Arbeitsplatz wird immer mehr zum Krankheitsherd: Umfrage belegt Klima der Selbstausbeutung durch prekäre Jobs
Matthias Weidemann
09.04.2012
Prekäre Job-Welt macht krank.
Montage: L-IZ
Was Soziologen der TU Chemnitz und des Sigmund-Freud-Instituts in Frankfurt/Main vor wenigen Tagen als Ergebnis einer Umfrage präsentierten, fügt sich nahtlos an die jüngsten Nachrichten von immer mehr Arbeitsausfällen durch psychische Erkrankungen an. Die Wissenschaftler stellten nämlich eine steigende Belastung sowie zunehmende seelische wie körperliche Probleme bei der Realisierung professioneller Standards bei Arbeitnehmern fest.
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Fazit der Umfrage: Dauerhafter Zeit- und Leistungsdruck, regelmäßige Überstunden, geringe Entscheidungsspielräume bei gleichzeitig fehlender Anerkennung und Unterstützung durch Führungskräfte, zunehmend prekäre Berufsbedingungen, selbst bei qualifizierten Arbeitskräften, führt dazu, dass viele Arbeitnehmer in Deutschland erheblich belastet und nicht selten auch überfordert sind. Das passt zu den Nachrichten vom deutschen Arbeitsmarkt, in dem man für viele Betroffene eine düstere Zukunft sieht.
Auch die rasante Zunahme prekärer Jobs und von Zeitarbeitsverträgen lassen die Alarmzeichen blinken. Unter der "flexibleren" Beschäftigung leiden Angestellte und Gesundheitssystem. Der Krankenstand stieg 2011 auf 3,6 Prozent. Ein Jahr zuvor lag er noch bei 3,4 Prozent. Er liegt damit so hoch wie seit 15 Jahren nicht mehr.
Neben steigenden psychischen Problemen ist als Folge eine ernsthafte Gefährdung von Arbeitsqualität und Professionalität zu registrieren. Zu diesem Ergebnis kommen Soziologen der Technischen Universität Chemnitz und des Sigmund-Freud-Instituts in Frankfurt/Main nach einer Befragung der Mitglieder der Deutschen Gesellschaft für Supervision e. V. (DGSv). Supervisoren beraten Organisationen und Unternehmen. In der Untersuchung ging es darum, wie die befragten Experten die Arbeitsbedingungen in den von ihnen betreuten Organisationen im Profit- und Non-Profit-Bereich wahrnehmen. Die Daten wurden 2011 als zweite Welle einer erstmals 2008 durchgeführten viel beachteten Befragung erhoben.
30 qualitative Intensivinterviews, vier Gruppendiskussionen sowie eine standardisierte E-Mail-Befragung der Mitglieder der DGSv mit einer Beteiligung von 23,6 Prozent (das entspricht 893 Befragten) bildeten in dieser Welle die Grundlage der Erhebung. Die Wissenschaftler werten die Studie aufgrund der Zusammensetzung der Stichprobe als repräsentativ. 44,3 Prozent der Befragten nahmen bereits an der Vorgängerstudie teil. Auch die aktuelle Untersuchung bestand aus einem breiten Spektrum von Fragen zu den Arbeitsbedingungen.
Hinzu kamen dieses Mal zwei Schwerpunkte: Die Chemnitzer Forscher befassten sich unter Leitung von Prof. Dr. G. Günter Voß (Professur Industrie- und Techniksoziologie) vor allem mit der Qualität der geleisteten Arbeit. Die Frankfurter Wissenschaftler beschäftigten sich unter Leitung von Prof. Dr. Rolf Haubl insbesondere mit den gesundheitlichen Auswirkungen steigender Arbeitsbelastungen. Die Studie wurde von der DGSv finanziert.
Gaben 2008 fast 80 Prozent der Befragten an, dass Beschäftigte unter dauerhaftem Leistungsdruck stehen, so waren es 2011 bereits mehr als 90 Prozent. Fast alle (97,3 Prozent) erkennen inzwischen steigende psychophysische Belastungen aufgrund hoher Arbeitsbelastungen, die in den Augen von ebenfalls über 90 Prozent eine Zunahme von Erkrankungen zur Folge haben - vor allem als Burnout-Phänomene (94,3 Prozent).
Prekäre Jobs sorgen für verstärkt für psychische Erkrankungen.
Montage: L-IZ
"Nimmt man dauerhaften Leistungsdruck als aussagefähigen Indikator für die Belastungen am Arbeitsplatz, dann haben diese von 2008 auf 2011 keineswegs abgenommen. Im Gegenteil: Sie stabilisieren sich auf hohem Niveau", fasst Prof. Voß zusammen. Fast 70 Prozent der befragten Experten erklären zudem, dass ökonomische Kriterien zunehmend Qualitätsstandards verdrängen und es wachsende Konflikte über Leistungsstandards zwischen Management und Mitarbeitern gibt.
"Das Ziel professionellen Handelns liegt aus Sicht der Organisationen insbesondere darin, den eigenen ökonomischen Erfolg zu sichern. Für die Beschäftigten ist professionelles Arbeiten hingegen vor allem mit Sinnhaftigkeit, klar erkennbarer Wirksamkeit und fachlicher Qualität verbunden", erklärt Voß und benennt als ein für ihn besonders wichtiges Ergebnis der Studie: "Den Sinn der geleisteten Arbeit zu erkennen, fällt den Beschäftigten immer schwerer. Das kann zu einer erheblichen Entfremdung von der eigenen Tätigkeit führen, die ein bisher wenig beachteter Grund für die derzeit weithin beobachtete Zunahme psychischer Belastungen sein könnte."
Bei der Untersuchung der gesundheitlichen Auswirkungen von hohen Belastungen am Arbeitsplatz registrieren die Wissenschaftler vor allem fünf Problemfelder: Einer deutlichen Überforderung in vielen Bereichen steht eine bestenfalls durchschnittliche, oft aber auch fehlende Anerkennung für die geleistete Arbeit und eine nur durchschnittlich realisierte Leistungsgerechtigkeit gegenüber, was wichtige Ursache für eine gravierende Demoralisierung und oft auch Erschöpfung der Arbeitnehmer ist.
"Die Daten zeigen generell, dass ein Großteil der Arbeitnehmer unter einer starken bis sehr starken Erschöpfung leidet - was aber nicht sofort mit dem derzeit populären Schlagwort Burnout gleichgesetzt werden darf", so Voß. Diese Erschöpfung folgt laut der Studie vor allem aus zu hoher Arbeitsbelastung aber auch aus den registrierten Konflikten um die Qualität und den Sinn der Arbeit. Solche Probleme können sich jedoch relativieren, wenn die geleistete Arbeit von Führungskräften anerkannt und leistungsgerecht belohnt werde. Auch eine gute Arbeitsatmosphäre und belastungsreduzierende Hilfestellungen durch die Vorgesetzten wirken der Erschöpfung entgegen.
Gerade in prekären Jobs sorgt der Druck für verstärkte psychische Belastungen bei Beschäftigten.
Montage: L-IZ
Allerdings lässt beides laut der Studie häufig zu wünschen übrig: 62,7 Prozent der Befragten registrieren, dass Führungskräfte nur unzureichend Halt und Orientierung bieten. 53,3 Prozent können nicht erkennen, dass das Betriebsklima in den Organisationen gut ist. Es ist daher wenig verwunderlich, wenn eine große Mehrheit (65,3 Prozent) der folgenden Aussage zustimmt: "Ein erheblicher Teil meiner Supervisanden hat Angst, psychische Belastungen am Arbeitsplatz gegenüber seinem Vorgesetzten zur Sprache zu bringen. Wollen Arbeitgeber etwas gegen die Erschöpfung ihrer Belegschaften tun, dann können sie vor allem an folgenden Punkten ansetzen: Ein hoher Arbeitseinsatz sollte deutlich wertgeschätzt und Leistung gerecht belohnt werden. Außerdem braucht es ein Klima, in dem Vorgesetzte die Mitarbeiter vor Überlastungen und nicht zuletzt vor Selbstausbeutung schützen sowie dazu beitragen, dass Probleme angesprochen werden und sich Kollegen solidarisch verhalten", fasst Voß zusammen.
Aber auch psychische Erkrankungen steigern die Krankenrate. Im vergangenen Jahr stieg ihr Anteil von 12,1 auf 13,4 Prozent am Gesamtkrankenstand. Damit hat sich in den zurückliegenden 15 Jahren der Anteil dieser Krankheitsgruppe am Krankenstand mehr als verdoppelt. Depressionen und andere seelische Erkrankungen machen heute knapp ein Siebtel des gesamten Krankenstandes aus. Zu der Umfrage der Chemnitzer und Frankfurter Forscher passt eine repräsentative Befragung der DAK-Gesundheit von über 3.000 Berufstätigen.
Der Gesundheitsreport zeigt ein überraschendes Ergebnis: Die in den Medien geführte Debatte um Burn-out und psychische Belastungen am Arbeitsplatz ließe erwarten, dass ein großer Anteil der Arbeitnehmer gesundheitlich stark gefährdet ist. Doch nur knapp jeder zehnte Befragte (9,3 Prozent) leidet unter einer sogenannten beruflichen Gratifikationskrise. Damit wird eine besondere Form von arbeitsbedingtem Stress beschrieben, die durch eine mangelnde Anerkennung im Beruf ausgelöst wird. Eine Gratifikationskrise entsteht, wenn für Beschäftigte die Belohnung nicht mehr im Verhältnis zu ihrer Anstrengung steht. Sowohl das Gehalt wie auch die Anerkennung können hier eine Rolle spielen. Für diesen Personenkreis besteht ein mehr als doppelt so hohes Herzinfarktrisiko.
In der Befragung von 3.000 Beschäftigten ging es unter anderem um Belastungen im Arbeitsalltag und um Aspekte von „Belohnung“ (Gratifikation). Jeder fünfte Befragte fühlt sich stark oder sehr stark durch Zeitdruck aufgrund des hohen Arbeitsaufkommens belastet. Fast ebenso häufig werden als Stressoren Unterbrechungen und Störungen des Arbeitsablaufs angegeben.
Mit jeweils knapp zehn Prozent werden auch Verantwortung bei der Arbeit sowie die häufige Notwendigkeit für Überstunden als (sehr) stark belastend empfunden. Mehr als jeder Fünfte (22,2 Prozent) empfindet eine starke oder sehr starke Belastung, weil er ein Missverhältnis zwischen Bezahlung und erbrachter Leistung sieht. Etwa 17 Prozent fühlen sich sehr belastet, weil Vorgesetzte ihnen zu wenig Anerkennung zukommen lassen. Fast ebenso häufig (15 Prozent) lassen sich Belastungen darauf zurückführen, dass Beschäftigte eine Verschlechterung ihrer Arbeitssituation befürchten - oder tatsächlich erfahren.
Die Branchen mit den niedrigsten Krankenständen waren 2011 der Bereich Bildung, Kultur und Medien mit 2,7 Prozent sowie der Bereich Banken und Versicherungen mit 3,0 Prozent. Unter dem Durchschnitt lag auch die Rechtsberatung (3,1 Prozent) sowie der Handel mit 3,4 Prozent. Den höchsten Krankenstand weisen die Öffentliche Verwaltung mit 4,2 Prozent und das Gesundheitswesen mit 4,1 Prozent auf.
Eine Zusammenfassung der Ergebnisse stellt die DGSv bereit: www.dgsv.de
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