Prof. Dr. Dietger Niederwieser im Interview: Leukämie ist mittlerweile gut heilbar
Frank Schütze
30.01.2010

Prof. Dr. Dietger Niederwieser.
Professor Doktor Dietger Niederwieser, Leiter der Abteilung Hämatologie und Onkologie an der Universitätsklinik Leipzig, über Behandlungsmethoden, Heilungschancen und zukünftige Therapien bei Leukämie.
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Herr Niederwieser, rund 8.000 Menschen erkranken in Deutschland jährlich an Leukämie. Dass heißt, ein Mensch von 10.000 muss sich gezwungenermaßen mit Blutkrebs auseinandersetzen. Damit verbunden ist auch eine völlige Umstellung der Lebensgewohnheiten. Also auch die Familie leidet mit. Wie hoch sind die Heilungschancen?
Im Vergleich zu anderen Krebserkrankungen und auch in der Mehrzahl der Fälle ist Leukämie mittlerweile auch im Alter heilbar geworden. Die Forschung hat in diesem Punkt in den letzten Jahren gewaltige Fortschritte gemacht und ermöglicht nicht nur eine gute Früherkennungsrate, sondern auch hervorragende risikoarme Therapiemöglichkeiten. Dennoch muss man dazu sagen, dass verschiedene Formen der akuten Leukämie innerhalb von wenigen Wochen zum Tode führen können.
Woran merke ich, dass ich von der Krankheit betroffen bin?
Es gibt drei große Symptome, die gleichzeitig aber auch einzeln auftreten können und vom Patienten in der Regel deutlich wahrgenommen werden. Sehr oft stellt sich ein Leistungsknick ein. Der Erkrankte hat beispielsweise Probleme beim Treppensteigen und muss häufiger verschnaufen. Auch das vermehrte Auftreten von Nasenbluten und unerklärlichen blauen Flecken können ein Hinweis darauf sein. Zudem leiden die Betroffenen häufig unter einem vermehrten Auftreten von Infektionen. Unabhängig von Leukämie gilt: Wer länger als drei Tage Fieber hat, sollte einen Arzt aufsuchen.
Dann könnte ich also schon gefährdet sein?
Nein, das muss nicht sein. Leukämie hat vielschichtige Ursachen und ist oft auf einen gewissen Zufall zurückzuführen. Im menschlichen Körper werden pro Tag Milliarden von Zellen erneuert. Dabei geht durchaus mal etwas daneben und abnormale Zellen entstehen. Aber auch Virusinfektionen, chemische Gifte oder Strahlenbelastung kommen als Ursache in Frage. Macht dann das Immunsystem Fehler kann sich diese entartete Zelle vermehren und die normalen Zellen verdrängen. Dann entsteht Blutkrebs.

Leiter der Abteilung Hämatologie und Onkologie der Uni-Klinik: Prof. Dietger Niederwieser.
Foto: Frank Schütze
Welche Rolle spielt die familiäre Vorbelastung?
Im Gegensatz zu anderen Krebsarten spielt das bisher keine Rolle.
Wie verläuft die Diagnostik gerade mit Hinblick auf saisonale Influenza und Schweinegrippe, die teilweise ebenfalls mit starkem Fieber einhergehen?
Zunächst einmal gilt es Ruhe zu bewahren. Eine Leukämieerkrankung ist relativ selten und ist heutzutage faktisch kein Todesurteil mehr. Bereits über eine Blutprobe und die daraus resultierende Untersuchung der Blutkörperchen kann der Hausarzt zudem feststellen, ob es sich um Blutkrebs handelt oder nicht.
Wie verläuft dann die Behandlung?

Behandlung mit Chemotherapie.
Foto: Frank Schütze
Nachdem die bösen Zellen durch Chemotherapie zurückgedrängt worden sind und der Patient in Remission ist, wird je nach Leukämietyp eine Stammzelltransplantation entweder vom Patienten selber oder von einem Spender durchgeführt. Es gibt bereits gute Ansätze auch diese Chemotherapie zu vereinfachen und vielleicht können wir in einigen Jahren auf diesen Weg sogar verzichten.
Bisher ist eine Stammzelltransplantation noch eine sehr schwierige Operation.
Nicht unbedingt. Auch bei der Stammzelltransplantation hat sich die Behandlung immens weiterentwickelt. Patienten, die bis vor wenigen Jahren nicht kurativ behandelt werden konnten, können nun mit dieser Behandlung geheilt werden. Dabei wird bei diesen meistens älteren Patienten nicht das ganze Knochenmark und die Blutzellen mittels Ganzkörperbestrahlung und Chemotherapie wie durch eine Atombombe zerstört. Das ist heute so nicht mehr notwendig. Heute haben wir gelernt, wie wir fremde Stammzellen zum Anwachsen bringen können, indem wir spezielle Medikamente und immunologische Reaktionen, die von den Spenderzellen selbst ausgehen, nutzen. Die spendereigenen Killerzellen verdrängen die normalen und kranken Stammzellen des Patienten und ersetzen das kranke Knochenmark durch ein neues und führen dadurch zur Heilung der Blutkrankheit.
Stichwort Leukämie: Leukämie ist eine Erkrankung des blutbildenden Systems. 1845 erstmals durch Rudolf Virchow beschrieben, sind vor allem Symptome wie Blässe, Schwäche, Blutungsneigung mit spontanen blauen Flecken oder stecknadelkopfgroßen Blutungen, Anfälligkeit für Infektionen mit Fieber sowie geschwollene Lymphknoten, Milz- und Lebervergrößerung und manchmal Knochenschmerzen typische Anzeichen. Hervorgerufen wird diese Krankheit durch einen Mangel an normalen roten beziehungsweise weißen Blutkörperchen sowie dem Fehlen von Blutplättchen. In Abhängigkeit vom Verlauf unterscheidet man akute und chronische Leukämien. Akute Leukämien sind lebensbedrohliche Erkrankungen, die unbehandelt in wenigen Wochen bis zum Tode führen. Chronische Leukämien verlaufen meist über mehrere Jahre und sind im Anfangsstadium symptomarm.
http://haemonko.uniklinikum-leipzig.de
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