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Erinnerung an die Deportierten und Nazi-Opfer: Leipziger Friedenszentrum e.V. enthüllt Mahnmal auf dem Leipziger Hauptbahnhof

Daniel Thalheim
Leipziger gedachten am 27. Januar der Opfer des Nationalsozialismus am Museumsbahnsteig des Leipziger Hauptbahnhofs.
Leipziger gedachten am 27. Januar der Opfer des Nationalsozialismus am Museumsbahnsteig des Leipziger Hauptbahnhofs.
Foto: Daniel Thalheim
Freitagnachmittag. Shopping in der Innenstadt. Wer am 27. Januar durch Leipzigs City lief, hatte nicht den Eindruck, dass an diesem Tag an die Nazi-Opfer und an den Holocaust gedacht wurde. Auf dem Leipziger Hauptbahnhof wunderten sich die Reisenden über einen Trupp Menschen, die am Museumsbahnsteig Reden hielten, musizierten, Texte sprachen und froren. Es war eine Andacht an die letzten deportierten Juden 1945 aus Leipzig und eine Enthüllung einer Gedenkinstallation.

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Torsten Schleip ist der Vorsitzende des Leipziger Friedenszentrums e.V.. Der Verein lud am späten Nachmittag des 27. Januar die Bürger ein. Grund war die Enthüllung eines Mahnmals auf dem Museumsbahnsteig des Leipziger Hauptbahnhofs. Es soll an die Deportierten erinnern, die im Februar 1945 von einem Rangierbahnsteig außerhalb der Osthalle des Hauptbahnhofs ins KZ Theresienstadt abtransportiert wurden. Bei laufendem Bahnbetrieb und aus den Zügen schauenden Reisenden hielten Schleip und Rolf Isaacsohn ihre Reden, Danksagungen, schilderten ihre Eindrücke. Schleip dankte den Anwesenden und vor allem den Spendern, die zur Verwirklichung des Denkmals beigetragen haben. Aber auch der Deutschen Bahn, die es möglich machte, dass der Erinnerungsort stehen bleiben kann.

"Gemeinsam mit vielen anderen haben wir im letzten Jahr an der Aufstellung der Installation gearbeitet. Wir haben nicht von ungefähr den 27. Januar als Gedenktag gewählt. 1945 wurde an diesem Tag das Konzentrationslager Auschwitz von der Roten Armee befreit. Für viele ging damals ein unvorstellbares Grauen zu Ende. Für andere dauerte es in Europa dreieinhalb Monate länger", sagte Torsten Schleip zur Eröffnung der Veranstaltung mit lauter Stimme, um gegen den Lärm der ein- und abfahrenden Züge anzureden.

Zeitzeuge Rolf Isaacsohn erinnert sich an seine Deportation nach Theresienstadt im Februar 1945.
Zeitzeuge Rolf Isaacsohn erinnert sich an seine Deportation nach Theresienstadt im Februar 1945.
Foto: Daniel Thalheim

Zur Geschichte des Denkmals schilderte Schleip, dass die Idee zu einer Gedenktafel für die Leipziger Deportierten schon seit einigen Jahren vorhanden war. Hans-Joachim Wienhold, Mitglied des Vereins "Friedenszentrum Leipzig", ist nach Ausführungen des Vereinsvorsitzenden Schleip kein ganz Unbeteiligter bei der Umsetzung der Idee in die Realität gewesen. Ebenso Richard Gauch und viele weitere.

Schleip führte weiter aus, dass 2010 bereits eine Gedenkaktion am Hauptbahnhof zum Thema Deportierte stattfand. Damals übergab man der Deutschen Bahn einen offenen Brief für die Realisierung eines Denkmals auf dem Leipziger Hauptbahnhof. Während die Gespräche stattfanden, sind laut Schleip die Ideen zum Aussehen des Denkmals ausgereift. Zuerst war an eine Gedenktafel gedacht, dann war man beim Symbol des Koffers.

"Ein Koffer, beladen mit den wenigen Habseligkeiten wie einer Fotografie, einigen Reichsmark, wenigen persönliche Sachen, die beim Einzug ins Lager abgegeben werden mussten", so Schleip weiter. "Deswegen sollte statt der Tafel im Gleisbett des Museumsbahnsteigs ein solcher Koffer stehen. Das war aus sicherheitstechnischen Gründen nicht möglich."

Stadtrats- und Bundestagspolitiker sowie zahlreiche Leipziger verfolgten die Enthüllung der Gedenkinstallation.
Stadtrats- und Bundestagspolitiker sowie zahlreiche Leipziger verfolgten die Enthüllung der Gedenkinstallation.
Foto: Daniel Thalheim

So entstand ein großer kofferähnlicher Quader, der aus zwei Teilen besteht und mit einem Relief sowie einer Inschrift versehen ist. Darauf steht: "Am 14. Februar 1945 wurden 169 Kinder, Frauen und Männer in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. Wenige Wochen vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges war es der letzte Transport jüdischer Opfer aus Leipzig."

Bei diesem letzten Transport war auch Rolf Isaacsohn dabei, der als Zwölfjähriger mit seinem Vater vom Listplatz mit den anderen Deportierten in Richtung Hauptbahnhof in Viererreihen marschieren musste. Ruhig und sachlich erzählte er als Zeitzeuge die damalige Situation und seine Ankunft in Theresienstadt. Seine Ängste und Eindrücke schilderte Isaacsohn ebenso wie die Zeit, in der er sein Trauma in sich einschloss.

Die Eindrücke wurden umso mehr verdeutlicht, als vier Schauspieler des Theaters der Jungen Welt die Interviewprotokolle wiedergaben, die ins Theaterstück "Kinder des Holocaust" eingegangen sind. Zahlreiche Anwesende wussten nach dem Ausklingen der Performance nicht, ob sie applaudieren oder schweigen sollten. So bedrückend und nachdenklich die Ausführungen, die von den Darstellern vorgetragen wurden. Trotz des Andenkens war die Enthüllung der Installation auch ein Moment, auf gesellschaftliche Probleme hinzuweien.

Torsten Schleip führte aus, dass die Deutsche Bahn ein bisschen reserviert gegenüber dem nun realisierten Projekt reagierte. "Ich denke, dass es vielen Bereichen in unserer Gesellschaft ähnlich geht, dass man sich schwertut die Geschichte Deutschlands aufzuarbeiten."

Enthüllt: Installation zum Andenken an die letzten Leipziger Deportierten 1945.
Enthüllt: Installation zum Andenken an die letzten Leipziger Deportierten 1945.
Foto: Daniel Thalheim

Umso erfreulicher für den Verein Friedenszentrum war es, dass die Deutsche Bahn ihre Bedenken wegschob. Dank des öffentlichen und politischen Drucks, so Schleip, und vielleicht ein wenig Einsehen. Träger der damaligen Idee für ein Denkmal, so Torsten Schleip, waren der Bund der Antifaschisten, die Israelitische Religionsgemeinde in Leipzig, die Ephraim-Carlebach-Stiftung, das Arjowitsch-Haus und viele weitere Initiativen und Bürger, die sich zum Teil auf dem Bahnsteig 24 versammelten.

Darunter die Bundestagsabgeordneten Daniela Kolbe (SPD), Monika Lazar (Bündnis 90/Die Grünen), Dr. Barbara Höll (Die Linke) und der als Musiker mit Band angetretene Dr. Thomas Feist (CDU). Verschiedene Stadträte von der Linksfraktion und Fraktion Bündnis 90/Die Grünen waren ebenfalls anwesend. Genauso Kulturdezernent Michael Faber.

Ihm und der Stadt Leipzig dankte Schleip (noch) nicht. Der Grund: Die Stadt Leipzig und insbesondere das Kulturamt lehnten eine Finanzierung des Denkmals ab, um stattdessen einen Stolperstein vorzuziehen. "Ich möchte auch eine Undanksagung loswerden - nämlich gegenüber der Stadt Leipzig und ihrem Verhalten in diesem Fall", so Schleip in Richtung des Leipziger Kulturdezernenten Michael Faber, der während der gesamten Veranstaltung blieb.

Schleip weiter: "Wir haben sehr frühzeitig Kontakt mit dem Kulturamt aufgenommen. Vom Kulturamt der Stadt Leipzig bekamen wir die Nachricht, dass sich die Stadt Leipzig außerstande sieht, dieses Denkmal zu unterstützen. Wir sollten vielleicht überlegen, ob wir nicht vielleicht einen Stolperstein anstatt des Denkmals setzen." Für Schleip ein O-Ton des Kulturamtes und nicht des Kulturdezernats. "Trotzdem hat sich viel bewegt", so der Vereinsvorsitzende des Friedenszentrums. Zumal auch rechtliche und versicherungstechnische Fragen zunächst gelöst wurden.

Mit der Deutschen Bahn wurde ein Gestattungsvertrag abgeschlossen, um die Installation dauerhaft zu errichten. Das Ganze muss versichert sein, so Schleip. Das sei teuer und konnte erst einmal durch den Verein "Friedensweg e.V." bewerkstelligt werden. Es gab aber auch Bedenkenträger, die Installation müsse eigentlich auf den Engelsdorfer Bahnhof errichtet werden. Von dort aus fanden die meisten Deportationen statt. Schleip: "Am Leipziger Hauptbahnhof schlägt das Herz Leipzigs. Hier kann man gedenken. Es gab Transporte von diesem Ort aus, auch wenn es nicht die Masse war."

Der Vorsitzende des Friedenszentrums Leipzig e.V. stellt eine weitere öffentliche Diskussion in Aussicht und freut sich auf Verbesserungsvorschläge. "Wir wollen das Denkmal in den Herzen der Menschen verankern. Wir sind auf einem guten Weg." In diesem Zusammenhang bittet Schleip die Stadt Leipzig um einen städtisch koordinierten Leitfaden oder eine Übersicht der Gedenkorte der Nazi-Opfer. In Leipzig sind sie weit gestreut. "Es ist an der Zeit, in Leipzig eine Topografie des Terrors zu erstellen."


Friedenszentrum Leipig Online:

www.friedenszentrum-leipzig.de


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