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Christopher Street Day 2013 in Leipzig

Bundeswehrreform: Aus dem Leipziger Kreiswehrersatzamt wird ein Karriereberatungsbüro

Gernot Borriss
General von Heimendahl
General von Heimendahl
Foto: Wehrbereichsverwaltung Ost/Jörg Jankowsky
Nach circa 144.000 Musterungen junger Männer und 49.000 Einberufungen zum Wehrdienst seit 1990 ist nun Schluss. Das Kreiswehrersatzamt Leipzig ist seit dem Mittwoch eine Behörde außer Dienst. Die „Abwicklungsaufgaben“ werden noch bis zur Jahresmitte 2013 laufen. Dann gibt es beim Bund als Freiwilligenarmee nur noch Karrierecenter und Karriereberatungsbüros.

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Sachsens Militärgeschichte ist ja eine besonders verschlungene. Das kann man auch im Offizierheim der örtlichen General-Olbricht-Kaserne sehen.

Der Bau war einmal das Kasino des königlich-sächsischen Infanterieregiments Nr. 107. In dessen großem, dem heutigen „Leipziger Saal“ hängen drei Ölgemälde. Doch mit sächsischen Heldentaten im eigentlichen Sinne haben die Soldatenbilder nichts zu tun.

Auf dem linken der Bilder rückt preußische Landwehr irgendwann und irgendwo in den antinapoleonischen Befreiungskriegen vor. Zu rechten sehen wir einen jungen Mann in schwarzer Uniform aus derselben Zeit vor rastenden und lauschenden Kameraden Verse zitieren: Das sieht doch ganz nach dem Dichter und Lützower Jäger Theodor Körner (1791 – 1813) aus.

Und in der Mitte überstrahlt ein im Kampf verwundeter Held hoch zu Ross die Szenerie: Das kann eigentlich nur Gerhard von Scharnhorst (1755 – 1813) sein. Der zog sich am 2. Mai 1813 im nahen Großgörschen bei Lützen im Kampf jene Verletzung zu, dessen Folgen er nur wenige Wochen später erlag.

Die Erinnerung an die Befreiungskriege scheint irgendwie unvergänglich. Gerade in und um Leipzig, wo in diesen Tagen wieder hunderte Männer in historische Uniformen schlüpfen werden, um das Gemetzel der Völkerschlacht von vor 199 Jahren freudig nachzuspielen.

General-Olbricht-Kaserne
General-Olbricht-Kaserne
Foto: Gernot Borriss

Nun wird Geschichte auch immer zu zeitgenössischen Zwecken erzählt. Da machte sich nach dem total verlorenen NS-Vernichtungskrieg beim Aufbau der beiden deutschen Nachkriegsarmeen die bewusste Erinnerung an die Befreiungskriege ganz gut. Vor allem auch deshalb, weil der Sieg über Napoleon nur durch die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht in Preußen möglich wurde. Und bereits damals wurde dieser Dienst ganz staatsbürgerlich und irgendwie auch revolutionärdemokratisch ideell überhöht.

Insofern galt Gerhard von Scharnhorst, einer der Organisatoren der besagten preußischen Heeresreformen und in den Befreiungskriegen erfolgreicher Schlachtenplaner, hüben wie drüben als historisch unbelasteter Vater der allgemeinen Wehrpflicht. Die Bundeswehr wartete mit ihrer offiziellen Gründung exakt bis zum 12. November 1955, dem 200. Geburtstag von Scharnhorst. In der DDR trug der höchste militärische Orden den Namen des preußischen Generals mit hannoverschen Wurzeln.

Mit der Wehrpflicht geht die klassische Wehrverwaltung

Die Wehrpflicht, bis vor kurzem noch mit nachgerade hymnischen Überbau gepriesen, ist seit dem 1. Juli 2011 Geschichte – „ausgesetzt“, wie es juristisch exakt heißt. Damit braucht es die hergebrachte Wehrverwaltung nicht mehr, die alle Wehrpflichtigen erfasst, auf ihre Diensttauglichkeit hin mustert und dann zum Wehrdienst einberuft.

Zum 30. November 2012 werden nun die 52 noch bestehenden Kreiswehrersatzämter außer Dienst gestellt. Für die Leipziger Behörde an der Wodanstraße ist seit dem 10. Oktober 2012 offiziell Schluss.

Regierungsdirektorin Birgitt König
Regierungsdirektorin Birgitt König
Foto: Wehrbereichsverwaltung Ost/Jörg Jankowsky

In der Rückschau kommt auch offenherzige Selbstreflektion über den verfassungsmäßigen Auftrag der Wehrverwaltung auf. „Die Durchsetzung dieses Auftrages gehörte zu den sensibelsten Aufgaben, die einem deutschen Beamten oder Angestellten im öffentlichen Dienst übertragen werden konnten“, sagte mit Gerd-Albrecht Engelmann immerhin der amtierende Präsident der Wehrbereichsverwaltung Ost bei der Leipziger Abschiedsveranstaltung. Das war in der Tat etwas anderes als Steuerbescheide zu verschicken oder auf die Einhaltung der Straßenverkehrsordnung zu achten. Generationen von Staatsbürgern ohne Uniform wüssten davon etwas zu erzählen.

Weil die Wehrpflicht allgemein war, erreichte sie jeden jungen männlichen Staatsbürger. Nun gab es das Kreiswehrersatzamt Leipzig (KWEA) erst seit dem Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober 1990. Doch in den vergangenen 22 Jahren wurden in der Region insgesamt rund 144.000 Musterungen durchgeführt und rund 49.000 Wehrpflichtige zur Bundeswehr einberufen.

Ganz schön viel. Vor allem: ganz schön viel Unterschied zwischen Musterungen und Einberufungen. Was Kritiker des Festhaltens an der Wehrpflicht immer hervorhoben, hat man so schwarz auf weiß: Einberufen wurde nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes längst nicht mehr jeder. Aus so viel offenkundiger Wehrungerechtigkeit zog der Gesetzgeber nach reiflichem Hinauszögern dann doch noch die zwangsläufige Konsequenz, in den Räumlichkeiten der bisherigen Wehrverwaltung geht es seit dem viel freundlicher zu. Die Behörde mauserte sich zur Leistungsverwaltung, wie Regierungsdirektorin Birgitt König am Mittwoch betonte. „Alle Besucher heute sind sehr bestrebt, einen guten Eindruck zu hinterlassen“, berichtete die kommissarische Leiterin des nun geschlossenen Kreiswehrersatzamtes über das veränderte Kundenverhalten. Denn schließlich kämen jetzt ausschließlich Bewerber auf das Amt, die hinterher als Freiwillige Dienst beim Bund tun wollen.

Leipzigs Standortältester Brigadegeneral Klaus von Heimendahl bemühte in der Feierstunde den antiken Großphilosophen Platon und dessen grundlegende Erkenntnis, wonach alles fließe und nichts stehen bleibe. „Für uns als Truppe steht fest, dass es ohne Nachwuchs nicht geht, auch nicht ohne Reserven“, benannte der stellvertretende Kommandeur der 13. Panzergrenadierdivision auch eine Konstante.

Bei der Nachwuchsgewinnung unter den neuen Bedingungen hätten die Mitarbeiter des Leipziger Amtes bestens gearbeitet, so der General. Die 13. Division stünde bei der Nachwuchsgewinnung „hervorragend“ da, erklärte von Heimendahl. Was bundesweit wohl nicht der Regelfall ist.

Leipzig erhält Karriereberatungsbüro

Für die derzeit noch knapp 50 Beschäftigten des Kreiswehrersatzamtes Leipzig bieten sich am Ort neue Beschäftigungschancen. Das Kompetenzzentrums Travel Management der Bundeswehr wird hier in Leipzig errichtet. Zudem wird sich in der Messestadt ab dem 1. Dezember 2012 eines der fünf sächsischen von bundesweit 110 Karriereberatungsbüros der Streitkräfte befinden. Auch wird das Karrierecenter der Bundeswehr für den hiesigen Freistaat Sachsen mit Sitz in Dresden fürs Erste eine Außenstelle in Leipzig unterhalten.

Zu der Stunde des Abschied und des Neuanfangs waren auch Vertreter des öffentlichen Lebens erschienen. Von städtischer Seite etwa Karl-Heinz Schneider, Leiter der Branddirektion. „Schön, dass man den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auf diese Art und Weise dankt und nicht sang- und klanglos die Dienststelle schließt“, lobte der gleichfalls anwesende örtliche Polizeipräsident Horst Wawrzynski die Veranstaltung.



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