Wege aus dem Tal der Finsternis: 1. Deutscher Patientenkongress Depression tagte in Leipzig
Matthias Weidemann
05.10.2011
Harald Schmidt beim 1. Deutschen Patientenkongress Depression.
Foto: Matthias Weidemann
„Vier Millionen depressive Menschen in Deutschland – das kann nicht alleine am Fernsehprogramm liegen,“ meinte TV-Ikone Harald Schmidt anlässlich des 1. Deutschen Patientenkongresses für Betroffene und Angehörige, der am Sonntag im Leipziger Gewandhaus stattfand.
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Was aus dem Munde Harald Schmidts launig klingt, rückt der Entertainer gleich selbst zurecht: „Zu unseriöser Einstig in ein ernstes Thema? Aber genau darum geht es mir! Offensive Aufklärung, wenn der Unterschied verdeutlicht werden soll, zwischen total depri sein, bloß weil die Grillkohle feucht geworden ist und einer ernst zu nehmenden Volkskrankheit. Das Erkennen der Symptome und die mögliche Behandlung der Krankheit sollen einer großen Öffentlichkeit vermittelt werden, aus diesem Grund engagiere ich mich in der Stiftung“, so der Schirmherr der Stiftung Deutsche Depressionshilfe.
Und mit einer ehrenamtlichen Schirmherrschaft lässt es Harald Schmidt nicht bewenden, der sich auch finanziell in nicht unerheblichem Maße in die Stiftung einbringt. Angenehm zurückhaltend und mit seinem bekannt subversiv-subtilen Humor lotste Harald Schmidt vor einigen hundert Besuchern als Moderator durch den Kongress im Gewandhaus. In Vorträgen von Fachleuten, Betroffenen sowie bei Workshops und an Infoständen drehte sich alles rund um das Thema, das für viele Menschen immer noch ein Tabu zu sein scheint: die Depression.
Harald Schmidt beim 1. Deutschen Patientenkongress Depression.
Foto: Matthias Weidemann
Denn obwohl sich inzwischen nicht zuletzt aufgrund des tragischen Selbstmordes des ehemaligen Torwarts der DFB-Elf, Robert Enke, in Sachen Aufklärung rund um die Depression eine Menge getan hat, ist diese Krankheit für viele offenbar immer noch ein Buch mit sieben Siegeln. So komme es auch stark auf die Perspektive an, wie Thomas Müller-Rörich - selbst ein Betroffener - meint: „Depressive Menschen haben meist ein anderes Erleben ihrer Krankheit als Behandler oder Angehörige sich das vorstellen können. Besonders die sekundären Krankheitsfolgen durch Verlust wichtiger Stützen wie Beruf und soziales Netzwerk werden nicht ausreichend berücksichtigt. Das hat zur Folge, dass ein Wiederauftreten der Erkrankung begünstigt und wahrscheinlicher wird.“
Dr. Nico Niedermeier am Rednerpult.
Foto: Matthias Weidemann
Auch wenn die Forschung schon wesentlich weiter ist, was die Behandlung von Depressionen betrifft, ist die genaue Entstehungsursache nach wie vor unklar. Betroffene können mit ihren eigenen Erfahrungen wichtige Anhaltspunkte geben, welche Lebensumstände Depressionen begünstigen, beziehungsweise, wie sich Resilienz (Widerstandsfähigkeit, d. Red.) erwerben lässt, so Professor Dr. Ulrich Hegerl von der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Uni Leipzig: „Mehr als viele andere Erkrankungen geht eine Depression mit einem hohen Leidensdruck einher. Obwohl sie durch Antidepressiva und bestimmte Formen der Psychotherapie behandelbar ist, kann nur eine Minderheit der Betroffenen diese in optimaler Weise nutzen. Daran ist auch die Krankheit selbst schuld, die mit Hoffnungslosigkeit, Schuldgefühlen und gestörtem Antrieb einhergeht.“
Auch für Angehörige ist die Depression ein oft schwer verständliches Phänomen, von dem sie aber unmittelbar betroffen sind, wie Eva Straub zu berichten weiß, die einen an Depression erkrankten Sohn hat: „Nicht nur, dass Angehörige die ersten sind, die die Veränderungen bemerken, sie sind es auch, die am längsten und eindringlichsten das Leid dieser Menschen miterleben.“
Gefülltes Gewandhaus beim 1. Deutschen Patientenkongress Depression.
Foto: Matthias Weidemann
Das, so Eva Straub, könne sogar zur Folge haben, dass man selbst an einer Depression erkrankt: „Spätestens wenn sie merken, dass ihre bisher bei körperlichen Erkrankungen erprobten Hilfen nichts nützen, sie unter Umständen sogar das Gegenteil mit der Hilfe erreichen, werden sie gnadenlos mit hinein gesogen in die düstere Stimmung und Hoffnungslosigkeit. Oder sie grenzen sich zum Wohl des Patienten ab. Dies ist aber in der Regel nur mit ärztlicher Hilfe möglich. Allerdings sind es auch die Angehörigen, die es erleben dürfen, wenn sich der Beginn der Gesundung ankündigt.“
Auf dem Kongress wurde auch die Bedeutung von Selbsthilfegruppen hervorgehoben. Selbsthilfegruppen seien es auch, die es vielen Menschen ermöglichen, sich zu öffnen, so John P. Kummer, selbst ein Betroffener, der sich für die Erforschung der Krankheit engagiert: „Hier erfahren die Patienten am ehesten Verständnis für ihre Krankheit und die Hemmschwelle, sich in ärztliche Behandlung zu begeben, wird erheblich niedriger.“ Immer wichtiger werden auch Online-Diskussionsforen zum Thema Depression, bei dem die Beteiligten anonym bleiben können. Dies, so Dr. Nico Niedermeier, Facharzt für Psychotherapeutische Medizin, sei oft der erste Schritt, um Hilfe anzunehmen: „Das Diskussionsforum ist ein seit 1990 bestehendes und seitdem stetig anwachsendes Online-Selbsthilfeangebot für depressiv erkrankte Menschen. Durch die Möglichkeit einer anonymen Nutzung zu jeder Tageszeit und von jedem Ort aus, bietet es eine optimale niederschwellige Möglichkeit, sich mit anderen Betroffenen auszutauschen.“
Das Forum wird von einer Soziologin und einem Facharzt moderiert und ist inzwischen mit über 11.000 aktiven Nutzern und weit über drei Millionen Besuchern pro Jahr zu einem wichtigen Bestandteil in der Depressions-Selbsthilfe geworden. Mit depressiven Störungen im Kindes- und Jugendalter befasste sich Prof. Dr. Helmut Remschmidt von der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie -psychotherapie in Marburg: „Depressive Störungen kommen bereits im Kinder- und Jugendalter vor und haben in der Altersgruppe Besonderheiten im Hinblick auf Symptomatik, Therapie und Verlauf. Bei Kindern liegt die Häufigkeit bei circa zwei Prozent, bei Jugendlichen um die neun Prozent. Die Diagnostik ist umso schwieriger, je jünger das Kind ist.“
Allein in Deutschland sind bereits heute schätzungsweise fünf Prozent der Bevölkerung, also etwa vier Millionen Menschen, betroffen. Mit Antidepressiva und begleitender Psychotherapie stehen zwar wirksame Behandlungsmaßnahmen zur Verfügung. Aber immer noch wird die Hälfte der Fälle nicht richtig diagnostiziert. Die Gründe dafür reichen von mangelndem Wissen in der Bevölkerung, Angst und Scham vor Stigmatisierung bei den Betroffenen bis zu diagnostischen und therapeutischen Defiziten in der Versorgung. Diese Umstände zu verbessern ist unter anderem das Ziel des Kongresses und der Stiftung Deutsche Depressionshilfe.
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