Forschungsprojekt in Leipzig: Warum sind 10 % der Vorschulkinder ängstlich, depressiv oder gehemmt?
Ralf Julke
08.02.2010
Studie mit Vorschulkindern.
Woher kommen eigentlich all die Macken und Störungen? Sind es überhaupt welche? – Dass Dinge, die Menschen ihr Leben lang prägen, in frühester Kindheit ihre Wurzeln haben, ist bekannt. Aber nicht alles war bislang der Wissenschaft eine Studie wert. Zum Beispiel: Warum werden Menschen schüchtern?
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Und: Ist derlei eigentlich krank? und welche Ursachen hat es – wenn es welche hat. Das ist Thema eines von der Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Forschungsprojekts über Ursachen und Verlauf emotionaler Symptome wie Ängstlichkeit, Depressivität oder Gehemmtheit bei Drei- bis Fünfjährigen, das jetzt in Leipzig durchgeführt werden soll.
Angesiedelt ist das Projekt im Forschungsbereich Prof. Dr. med. Kai von Klitzing der Medizinischen Fakultät der Uni Leipzig, Klinik und Poliklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Kindes- und Jugendalters. Der Titel: "Entwicklungspsychopathologie in Kindheit und Jugend".
Die Stadt Leipzig unterstützt die Studie seit Sommer 2009.
Insgesamt sollen bis zu 3.000 Eltern mit ihren Kindern angesprochen werden. Rund 500 Leipziger Familien mit Vorschulkindern wurden bereits befragt. Ein Teil von ihnen wird auch zu detaillierteren Untersuchungen eingeladen.
Im Rahmen der Kita-Untersuchung des Gesundheitsamtes werden die Eltern der drei- bis fünfjährigen Kinder gebeten, an der schriftlichen Befragung zur sozialen und psychischen Entwicklung ihrer Kinder teilzunehmen. Damit soll neben der sprachlichen und motorischen Entwicklung, die während der Kita-Untersuchung erfasst wird, auch ein Überblick darüber gewonnen werden, wie es den Leipziger Vorschulkindern psychisch geht.
"Diese Studie wird wichtige Erkenntnisse über die seelische Gesundheit von Drei- bis Fünfjährigen in Leipzig vermitteln", so Bürgermeister Thomas Fabian."Auffälligkeiten in der seelischen Entwicklung von Kindern sollten möglichst früh erkannt werden. Dies liegt im unmittelbaren Interesse von Kindern und Eltern. Deshalb empfehle ich den angesprochenen Eltern, mit ihren Kindern an dieser Untersuchung teilzunehmen."
Laut der groß angelegten repräsentativen Untersuchung in Deutschland (KiGGS, Hölling et al., 2008) von Kindern zwischen 3 und 17 Jahren zeigen 18,5 Prozent der Kinder psychische Auffälligkeiten. Von Klitzing: „Dabei machen wir oft den Fehler, uns auf die Kinder zu konzentrieren, die lärmende Symptome wie aggressives Verhalten oder Hyperaktivität zeigen, weil diese Kinder eben störend sind. Symptome wie übermäßige Ängstlichkeit und Depressivität werden dagegen gerade im Vorschulalter häufig nicht erkannt.“
Dabei gehören doch in den Industriestaaten Depressions- und Angststörungen zu den häufigsten Volkskrankheiten, die sowohl für den Einzelnen als auch für die Gesellschaft sehr beeinträchtigend sind.
„Vieles spricht dafür, dass solche Störungen schon früh im Kindesalter beginnen und auch so früh wie möglich behandelt werden sollten“, so von Klitzing. Nach Angaben von groß angelegten Studien sind es ungefähr 10,5 Prozent der Kinder, die unter beeinträchtigenden Verstimmungen und Ängsten leiden.
Leipziger Forschungsprojekt: Woher kommen Ängstlichkeit, Depressivität oder Gehemmtheit?
Foto: Ralf Julke
Eltern, bei deren Kindern Defizite festgestellt wurden, wird je nach Untersuchungsergebnis zum Beispiel der Besuch der Spezialsprechstunde der Universität Leipzig oder weiterführende Hilfe in einer vom Projekt-Team empfohlenen Beratungsstelle angeboten.
Um mehr über Ursachen und Verlauf emotionaler Symptome wie Ängstlichkeit, Depressivität oder Gehemmtheit zu erfahren, wird es im Rahmen der Studie im Anschluss an die Befragungen vertiefte Untersuchungen geben, zu denen etwa 250 Familien eingeladen werden. Hierbei werden Eltern mit Fragebögen sowie die Kinder mit Puppeninterviews befragt. Besonders die Kinder – so die Forscher – schätzten es dabei sehr, dass man ihnen zuhört und sich um ihre Sorgen kümmert. Ziel sei es, frühe Entwicklungsprobleme und ihre Entstehungsbedingungen, aber auch unterstützende Faktoren für die gesunde Entwicklung zu untersuchen. Damit soll die Grundlage für Längsschnitt-Untersuchungen sowie gezielte Früherkennung und Prävention gelegt werden.
„Die psychische Entwicklung kleiner Kinder ist gerade in Hinblick auf ihre weitere Entwicklung und den späteren Schulstart wichtig“, so von Klitzing. „Obwohl man viel über psychische Belastungen von Erwachsenen weiß, werden ähnliche Probleme im Kindes- und frühen Schulalter oft übersehen. Nur wenn erste Symptome und Auffälligkeiten frühzeitig erkannt werden, können die betroffenen Kinder auch schnell Hilfe erhalten, so dass ihre weitere Entwicklung ungestört verlaufen kann.“
Nach den bisherigen Erkenntnissen ist die Zahl psychischer Probleme bei Leipziger Kindern vergleichbar mit anderen Städten. Das Projekt soll aber nicht nur Krankheitsphänomene erfassen. Mindestens genauso wichtig ist es den Mitarbeitern, Faktoren zu erforschen, die Kindern trotz manchmal erheblicher Belastungen wie Ehescheidung oder Krankheit der Eltern eine gesunde psychische Entwicklung ermöglichen. Womit dann zumindest schon einmal angedeutet wird, was bei Kindern zu frühen affektiven Störungen führen kann.
Ob das ein modernes Problem ist, darf bezweifelt werden. Und ob es jedes Mal ein Fall für die Medizin wird, wohl auch. Denn die Symptome – so wird es auch in der Projektbeschreibung erläutert – sind mit den DSM-IV/ICD-10-Kriterien diagnostisch nur schwer zu erfassen. Hinter den Kriterien verbirgt sich der Katalog Psychischer Störungen, der insbesondere von Versicherungen auch anerkannt wird.
Und ganz gewiss darf gefragt werden, ob Ängstlichkeit, Depressivität oder Gehemmtheit tatsächlich psychische "Erkrankungen" sind oder nicht tatsächlich gesunde Reaktionen auf eine von scheinbar gesunden "Power"-Zeitgenossen demolierte Umwelt.
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