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Wohl dem, der jetzt noch - Heimat hat: Burgenlandkreis bekennt sich trotz Bürgerprotesten zu Kohleabbau

Redaktion
Dörthe Stanke. Bali hin oder her, auch wenn Deutschland im Ausland gern seine Vorreiterrolle in Sachen Klimaschutz hervorhebt, zu Hause wird weiter auf Energiegewinnung aus Braunkohle gesetzt. Zum Beispiel in Leipzigs unmittelbarer Nachbarschaft. Am Montag, 17. Dezember, stimmte der Kreistag des Burgenlandkreises in Naumburg mit deutlicher Mehrheit gegen einen Antrag der Fraktion der GRÜNEN, zukünftig auf den Ausbau der Braunkohleförderung zu verzichten.

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Gut 200 Demontstranten, die sich in bitterer Dezemberkälte vor dem Landratsamt versammelt hatten, um gegen den drohenden Verlust ihrer Heimat durch neue Tagebauerschließungen zu protestieren, konnten die Kreisräte nicht umstimmen.
Hintergrund Protestes ist die geplante Errichtung eines neuen Braunkohlenkraftwerkes mit einer Leistung von rund 660 Megawatt in Profen bei Zeitz. Bauherr des Kraftwerkes wäre die Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft mbH (MIBRAG), die im Leipziger Südraum den Tagebau Vereinigtes Schleenhain betreibt. Nach MIBRAG-Plänen soll das neue Kraftwerk 2012 ans Netz gehen.

Da es unwirtschaftlich ist, Braunkohle aufgrund ihres hohen Wassergehaltes über weite Strecken zu transportieren, werden Braunkohlenkraftwerke immer in unmittelbarer Nähe der Tagebaue errichtet. Um das neue Kraftwerk in Profen mit Kohle versorgen zu können, wäre es notwendig, in der Region zwischen Lützen, Zeitz und Weißenfels einen neuen Tagebau
aufzuschließen. In der Konsequenz würde das für zahlreiche Ortschaften im Burgenlandkreis bedeuten, dass sie weggebaggert würden. Seit Juli 2006 führt die MIBRAG Probebohrungen in den bei Lützen gelegenen Gemeinden Röcken und Sössen durch, um das dortige Braunkohlevorkommen zu erkunden.

Sollten die Vorkommen groß genug sein, um eine Ausbeutung zu rechtfertigen und sollte das neue Kraftwerk in Profen tatsächlich gebaut werden, so würden die beiden Gemeinden voraussichtlich im Jahr 2025 der Kohle weichen müssen. Das mag für manchen noch ein halbes Leben weg sein, den Betroffenen aus dem Burgenlandkreis sind die 18 Orte, die bislang dem Tagebau Profen zum Opfer fielen Warnung genug, dass die Braunkohle einen sehr langen Atem hat. Vor dem Naumburger Landratsamt brachten sie lautstark ihren Unmut und ihr Unverständnis darüber zum Ausdruck, dass das Land Sachsen-Anhalt im Zeitalter des Klimawandels noch immer bereit ist, der Braunkohle Priorität einzuräumen.

"Totengräber!", schallte es denn auch Landrat Harri Reiche entgegen als er vor den Demonstranten erklärte, für den Ausbau der Braunkohlenförderung stimmen zu werden. Gleichzeitig brachte Reiche seine Bereitschaft zum Ausdruck, sich bis zum Februar 2008 mit den Betroffenen "in der gebotenen Sachlichkeit" auseinandersetzen zu wollen. Den Demonstranten war jedoch
nicht nach Beschwichtigungen zu Mute, sie verlangen vom Kreistag ein klares Bekenntnis zum Erhalt ihrer Heimat.

"Was sollen wir denn mit einem neuen Haus? Wir lieben doch das alte! Nichts kann uns die Heimat ersetzen! Wir wollen für unsere Kinder eine Zukunft in der Region! Wie kann man denn eine gewachsene, jahrhundertealte Kulturlandschaft einfach so wegbaggern? Es ist doch Wahnsinn, solche wertvollen Ackerböden zu vernichten!" - Fassungslosigkeit, Wut, Verzweiflung aber auch Leidenschaft und Kampfbereitschaft sind bei den protestierenden Bürgern zu spüren.

Unterstützung und Zuspruch erhielten sie von der Grünen-Bundestagsabgeordneten Undine Kurth, dem Geschäftsführer des BUND Landesverbandes Sachsen-Anhalt Oliver Wendenkampf und dem Gemeindepfarrer Joachim Salomon.

Im neuen Energiekonzept des Landes Sachsen-Anhalt bis 2020 heißt es unter anderem: "Die Erschließung eines Tagebaus im Bereich Profen wird als Fortsetzung des dortigen bedeutenden Braunkohlenbergbaus zur Sicherstellung der Versorgung der Kraftwerke im Süden des Landes angesehen. Eine Gewinnung in den Zukunftsfeldern ist aber nur möglich, wenn in den betroffenen Regionen für derartige Vorhaben Akzeptanz besteht." - Ihre Nichtakzeptanz haben die Bürger der betroffenen

Gemeinden vor dem Kreistag eindeutig zum Ausdruck gebracht. Gehör fanden sie bei ihren Abgeordneten nicht. Mit der Entscheidung vom Montag wurde dem geplanten Kraftwerk in Profen ein weiterer Stein aus dem Weg geräumt.

Mit der Gemeinde Röcken würde übrigens auch die Heimat von Friedrich Nietzsche untergehen. Dort wurde der Philosoph 1844 im Pfarrhaus geboren und 66 Jahre später neben der Kirche begraben. Sein Gedicht "Vereinsamt", das im Lichte der drohenden Entwicklungen im Burgenlandkreis eine ganz neue Lesart bekommen hat, wirft einen düsteren Schatten auf das Votum des Kreistages:

Vereinsamt

Die Krähen schrein
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnein, -
Wohl dem, der jetzt noch - Heimat hat!

Nun stehst du starr,
Schaust rückwärts, ach! wie lange schon!
Was bist du Narr
Vor Winters in die Welt entflohn?

Die Welt - ein Tor
Zu tausend Wüsten stumm und kalt!
Wer das verlor,
Was du verlorst, macht nirgends Halt.

Nun stehst du bleich,
Zur Winter-Wanderschaft verflucht,
Dem Rauche gleich,
Der stets nach kältern Himmeln sucht.

Flieg, Vogel, schnarr
Dein Lied im Wüstenvogel-Ton! -
Versteck, du Narr,
Dein blutend Herz in Eis und Hohn!

Die Krähen schrein
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schein, -
Weh dem, der keine Heimat hat!



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