200 Jahre Psychiatrie-Forschung in Leipzig (4): Auch damals sparte man wie heute – Heinroths Lehrstuhl wurde weggekürzt
Matthias Weidemann
15.11.2011
Prof. Dr. Martin Radius (1797-1884).
Repro: Matthias Weidemann, Quelle: Dr. Holger Steinberg "Bilder zur Geschichte der Leipziger Universitätspsychiatrie"
200 Jahre Leipziger Psychiatrie hören sich beeindruckend an, sind aber auch von Brüchen geprägt. So dauerte es doch recht lange, bis sich das Fach Psychiatrie wirklich als eigenständiger Lehrstuhl durchsetzte. Der Inhaber des ersten Lehrstuhles für Psychiatrie, Johann Christian Heinroth, starb am 27. Oktober 1843.
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Es dauerte nicht wirklich lange, so der Medizinhistoriker der Leipziger Psychiatrie, Dr. Holger Steinberg, bis man an der Leipziger Uni zu der Ansicht gelangte, dass ein psychiatrischer Lehrstuhl nicht wirklich notwendig war: „Schon am selben Tag wandte sich der Dekan der Medizinischen Fakultät an seinen sächsischen vorgesetzten Minister.“
Jener Dekan, Ernst Heinrich Weber (1795-1878), machte also seinen Chef „darauf aufmerksam,“ wie es in Dr. Holger Steinbergs Broschüre „Bilder zur Geschichte der Leipziger Universitätspsychiatrie“ zitiert wird: „dass diese Professur zu denjenigen gehört, von welchen die medicinische Facultät in einem an das Hohe Ministerium erstatteten Berichte angab, dass sie durch einen besonders dafür angestellten Professor nicht unter allen Umständen besetzt zu werden brauche…“.
Medizinhistoriker Dr. Holger Steinberg.
Foto: Matthias Weidemann
Immer noch also war man davon überzeugt, dass Psychiatrie keines eigenen Lehrstuhls bedurfte und in einem anderen Fach aufgehen konnte und ebenso gut aufgehoben war. In diesem Falle war das die „gerichtliche Heilkunde“ und man war der Ansicht, „da beide Fächer so zusammen hängen, dass sie füglich combinirt werden könnten.“ Also wollte man schon damals in der Hochschulbildung Kosten einsparen. Wie wenig sich die Zeiten doch verändert haben.
So schreibt der Dekan an den Minister treu und ergeben, „dass die in neurer Zeit entstandene allzu vielfache Spaltung medcinischer Disciplinen und ihre Besetzung durch einzelne Professoren den Wünschen des hohen Minsterii gemäß beseitigt werde würde.“
Hatte sicher auf damit zu tun, dass sich Leipzig diesbezüglich sehr weit hervor gewagt hatte und die erste Uni überhaupt war, die einen solchen Lehrstuhl geschaffen hatte. Vorgeschlagen für die Nachfolge Heinroths, also für die besagte Doppelfunktion, wurde der Arzt Prof. Dr. Martin Radius (1797-1884).
Auch der Medizinhistoriker Dr. Holger Steinberg vermutet hinter der ganzen Aktion nicht zuletzt finanzielle Beweggründe nicht ganz uneigennütziger Art seitens der Professorenschaft: „Die Fakultät weist andererseits ausdrücklich darauf hin, dass bei Erledigung der Professur für psychische Heilkunde mehrere Fakultätsmitglieder in besser bezahlte Klassen aufrücken dürften. Daran wird die Professorenschaft privat Interesse gezeigt haben. Denn das Aufrücken bedeutet für die Betroffenen eine Steigerung ihres Einkommens und durch die Verminderung der Anzahl der Professoren für alle eine Erhöhung des eigenen Anteils an den Fakultätseinkünften. Nicht zuletzt, weil die Erledigung einer Professur für die sächsische Staatskasse mit einer Minderbelastung verbunden war, genehmigt der Minister das Aufrücken.“
Diese Entscheidung bedeutete, wie eigentlich vorherzusehen, das Ende des eigentlichen psychiatrischen Lehrstuhls, besser gesagt, das Ende einer Lehrtätigkeit für dieses Fachgebiet. Dr. Holger Steinberg dazu in seiner Broschüre: „Radius’ Lehrauftrag wurde ein Sammelbecken aller möglichen Grundlagenfächer und derjenigen Disziplinen, die nach Meinung der Fakultät „durch einen besonders dafür angestellten Professor nicht unter allen Umständen besetzt zu werden brauchen“. Von dem psychiatrischen „Teillehrstuhl“ ist im Konglomerat der Verpflichtungen von Radius dann keine bestimmte Rede mehr, er bleibt fortan unerwähnt.“
Prof. Dr. Martin Radius (1797-1884).
Repro: Matthias Weidemann, Quelle: Dr. Holger Steinberg "Bilder zur Geschichte der Leipziger Universitätspsychiatrie"
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