Psychische Erkrankungen – 200 Jahre Forschung und Lehre in Leipzig (1): Einführung in die Heilung des Gemüts
Matthias Weidemann
25.10.2011
Johann Christian Heinroth (1773-1843).
Foto: Uni Leipzig / Zeitgenössische Darstellung
„Die Wissenschaft und Kunst diese Zustände aus dem Gebiet der unfreyen und vernunftlosen Zustände zu behandeln ist Schlussstein und die höchste Stufe der Medizin“, sagte einst Christian August Heinroth (1773-1843). Am 21. Oktober 1811 wurde in Leipzig weltweit erstmalig eine Professur für „Psychische Therapie" eingerichtet und mit Johann Christian August Heinroth besetzt.
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Ein bedeutsames Datum nicht nur für die Medizingeschichte, sondern vor allem ein Meilenstein für die Entwicklung von Lehre, Forschung und Patientenbetreuung in der Psychiatrie und Nervenheilkunde.
Natürlich hatte man an der Universität allen Grund, ein solches Jubiläum gebührend zu feiern. Zu Recht, hat doch die Behandlung von Menschen mit psychischen Erkrankungen eine nie dagewesene Bedeutung erlangt. Dies, so scheint es, hat auch damit zu tun, dass die Anzahl seelischer Erkrankungen in der heutigen an Belastungen reichen Welt zugenommen hat.
Dies wird aber von Experten erstaunlicherweise nicht ganz so gesehen, so Professor Ulrich Hegerl von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Uni Leipzig: „Auch wenn die Statistiken der Kassen und Rentenversicherungsträger eine drastische Zunahme der Bedeutung der Depression und anderer psychiatrischer Erkrankungen zeigen, ist unklar, ob Depressionen tatsächlich zunehmen. Diese Zunahme dürfte überwiegend Ausdruck der Tatsache sein, dass mehr Betroffene sich Hilfe holen, dass Depressionen von Ärzten besser erkannt und insbesondere, dass Depressionen auch so benannt werden und nicht hinter Ausweichdiagnosen wie „chronischer Rückenschmerz, Tinnitus, Burnout und so weiter versteckt werden.“
Johann Christian Heinroth (1773-1843).
Foto: Uni Leipzig / Zeitgenössische Darstellung
Nach Berechnungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist die sogenannte unipolare Depression die bedeutendste Volkskrankheit in den entwickelten Ländern und auch in Deutschland. Professor Hegerl: „Der Leidensdruck der despressiv Erkrankten ist größer als bei so gut wie jeder anderen Erkrankung, was sich in bedrückender Weise an dem hohen Risiko der Selbsttötung zeigt.“
So nahmen sich im Jahr 2009 etwa 9.000 Menschen das Leben, im Vergleich dazu belief sich die Zahl der Verkehrstoten auf 4.470, die der Drogentoten auf annähernd 830. Nach Schätzung von Professor Hegerl sind 90 Prozent der Suizide auf eine psychiatrische Erkrankung zurückzuführen.
Der Forscher weiter: „Die eigentlich guten Behandlungsmöglichkeiten werden aber aus einer Reihe von Gründen nur von einer Minderheit der Betroffenen konsequent genutzt.“ Dennoch sind seit Zunahmen und Verbesserung der Behandlungen Fortschritte erzielt werden. Ulrich Hegerl: „Parallel mit der häufigeren Diagnosestellung und Zunahme der Behandlungen mit Antidepressiva und Psychotherapie kam es zu einer sensationellen Entwicklung. Die Suizidzahlen nahmen von 18.000 pro Jahr vor etwa 30 Jahren auf 9.600 ab. Das heißt, dass sich täglich etwa 30 Menschen weniger das Leben nehmen. Ein Grund dafür dürfte sein, dass sich mehr Betroffene aus ihrer Isolation wagen und behandeln lassen.“
"Psychiatrische Erkrankungen werden auch heute noch von manchen zwischen Einbildung und persönlichem Versagen eingeordnet", sagt der aktuelle Leiter der Leipziger Einrichtung. "Oft wird von "seelischen" Erkrankungen gesprochen und diese den körperlichen Erkrankungen gegenübergestellt, obwohl psychische Erkrankungen selbstverständlich auch Erkrankungen des Körpers, genauer des Gehirns sind und für die Seele eigentlich eher der Pfarrer zuständig ist", meint Hegerl etwas spitz. "Auch wenn wir heute diese 200-jährige weltweite und Leipziger Tradition feiern, so ist die damals gestartete Entwicklung, psychische Erkrankungen so zu sehen und zu behandeln wie andere Erkrankungen auch, noch nicht abgeschlossen."
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