Kreuzschmerzen im Kinderzimmer: Forsa-Studie belegt eine erschreckende Entwicklung
Ralf Julke
04.07.2010
Kinder beim Fernsehen.
Foto: DAK/ Wigger
Die Botschaft ist eindeutig: Der Fernseher gehört in den Schrott. Und der Computer wird in seiner Nutzung begrenzt. Stecker raus, Kind schnappen und ab mit den Zimmerhockern an die frische Luft. Denn dass deutsche Kinder immer öfter Rückenschmerzen haben, hat einen unbeweglichen Grund.
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Zu wenig Bewegung. - Dass sie halbe und ganze Tage vor Bildschirmen zubringen, hat schon seit Jahren die Tugendwächter in Rage gebracht. All der Müll, diese Zeitverschwendung! - Studie um Studie belegt die Folgen, die der zeitfüllende Vertreib an den Bildschirmen mit sich bringt: Die Kinder verlieren soziale Kontakte, werden übergewichtig, leiden schon in früher Jugend an Diabetes, ihr Wortschatz schmilzt zusammen, ihre Aufmerksamkeit lässt nach, in der Schule fallen sie mit dem "Zappelphilipp-Syndrom" auf. Denn natürlich wehrt sich der junge Körper. Der Mensch ist nicht zum stundenlangen Sitzen, Glotzen und Daddeln gemacht. Das menschliche Denken und seine gesamte körperliche Entwicklung war immer an eine vielseitige Bewegung geknüpft.
Auch das belegen Studien: Kinder, die regelmäßig an der frischen Luft sind und sich viel bewegen, haben auch bessere schulische Leistungen. Das muss nicht der Maßstab sein. Aber wenn so etwas zu signifikanten Gruppenunterschieden wird, dann ist das alarmierend. Und wenn gerade Kinder aus weniger gut situierten Familien besonders oft unter Übergewicht, miserablem Koordinationsvermögen, erschreckenden Sprachfehlern und fehlender Kommunikationsfähigkeit leiden, dann ist eigentlich Kehraus angesagt.
Die neueste Studie im Auftrag der DAK untermauert nur, was eigentlich längst klar ist. Das Erschreckende ist nur: Es ändert sich nichts. Im Gegenteil: Die Befragung durch die Forsa zeigt, dass es in den letzten zehn Jahren noch schlimmer geworden ist.
Simples Fazit einer krankhaften Entwicklung: Kinder haben es immer häufiger im Kreuz.
Stundenlanger Fernsehkosum ist für Kinderrücken gar nicht gesund.
Foto: DAK/ Wigger
Die Zahl der Jungen und Mädchen mit Rückenschmerzen hat nach der jüngsten DAK-Studie in den vergangenen zehn Jahren spürbar zugenommen. Forsa hat dazu 100 Kinder- und Jugendärzte im Auftrag der Krankenkasse befragt. Die Gesundheitsprobleme beginnen meist schon bei der Einschulung und treten besonders oft bei den 11- bis 14-Jährigen auf.
In der DAK-Untersuchung erklärte die Mehrzahl der Mediziner, dass die Anzahl der Kinder mit Rückenschmerzen in den letzten zehn Jahren stark (13 Prozent) bzw. etwas (44 Prozent) zugenommen hat.
Als Hauptgrund für die zunehmenden Beschwerden nannten fast alle Ärzte fehlende Bewegung (98 %) und intensiven Medienkonsum (95 %). Außerdem würden die Eltern die motorische Entwicklung nicht genug anregen (91 %). Aber Eltern allein sind nicht "schuld". Auch das ergab die Befragung: 60 % der befragten Ärzte gaben schlechten oder fehlenden Sportunterricht als Ursache der Kreuz-Probleme bei Kindern und Jugendlichen an und falsche Ernährung nannten 53 % der Ärzte. 42 % sehen eine enge Verbindung mit dem niedrigen Bildungsstand der Eltern.
Aber nicht nur das wurde in der Befragung sichtbar: Während Kinder im Vorschulalter praktisch keine Rückenprobleme haben, steigt die Zahl der Kinder, die unter Rückenschmerzen leiden, mit dem Eintritt in die Schule.
6 % der 6- bis 8-Jährigen haben schon Probleme, bei den 9- bis 10-Jährigen sind es schon 15 Prozent. Bei den 11- bis 12-Jährigen steigt der Wert auf 21 % und bei den 13- bis 14-Jährigen auf 40 %. Danach sinkt der Wert wieder.
"Wenn unsere Kinder nur noch im Schnitt 900 Meter am Tag gehen, aber fast vier Stunden vor PC oder TV sitzen, dann müssen sie Schmerzen im Kreuz bekommen“, sagt Professor Ingo Froböse von der Sporthochschule Köln, der für die DAK das Thema auch in Vorträgen bespricht. "Die Betroffenen brauchen keine spezielle Rückenschule. Wir müssen unsere Kinder nur mit dem 'Bewegungsvirus' infizieren. Eltern sollten immer Vorbild sein – gerade beim Sport und der Gesundheit.“
Und so lesen sich denn auch die Empfehlungen der befragten Ärzte und Kinderärzte: Eltern können ein Vorbild in gesundheitlicher Hinsicht sein und selbst mehr Bewegung praktizieren (96 %), sie können Bewegung fest in den Alltag integrieren (96 %), sie können die Kinder im Sportverein anmelden (94 %), was ja nicht nur dem Drang der Kinder nach Bewegung entgegenkommt, sondern auch wichtige neue soziale Kontakte schafft. Natürlich kann auch die Familie gemeinsam Sport treiben (93 %), aber genauso wichtig ist eine Begrenzung der Mediennutzung (91 %).
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