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Leben mit Depression: „Man wird quasi zum Experten für sich selbst“ - Interview mit einer Betroffenen

Matthias Weidemann
Christine Reuter beim Leipziger Depressionskongress.
Christine Reuter beim Leipziger Depressionskongress.
Foto: Matthias Weidemann
Christine Reuter engagiert sich ehrenamtlich im Leipziger Bündnis gegen Depression. Gemeinsam mit rund 15 bis 20 anderen Leipzigern präsentiert sie Informationsmaterial auf Veranstaltungen und betreibt Öffentlichkeitsarbeit für das Bündnis und sorgt für Aufklärung in Sachen Depression. Christine Reuter war im Laufe von 12 Jahren selbst schon drei Mal von dieser Volkskrankheit betroffen und schildert die Situation aus ihrer Sicht.

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Warum engagieren Sie sich in dem Bündnis?

Ich habe bereits drei Erkrankungen mit jeweils erfolgreicher Behandlung hinter mich gebracht. Auf diese Weise bin ich so eine Art Experte für mich selbst hinsichtlich dieser Erkrankung geworden. Und sagen wir mal so: Ich verstehe es auch als eine Art Vermächtnis derer, die es nicht geschafft haben und sich infolge der Depression das Leben genommen haben. Ich möchte mein Wissen weiter geben. Wenn ich das Wissen von Anfang an, also schon bei meiner ersten Erkrankung gehabt hätte, wäre dann in meinem Leben vielleicht auch einiges anders gelaufen...

Und warum haben Sie es jeweils geschafft, die Krankheit zu überwinden?

Es ist bei einer Depression so, dass sie immer wieder auftreten kann, auch wenn man erstmal wieder gesund geworden ist. Aber wie schon gesagt: Man wird dann so etwas wie ein Experte dafür, lernt damit umzugehen, auf Anzeichen aufmerksamer zu achten. Ich bin sehr froh und dankbar, dass ich immer wieder in mein Leben zurückgefunden habe, Freude empfinden und Spaß haben zu können, zufrieden zu sein.

Christine Reuter beim 1. Deutschen Patientenkongress Depression in Leipzig.
Christine Reuter beim 1. Deutschen Patientenkongress Depression in Leipzig.
Foto: Matthias Weidemann

Können Sie das näher erklären?

Um es mal bildlich darzustellen: wenn Sie für Grippe oder eine Erkältungen anfällig sind, werden Sie es tunlichst vermeiden, barfuß durch den Schnee zu gehen. Und dann geht es einem eben schlecht, weil man krank ist.Andere können das und werden nicht krank. Wenn man also sich mit dem eigenen Krankheitsverlauf schon ein wenig auskennt, erkennt man dann auch den einen oder anderen begünstigenden Faktor, den es auszuschalten gilt. Eine Garantie kann und wird es aber nicht geben.

Wobei die Krankheit nach Expertenmeinung ja individuell sehr unterschiedlich verläuft.

Das ist richtig. Und deshalb ist es für mich das oberste Gebot, mir Hilfe zu holen, um den Ausbruch und Verlauf einer depressiven Episode schon bei den ersten Anzeichen zu mildern. Es gibt nicht den klassischen Nachweis, „jetzt bin ich an Depression erkrankt“, weder auf einem Röntgenbild noch im Blutbild. Eine Depression hat selten nur eine einzige Ursache. Meist führt ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren zur Erkrankung. Die Depression wird sowohl von der körperlichen, genauer der neurobiologischen Seite her als auch von der psychischen und psychosozialen Seite her erklärt und auch behandelt. Wie bei den zwei Seiten einer Medaille ergänzen sich auch hier die beiden Betrachtungsweisen.

Sie haben vorhin erwähnt, dass man bei den ersten Anzeichen einer Depression sofort Hilfe in Anspruch nehmen sollte. Nun ist es aber so, dass solche Menschen eher in sich gekehrt sind und es für sie sehr schwierig ist, über den eigenen Schatten zu springen, sprich: Andere Menschen um Hilfe zu bitten.

Christine Reuter beim 1. Deutschen Patientenkongress Depression in Leipzig.
Christine Reuter beim 1. Deutschen Patientenkongress Depression in Leipzig.
Foto: Matthias Weidemann
Das liegt eben daran, dass so eine Erkrankung unter anderem mit mangelndem Selbstwertgefühl und Antriebslosigkeit einhergeht. Das sind Symptome, nicht etwa persönliche Schwäche oder gar Versagen. Aber es ist eine schwere Erkrankung, die für die Betroffenen mit einem hohen Leidensdruck einhergeht. Medizinische und/oder therapeutische Hilfe zum frühestmöglichen Zeitpunkt können den Verlauf der Erkrankung positiv beeinflussen. Eine zeitig behandelte Bronchitis wächst sich ja möglicher Weise auch nicht zu einer im Krankenhaus zu behandelnden Lungenentzündung aus. Natürlich sind die Hemmschwelle beziehungsweise der Kraftaufwand, sich Hilfe zu holen, für einen depressiv erkrankten Menschen ungleich schwerer. Ist doch da die Angst, als Versager oder Schwächling zu gelten. Die immer noch bestehenden Vorurteile der Gesellschaft bezüglich der Ernsthaftigkeit der Erkrankung tun ihr Übriges dazu. Am Ende führt kein Weg dran vorbei: Eine schwere depressive Erkrankung wird nicht von alleine wieder verschwinden. Und im allerschlimmsten Fall hält ein Betroffener den hohen Leidensdruck, der ganz typisch ist, einfach nicht mehr aus...

Also kommt es auch auf die Umgebung an?

Familie, Freundes- und Bekanntenkreis, aber auch Arbeitgeber oder Kollegen sollten durch Aufklärung dafür sensibilisiert werden, auf Anzeichen einer Depression bei ihren Mitmenschen zu achten und den Betroffenen sensibel dabei unterstützen, sich notwendige ärztliche oder therapeutische Hilfe zu holen. So war es bei mir auch. Ich wusste ja gar nicht, was mit mir los war. An eine Depression habe ich bei der ersten Erkrankung auch gar nicht gedacht. Ich wusste auch gar nichts darüber. Nur es wurde eben nicht besser, sondern schlimmer. Eine befreundete Kollegin hat dann die Initiative ergriffen und mich zu einer Psychiaterin begleitet. Damit war der Anfang gemacht. Und die Bereitschaft zu zeigen, sich helfen zu lassen, ist der erste Schritt, den man selbst tun muss und kann.

Hat man denn Angst vor einem Rückfall?

Natürlich gibt es diese Befürchtungen. Aber sie sind - auch je länger es mir wieder richtig gut geht - nicht permanent präsent. Ich kann es nicht ausschließen, dass mich die Krankheit ein weiteres Mal ereilt. Aber mit den letzten Erkrankungen habe ich auch dazugelernt und mir ein Wissen erworben, dass mich befähigt, Hilfe in Anspruch zu nehmen, es auszuhalten und nicht zu vergessen: es wird wieder werden. Bestimmt.

Weitere Informationen unter
www.buendnis-depression.de/depression/leipzig.php


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