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Das ist manchmal keine leichte Aufgabe: Ein Interview zu Verhaltensänderungen bei der Ernährung

Gernot Borriss
Dr. Jens Putziger.
Dr. Jens Putziger.
Foto: Ernährungsmedizin Leipzig
Die guten Vorsätze zum Neuen Jahr handeln oft von bewusster Ernährung und einem gesünderen Lebensstil. „Es ist leicht, sich Wissen über eine gesundheitsbewusste Lebensweise anzueignen, aber schwer, diese in der täglichen Praxis umzusetzen“, sagt dazu der Leipziger Ernährungsmediziner Dr. Jens Putziger im L-IZ-Interview.


Herr Dr. Putziger, gute Vorsätze zum Neuen Jahr in Sachen Ernährung und Bewegung gehören zum Jahreswechsel wie die Fernsehklamotte „Dinner for one“. Was halten Sie als Ernährungsmediziner von den Besserungsschwüren Ihrer Mitmenschen zum Jahresbeginn?

Ich denke, es ist ganz wichtig, sich etwas für jeden neuen Lebensabschnitt vorzunehmen. Sei es ein Jahreswechsel oder ein anderes besonderes Ereignis, wie zum Beispiel ein runder Geburtstag. Das stellt eine innere Triebkraft in jedem Menschen her, noch etwas bewegen zu wollen, etwas zu verändern - sich also nicht aufzugeben, sondern sich etwas vorzunehmen, was möglicher Weise viel Kraft kostet. Oder anders gesagt: Zu leben.

Deshalb bin ich optimistisch und bestärke alle, die sich an mich wenden, um, von der Ernährungs- und Verhaltensseite her, an sich selbst und in sich etwas zu verändern und helfe ihnen dabei.

Es ist also nicht nur ein guter Brauch oder eine Überlieferung, sich besonders zum Jahreswechsel etwas zu wünschen oder aufzuerlegen. Sondern es steckt in jedem Menschen ein Verlangen, sich ständig weiter zu entwickeln, am „Ball zu bleiben“, um am Leben, dem sozialen und gesellschaftlichen Fortschritt teilzuhaben. Nur dies hält uns vital und leistungsstark. Und, seien wir einmal ganz ehrlich: Wer will das nicht.

Dass Gesundheit und Wohlbefinden von der Ernährung abhängen, wussten schon unsere Altvorderen. Lindenaus legendärer Arzt Dr. Ferdinand Goetz (1826-1915) guckte seinerzeit den Hausfrauen sogar in die Kochtöpfe. Was macht ein Ernährungsmediziner heute?

Er besinnt sich erst einmal einer noch älteren Regel. Hippokrates etwa 400 Jahre vor Christus sagte bereits: „Lasst eure Nahrungsmittel Heilmittel und eure Heilmittel eure Nahrungsmittel sein.“ Er wusste bereits vieles über die Wirkung der Kräuter und Tees. Und über den Knoblauch, der heiligen Pflanze, wie er sie nannte, sowie von Ruhe, Entspannung und Meditation.

Doch bevor Empfehlungen ausgesprochen werden können, muss ein Ernährungsmediziner ernährungsabhängige und ernährungsbedingte Erkrankungen diagnostizieren und dann erst therapieren. Dabei reicht das Spektrum von der Mangel- über die Fehlernährung bis hin zur Adipositas und deren Folgen sowie von der Ernährungsberatung bis hin zur künstlichen Ernährungstherapie.

Ein Ernährungsmediziner beteiligt sich an Studien und Erhebungen, zum Beispiel zur Ernährungssituation in Einrichtungen des Gesundheitswesens im Rahmen eines weltweiten Audits, dem "nutrition day". Dabei kann festgestellt werden, dass Mangelernährung wesentlich häufiger im Krankenhaus und in Pflegeeinrichtungen vorkommt als im ambulanten Bereich. Das ist allerdings erschreckend.

Eine gesunde Angewohnheit: die Portion Obst zwischendurch.
Eine gesunde Angewohnheit: die Portion Obst zwischendurch.
Foto: Ralf Julke

Vorbeugen ist bekanntermaßen besser als heilen …

Absolut. Ein Ernährungsmediziner ist auch dafür verantwortlich, dass einer Mangel- und Fehlernährung sowie einer Adipositas vorgebeugt wird. Deshalb informieren meine Kollegen und ich immer wieder über Tipps und Tricks zu einer gesundheitsbewussten Ernährung und Lebensführung, zu Verhaltensveränderungen und mehr Bewegung.

Ist es mit Tipps und Tricks allein getan?


Natürlich nicht. Diese Ratschläge müssen trainiert und immer wiederholt werden, so dass sie sich bewusst und unbewusst in den Tagesablauf einfügen und so tatsächlich zu Veränderungen führen. Das ist manchmal keine leichte Aufgabe.

Deshalb hält ein Ernährungsmediziner ein Team vor, das diese vielfältigen Aufgaben übernimmt. Es besteht aus ernährungskompetenten Schwestern, Diätassistenten, Physiotherapeuten und Psychologen.

In Leipzig arbeite ich eng mit dem Diakonissenkrankenhaus Leipzig und der Medica Klinik Leipzig zusammen. So hat sich ein großes Team geformt, das diesen Anforderungen gerecht wird und von mir ärztlicherseits geleitet wird. Es ist vom Bundesverband Deutscher Ernährungsmediziner BDEM® geschult und lizensiert. Wir bieten unter anderem ein multimodales, interdisziplinäres Programm zur Therapie der Adipositas Grad II und III und Adipositas assoziierter Folgeerkrankungen an: Doc Weight®, was vom BDEM in Kooperation mit dem Verband der Diätassistenten VDD entwickelt wurde.

Wer zählt alles zu Ihrem Team?

Dr. Jens Putziger.
Dr. Jens Putziger.
Foto: Ernährungsmedizin Leipzig
In unserem Ernährungsteam arbeiten ernährungsmedizinische Trainer/-innen, beispielsweise die Diätassistentinnen Katharina Krause und Jeanett Laue sowie die Bewegungstrainer Physiotherapeut Christopher Kaulisch und Diplomsportlehrer Daniel Wagner. Zum Verhaltenstraining ziehe ich die Diplompsychologin Monika Gobin von der Institutsambulanz des Sächsischen Krankenhauses Altscherbitz hinzu.

Denn mit einer Ernährungstherapie kann man nur unter gleichzeitiger Änderung des Lebensstils, des Verhaltens, sportlicher Betätigung und Beratungen zum Essen, Essverhalten, Kochen sowie zum Einkaufen etwas erreichen. Es geht als Ziel darum, sich eine gesundheitsbewusste Ernährung und einen ebenso gesundheitsbewussten Lebensstil anzutrainieren. Kochkurse in einer Lehrküche der Medica Klinik Leipzig runden die ganze Sache dann noch ab.

Ein solches "E-Team" muss zudem ambulant und stationär tätig sein, um eine ökonomisch vertretbare Therapie in beiden Bereichen zum Wohle des Patienten durchführen zu können.

Das klingt alles ganz schön aufwändig …

Es ist leicht, sich Wissen über eine gesundheitsbewusste Lebensweise anzueignen, aber schwer, diese in der täglichen Praxis umzusetzen.

Im Mittelpunkt unserer Bemühungen steht der Mensch und in vielen Fällen eben der Patient, der schon kaum mit seiner Grunderkrankung, geschweige denn mit einer Mangelernährung zurechtkommt. Hier müssen neue Strukturen her, die eine hoch qualitative Weiterversorgung auch nach einem stationären Aufenthalt ermöglichen.

Netzwerke, wie das Leipziger Modell, stellen diese Versorgung und die Zusammenarbeit der verschiedenen Professionen sicher. Seit 1990 besteht das Leipziger Modell, das selbst Schwerstkranke in den ambulanten Bereich überleiten und zu Hause versorgen kann.

Vielen Dank für das Gespräch.

Zur Person: Dr. med. Jens Putziger betreibt eine Spezialpraxis für Ernährungsmedizin am Evangelischen Diakonissenkrankenhaus Leipzig, vom Bundesverband Deutscher Ernährungsmediziner als „Schwerpunktpraxis für Ernährungsmedizin BDEM“ zertifiziert.

Veranstaltungsinfo: Am Dienstag, 8. Januar, von 17 - 19 Uhr, steht der ausgewiesene Experte gemeinsam mit seinem E-Team beim Gesundheitsforum des Diakonissenkrankenhauses Rede und Antwort zum Thema „Gesundheitsbewusste Ernährung – eine Herausforderung für den Alltag?“. Die Veranstaltung findet im Andachtsraum des Diakonissenkrankenhauses, Georg-Schwarz-Straße 49 statt. Der Eintritt ist frei.

www.ernährungsmedizin-leipzig.de

www.diako-leipzig.de



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