200 Jahre Psychiatrie-Forschung in Leipzig (3): Johann Christian August Heinroth – Wegbereiter der Psychiatrie
Matthias Weidemann
09.11.2011
Zentrum für Psychische Gesundheit der Uni Leipzig.
Foto: Matthias Weidemann
Vor 200 Jahren wurde in Leipzig weltweit und zum ersten Mal eine Professur für „Psychische Therapie“ eingerichtet. Das war am 21. Oktober 1811. Sicher eines der wichtigsten Daten in der Medizingeschichte. Außerdem ein Meilenstein für die Entwicklung von Lehre, Forschung sowie die Betreuung von Menschen mit seelischen Erkrankungen in der Psychiatrischen Nervenheilkunde.
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Heute stehen an der Leipziger Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie mit drei Stationen und einer Tagesklinik 88 stationäre Behandlungsplätze sowie ambulante Behandlungsmöglichkeiten unter anderem mit Spezialambulanzen für Affektive Störungen, Zwangsstörungen und Gedächtnisstörungen zur Verfügung. Von hier aus werden überdies drei große europäische Forschungsprojekte koordiniert, die zum Ziel haben, depressiv Erkrankte besser zu versorgen und Suizide zu verhindern.
Ein Projekt mit dem Namen PREDI-NU (Preventing Depression and Improving Awareness through Networking in the EU) entwickelt für Erkrankte mit leichteren Depressionen ein internetbasiertes Selbstmanagementprogramm. Es wird in Kooperation mit ausgewählten Hausärzten und verwandten Berufsgruppen erprobt. Längerfristig soll es in Deutschland und Europa dazu beitragen, Versorgungsdefizite (z.B. lange Wartezeiten bei der Suche nach einem Nervenarzt oder Psychotherapeuten) zu reduzieren. Die Europäische Kommission fördert das Projekt mit 1,8 Millionen Euro.
Prof. Ulrich Hegerl.
Foto: Matthias Weidemann
Um Suizidverhinderung durch Gemeinde basiertes Eingreifen geht es bei OSPI-Europe (optimizing suicide prevention programs and their implementation in Europe), das von der Europäischen Kommission mit drei Millionen Euro gefördert wird. Der Leiter der Leipziger Einrichtung ist Prof. Dr. Ulrich Hegerl. Nach seiner Beobachtung gebe es bei Depression nicht unbedingt steigende Zahlen, wie häufig vermutet. Die Krankheit sei heute lediglich besser dokumentiert.
"Behandlungsmöglichkeiten müssen fortentwickelt werden. Neben psychosozialen Projekten nimmt deshalb auch die neurobiologische Forschungsarbeit eine wichtige Rolle ein. In Leipzig untersuchen wir beispielsweise, warum sich Schlafentzug bei der Mehrzahl der depressiv Erkrankten positiv auf die Stimmung auswirkt", so Hegerl.
Von solchen Forschungsprojekten und -möglichkeiten konnte ein Johann Christian August Heinroth vor 200 Jahren nur träumen. Heinroth wurde am 17. Januar 1773 in Leipzig als Sohn eines Chirurgen geboren und besuchte von 1782 bis 1791 die Nikolaischule.
Noch im gleichen Jahr nahm er sein Medizinstudium auf und arbeitete von 1796 bis 1801 als Assistent des Leipziger praktischen Arztes Schirmer. Seinen ersten intensiven Kontakt mit seelisch Kranken dürfte der Mediziner um 1803 in Wien gemacht haben, als er sich beim Direktor des „Wiener Narrenturms“ Johann Peter Frank aufhielt. Das 1784 errichtete Gebäude erinnert in der Form an einen der Leipziger Gasometer und würde jedem Regisseur für Gruselfilme, in denen angekettete Irre vorkommen müssen und der eine entsprechende Location sucht, einen Freudenschauer nach dem anderen über den Rücken jagen.
Denn hier waren Geisteskranke in Zellen angekettet und vegetierten mehr oder weniger vor sich hin, war doch dieser „Narrenturm“ so etwas wie ein Symbol für die Haltung der Gesellschaft gegenüber seelisch kranken Menschen. Er stellte den Beginn der Ausgrenzung der Geisteskranken aus der Gesellschaft dar und trennte sie kategorisch von der Schicht der „Armen“.
Das städtische Waisen-, Zucht- und Versorgungshaus St. Georg zu Leipzig um 1800. Die hier sichtbare Hauptfront zeigt in Richtung des heutigen Schwanenteichs hinter der Oper.
Quelle: Romantische Gemälde von Leipzig - von Karl Benjamin Schwarz - Leipzig. 1804. Repro: Matthias Weidemannn
Der Medizinhistoriker Dr. Holger Steinberg, der in „Bilder zur Geschichte der Leipziger Universitätspsychiatrie“ unter anderem ein sehr genaues Bild von Heinroth zeichnet, enthüllt dabei Erstaunliches über den Mediziner und seine Theorien über die Ursachen von Geisteskrankheit: „Dazu muss man wissen, dass Heinroth sehr stark vom protestantischen Christentum geprägt war. Die Ursache der Seelenstörungen sah er in einer vom Kranken selbst begangenen Schuld.“
Diese, so Dr. Steinberg, beruhe auf Sünde: „Darunter verstand er zum einen sehr wohl im wörtlichen Sinne eine Abkehr von Gott und den christlichen Geboten. Aber zugleich muss in seinem Sinne darunter auch ein insgesamt „falscher“ Lebensstil des Menschen verstanden werden. Nämlich, wenn seine Begierden überwiegend auf die Befriedigung irdischer Lebensbedürfnisse und Leidenschaften gerichtet seien. Gibt ihm der Mensch nach, führe dieser Befriedigungstrieb zur psychischen Krankheit.“
Grundsätzlich sei Heinroth der Überzeugung gewesen, so der Medizinhistoriker, dass der Mensch die Freiheit besäße, seinen Lebensweg selbst zu steuern und somit in der Lage war, Gewalt über die eigene Gesundheit oder Krankheit zu haben. Heinroth schrieb über diese „Sünden- bzw. Eigenschuldtheorie“ zahlreiche Bücher.
In den Jahren 1814 bis 1833, als Heinroth zusätzlich die Stellung als Hausarzt am städtischen Zucht-, Waisen- und Versorgungshaus St. Georg innehatte, bestand für ihn die Möglichkeit, die hier untergebrachten psychisch Erkrankten selbst zu beobachten, zu behandeln und im klinischen Unterricht zu demonstrieren. Und auch wenn Heinroths „Eigenschuldtheorie“ antiquiert erscheinen mag, war er doch Wegbereiter für Heilungskonzepte heutiger psychotherapeutischer Verfahren.
So führte er auch den Begriff des "Psychosomatischen" in die medizinische Weltliteratur ein und prägte den Begriff der Ganzheitlichkeit: „Die Person ist mehr als der bloße Körper, auch mehr als die bloße Seele: sie ist der ganze Mensch.“ Wegweisend war zudem seine Neufassung des Depressionsbegriffes. Anstatt diesen zur Bezeichnung eines niedrigen Hirndruckes zu verwenden, füllte er ihn mit einem psychopathologischen Inhalt. Depression war für ihn ein Übermaß an Passivität. Dementsprechend definierte er die Melancholie als eine Depression des Gemüts. Weiterhin findet sich in seinem Werk eine frühe Beschreibung der manisch-depressiven Erkrankung.
Nach Ansicht von Dr. Steinberg wurde Heinroth bislang verkannt: „Bedeutende, anthropologische Aspekte seines Werkes sind aufgrund seiner theologisch verbrämten Ansichten von neurobiologisch orientierten Psychiatern lange nicht wahrgenommen worden. Tatsächlich muss dieser engagierte Seelenheilkundler als bedeutender Wegbereiter der Psychiatrie angesehen werden und das mit internationaler Wirkung. Ein Glücksfall für Leipzig."
Zentrum für Psychische Gesundheit der Uni Leipzig.
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