiten? Ja, zu welchen Mitteln griff er eigentlich, wenn er die Buben disziplinieren wollte? Was dann logischerweise die Frage eröffnet nach dem Charakter des Thomaskantors, den mancher Zeitgenosse als streng und jähzornig schilderte.
"Er muss Humor gehabt haben", sagt Martini. Und er war wohl Zeit seines Dienstes in Leipzig im Stress. "Da habe ich so manche Parallele gefunden zu meinem Leben als Freelancer heute", sagt Martini. "Bachs Tagesablauf war so vollgepackt, dass ich mich am Ende fragte: Wann hat der Mann eigentlich komponiert? - Da blieb eigentlich nur noch die Nacht."
Aber auch dem Komponisten ist Martini bei seiner Suche nach all den Details eines Lebens im Leipzig des Jahres 1727 näher gekommen. "Er hatte die Grundlagen seines Komponierens so verinnerlicht, dass er nur noch zu spielen brauchte", sagt Martini. Das kann stimmen. Auch da hat Martini seine eigenen Arbeitserfahrungen, der in Halle an der Burg Giebichenstein für Kunst und Design im Bereich Malerei, Grafik, Comic und Trickfilm studiert hat und Kinderbücher genauso gern illustriert, wie er Animationen und Illustrationen für schulische Lehrmedien gestaltet. Auch die Animationstrailer für den Kurzfilmwettbewerb "Kurzsüchtig Leipzig" in den Jahren 2007 bis 2010 hat er erstellt. Am Fleiß mangelt's ihm nicht.
Produzentin Katja Uhlig und Zeichner André Martini.
Foto: Ralf Julke
2010 hat er sich Partner mit ins Boot geholt, die ihm bei der Umsetzung seiner Bach-Film-Idee helfen. Das ist einmal Katja Uhlig, Filmproduzentin bei Eventfilm, die ihn begleitet bei der Suche nach der finanziellen und materiellen Ausstattung für die Filmproduktion. "Wichtig ist mir", sagt Martini, "dass der Film in Leipzig produziert wird." Mittlerweile gäbe es ein ganzes Netzwerk von Leuten, die sich in der Stadt mit Animation beschäftigten - nur zu den wirklich einträglichen Projekten müssen sie die Stadt verlassen. Denn obwohl die Stadt sich nun seit ein paar Jahren ihrer Kreativszene rühmt, hat sie es nicht einmal in Ansätzen geschafft, tragende und materiell unterfütterte Strukturen zu schaffen. Das Mindeste, wenn man im Rathaus wirklich gewillt sein sollte, dieser "Branche" in der Stadt einen Halt zu geben.
Um einmal die Dimension der Leipziger Aussitzerei zu beschreiben: Der Ressourcen-Manager Jörg Asshoff hat im Jahr 2005 in der L-IZ von der notwendigen Schaffung solcher Strukturen gesprochen. So mühsam, wie dieser Teil der Wirtschaftsförderung überhaupt in Augenschein genommen wurde, kann es noch Jahrzehnte dauern, bis tatsächlich eine echte Fördereinrichtung für Leipzigs Kreativszene entsteht.
Der Bach-Film, mit dem Martini sich trägt, wirft nur ein Schlaglicht auf die Probleme, die keine fachlichen sind - mit Dutzenden Leuten sind Martini und Uhlig in Kontakt, die sofort einsteigen würden, wenn die Filmproduktion finanziell gesichert ist. Der kleine Clip, den die Journalisten sehen durften, lässt ahnen, dass sowohl Kurzfilm als auch Spielfilm eine lebendige und vor allem junge Werbung für die Bach-Stadt Leipzig wären. Selbst aus Fernost soll es schon Medieninteresse an dem Projekt geben. Denn dass hinter der genialen Musik des Thomaskantors auch ein irdisches und unverwechselbares Schicksal stecken muss, das hört man aus jedem seiner Werke heraus. Das will man auch gern mal sehen.
Deswegen ist seit einem Jahr auch das Bacharchiv Partner im Projekt. Erstmals sichtbar wird das für die Besucher des Bachmuseums am 20. September 2012. Dann eröffnet im Bachmuseum eine Sonderausstellung, die den Trailer des Filmprojekts präsentiert und Zeichnungen aus Martinis Werkstatt. "Vielleicht auch ein paar Wimmelbilder", scherzt Kerstin Wiese. Was Martini nicht ganz fremd ist. Seine Vorstellung Leipzigs im Jahr 1727 zur Ostermesse ist ein Wimmelbild. Denn dann vervielfachte sich für die Zeit der Messe die Einwohnerzahl der 20.000-Bewohner-Stadt - dann kamen die Händler aus aller Herren Länder, dann kamen auch Artisten und Zirkusleute. Ein Kamel soll in seinem Film unbedingt auftauchen, meint Martini. Denn: "Natürlich hatte Bach Humor."
Und ein wenig wie ein guter Terry-Gilliam-Film soll der Bach-Film schon werden. Mit Musikeinspielungen, die auch die bunte Rezeptionsgeschichte der letzten 250 Jahre hörbar machen. - Eine erste Preview zur Sonderausstellung soll es auch schon zum Bachfest im Juni im Hauptbahnhof geben.
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