Barmer Pflegereport 2012: Pflegebedürftigkeit ist kein Auswanderungsgrund
Gernot Borriss
10.01.2013
Paul-Friedrich Loose.
Foto: Gernot Borriss
Für jeden Pflegebedürftigen gibt es in Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt „gute und preiswerte Pflege“, betonte Paul-Friedrich Loose, Landesgeschäftsführer der Barmer GEK Mitte, bei der Vorstellung der regionalen Zahlen zum Barmer Pflegereport 2012. In Sachsen würden zwei Drittel der Pflegefälle zu Hause betreut: von Angehörigen und ambulanten Diensten.
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„Grundsätzlich funktioniert die Pflegeversicherung“, stellte der Barmer-Geschäftsführer für die drei mitteldeutschen Bundesländer, Paul-Friedrich Loose, am Mittwoch bei der Pressekonferenz zur Vorstellung des Barmer-Pflegereports 2012 voran. Es sei „Kokolores“, so Loose, wenn in Medienberichten der letzten Monate der Eindruck verstärkt würde, Bundesbürger müssten aus Kostengründen zunehmend in Heimen im Ausland gepflegt werden. „Gute und preiswerte Pflege“ stünde im Bedarfsfalle jedem Bewohner von MDR-Land zur Verfügung, unterstrich der regionale Kassenvorstand in der Landesgeschäftsstelle im Leipziger Osten.
„Klarheit über die Pflegekosten“ wollte der mittlerweile fünfte Barmer-Pflegereport bringen, der im November 2012 auf Bundesebene präsentiert wurde. Die Erhebungen des Teams um Professor Heinz Rothgang vom Zentrum für Sozialpolitik der Universität Bremen brächten „erstmals Klarheit über Lebenszeitkosten der Pflege“, teilte die Barmer kurz vor Beginn der Adventszeit mit. „Erstmalig können wir nun beziffern, welche Kosten in der Pflegeversicherung, bei der Sozialhilfe und vor allem privat für die Pflege aufgebracht werden“, so der Bremer Gesundheitsökonom damals.
Nun ist auch die Bundesrepublik im Zweifel groß und die Bundesebene weit. Deshalb kommt Datenmaterial auf Landesebene der Lebenswirklichkeit in den Regionen näher.
Doch erst einmal zur Kostenseite: Laut Paul-Friedrich Loose würden Männer durch die Pflichtmitgliedschaft in einer Pflegekasse und dem neuen Zusatzangebot des Pflege-Bahrs im Regelfall hinreichend vorsorgen. Frauen hingegen leben länger. Insofern liegen deren Pflegekosten höher.
Paul-Friedrich Loose.
Foto: Gernot Borriss
Folgt man Paul-Friedrich Loose, steht die Pflegeversicherung für die nächsten gut zwanzig Jahre auf soliden Füßen. Zu Jahresbeginn 2013 trat das Pflege-Neuausrichtungs-Gesetz in Kraft. Das nennt Loose einen „Schritt in die richtige Richtung“. Aber eben nur einen Schritt. „Da hätte ich mir mehr Temperament beim Gesetzgeber gewünscht“, befand der mitteldeutsche Barmer-Geschäftsführer.
Loose ist bewusst, dass im heraufziehenden Bundestagswahlkampf das Thema Pflege eher am Rande behandelt werden wird. Doch für die Zeit nach der Wahl macht er klare Forderungen auf: zum einen die Erweiterung des Pflegebedürftigkeitsbegriffs um Fälle schwindender geistiger Fähigkeiten und zum anderen die Dynamisierung der Pflegeleistungen, und zwar „regelhaft im Gesetz“.
„Wir hätten es gern mit einem hohen solidarischen Anteil“, beantwortete Loose die Frage der L-IZ nach der Finanzierung dieser Mehrbedarfe. Also eher aus einem dann steigenden Beitragssatz als über private Vorsorgeformen.
Zwei Drittel der Pflege erfolgt in Sachsen zuhause
Ein ausdrückliches Lob sprach Loose den Angehörigen der Pflegebedürftigen aus. „Zwei Drittel der Pflegeleistungen können in Häuslichkeit erbracht werden“, sagte er zur Situation in Sachsen. Das sei aufgrund der hohen Mobilitätserfordernisse des hiesigen Arbeitsmarktes ein hervorragender Wert.
Barmer Pflegereport 2012.
Foto: Gernot Borriss
Häusliche Pflege erbringen Angehörige und die Mitarbeiter der ambulanten Pflegedienste gemeinsam, wie Loose betonte. Hier ergänzen sich aus seiner Sicht die hohe ethisch-moralische Bewertung des Lebens in den vertrauten vier Wänden und im familiären Umfeld mit dem in Sachsen gut ausgebauten Angebot an ambulanten Pflegediensten.
Und da der aktuelle Pflegereport den Blick auf die Pflegekosten legt, sei hier angefügt: Häusliche Pflege ist preiswerter, was viele Sachsen bei dem Pflegearrangement für ihre Angehörigen wohl mitdenken (müssen).
Zunahme der Pflegefälle schwächt sich in Sachsen ab
In Sachsen lebten nach Angaben des Statistischen Landesamtes Ende 2011 fast 138.000 Pflegebedürftige. Zwischen 2009 und 2011 nahm in Sachsen die Anzahl der Pflegebedürftigen um 3,7 Prozent zu – und damit geringer als im Bundesdurchschnitt.
Dennoch: Sachsen ist demografisch der „Alterspionier“ der Bundesrepublik, wie es Landessozialministerin Christine Clauß (CDU) gern ausdrückt. Das heißt: Wo viele hochbetagte Menschen leben, gibt es auch viele Pflegebedürftige.
Zudem wirken laut Paul-Friedrich Loose die Arbeits- und Umweltbedingungen in der ehemaligen DDR nach. Namentlich nannte er die Chemieindustrie und den Uranbergbau der SDAG Wismut. „Wir entwickeln hier bei uns die Blaupause für die Länder, die später dran sind“, definierte Losse die Pionierrolle der mitteldeutschen Länder im demografischen Wandel.
Noch drei Zahlen: Nach den der Barmer vorliegenden Daten sind im Pflegebereich im Freistaat 31.302 Menschen beschäftigt, davon 19.400 im ambulanten Bereich. Mit 406.000 Versicherten zur Jahresmitte 2012 hat die Barmer in Sachsen einen Marktanteil von 9,9 Prozent.
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