Wohl dem, der jetzt noch - Heimat hat: Burgenlandkreis bekennt sich trotz Bürgerprotesten zu Kohleabbau
Redaktion
20.12.2007
Dörthe Stanke. Bali hin oder her, auch wenn Deutschland im Ausland gern seine Vorreiterrolle in Sachen Klimaschutz hervorhebt, zu Hause wird weiter auf Energiegewinnung aus Braunkohle gesetzt. Zum Beispiel in Leipzigs unmittelbarer Nachbarschaft. Am Montag, 17. Dezember, stimmte der Kreistag des Burgenlandkreises in Naumburg mit deutlicher Mehrheit gegen einen Antrag der Fraktion der GRÜNEN, zukünftig auf den Ausbau der Braunkohleförderung zu verzichten.
Anzeige
Gut 200 Demontstranten, die sich in bitterer Dezemberkälte vor dem Landratsamt versammelt hatten, um gegen den drohenden Verlust ihrer Heimat durch neue Tagebauerschließungen zu protestieren, konnten die Kreisräte nicht umstimmen. Hintergrund Protestes ist die geplante Errichtung eines neuen Braunkohlenkraftwerkes mit einer Leistung von rund 660 Megawatt in Profen bei Zeitz. Bauherr des Kraftwerkes wäre die Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft mbH (MIBRAG), die im Leipziger Südraum den Tagebau Vereinigtes Schleenhain betreibt. Nach MIBRAG-Plänen soll das neue Kraftwerk 2012 ans Netz gehen.
Da es unwirtschaftlich ist, Braunkohle aufgrund ihres hohen Wassergehaltes über weite Strecken zu transportieren, werden Braunkohlenkraftwerke immer in unmittelbarer Nähe der Tagebaue errichtet. Um das neue Kraftwerk in Profen mit Kohle versorgen zu können, wäre es notwendig, in der Region zwischen Lützen, Zeitz und Weißenfels einen neuen Tagebau aufzuschließen. In der Konsequenz würde das für zahlreiche Ortschaften im Burgenlandkreis bedeuten, dass sie weggebaggert würden. Seit Juli 2006 führt die MIBRAG Probebohrungen in den bei Lützen gelegenen Gemeinden Röcken und Sössen durch, um das dortige Braunkohlevorkommen zu erkunden.
Sollten die Vorkommen groß genug sein, um eine Ausbeutung zu rechtfertigen und sollte das neue Kraftwerk in Profen tatsächlich gebaut werden, so würden die beiden Gemeinden voraussichtlich im Jahr 2025 der Kohle weichen müssen. Das mag für manchen noch ein halbes Leben weg sein, den Betroffenen aus dem Burgenlandkreis sind die 18 Orte, die bislang dem Tagebau Profen zum Opfer fielen Warnung genug, dass die Braunkohle einen sehr langen Atem hat. Vor dem Naumburger Landratsamt brachten sie lautstark ihren Unmut und ihr Unverständnis darüber zum Ausdruck, dass das Land Sachsen-Anhalt im Zeitalter des Klimawandels noch immer bereit ist, der Braunkohle Priorität einzuräumen.
"Totengräber!", schallte es denn auch Landrat Harri Reiche entgegen als er vor den Demonstranten erklärte, für den Ausbau der Braunkohlenförderung stimmen zu werden. Gleichzeitig brachte Reiche seine Bereitschaft zum Ausdruck, sich bis zum Februar 2008 mit den Betroffenen "in der gebotenen Sachlichkeit" auseinandersetzen zu wollen. Den Demonstranten war jedoch nicht nach Beschwichtigungen zu Mute, sie verlangen vom Kreistag ein klares Bekenntnis zum Erhalt ihrer Heimat.
"Was sollen wir denn mit einem neuen Haus? Wir lieben doch das alte! Nichts kann uns die Heimat ersetzen! Wir wollen für unsere Kinder eine Zukunft in der Region! Wie kann man denn eine gewachsene, jahrhundertealte Kulturlandschaft einfach so wegbaggern? Es ist doch Wahnsinn, solche wertvollen Ackerböden zu vernichten!" - Fassungslosigkeit, Wut, Verzweiflung aber auch Leidenschaft und Kampfbereitschaft sind bei den protestierenden Bürgern zu spüren.
Unterstützung und Zuspruch erhielten sie von der Grünen-Bundestagsabgeordneten Undine Kurth, dem Geschäftsführer des BUND Landesverbandes Sachsen-Anhalt Oliver Wendenkampf und dem Gemeindepfarrer Joachim Salomon.
Im neuen Energiekonzept des Landes Sachsen-Anhalt bis 2020 heißt es unter anderem: "Die Erschließung eines Tagebaus im Bereich Profen wird als Fortsetzung des dortigen bedeutenden Braunkohlenbergbaus zur Sicherstellung der Versorgung der Kraftwerke im Süden des Landes angesehen. Eine Gewinnung in den Zukunftsfeldern ist aber nur möglich, wenn in den betroffenen Regionen für derartige Vorhaben Akzeptanz besteht." - Ihre Nichtakzeptanz haben die Bürger der betroffenen
Gemeinden vor dem Kreistag eindeutig zum Ausdruck gebracht. Gehör fanden sie bei ihren Abgeordneten nicht. Mit der Entscheidung vom Montag wurde dem geplanten Kraftwerk in Profen ein weiterer Stein aus dem Weg geräumt.
Mit der Gemeinde Röcken würde übrigens auch die Heimat von Friedrich Nietzsche untergehen. Dort wurde der Philosoph 1844 im Pfarrhaus geboren und 66 Jahre später neben der Kirche begraben. Sein Gedicht "Vereinsamt", das im Lichte der drohenden Entwicklungen im Burgenlandkreis eine ganz neue Lesart bekommen hat, wirft einen düsteren Schatten auf das Votum des Kreistages:
Vereinsamt
Die Krähen schrein Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt: Bald wird es schnein, - Wohl dem, der jetzt noch - Heimat hat!
Nun stehst du starr, Schaust rückwärts, ach! wie lange schon! Was bist du Narr Vor Winters in die Welt entflohn?
Die Welt - ein Tor Zu tausend Wüsten stumm und kalt! Wer das verlor, Was du verlorst, macht nirgends Halt.
Nun stehst du bleich, Zur Winter-Wanderschaft verflucht, Dem Rauche gleich, Der stets nach kältern Himmeln sucht.
Flieg, Vogel, schnarr Dein Lied im Wüstenvogel-Ton! - Versteck, du Narr, Dein blutend Herz in Eis und Hohn!
Die Krähen schrein Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt: Bald wird es schein, - Weh dem, der keine Heimat hat!
Es laufen derzeit einige Vereine und Stiftungen mit leuchtenden Jahreszahlen durch die Landschaft: 2013 ist eine davon, 2015 eine andere. Die Förderstiftung Leipziger Stadtbad hat jetzt die 2016 aufgepflanzt: In dem Jahr wird ihr Pflegekind 100 Jahre alt. Und da soll's auch wieder leben. mehr…
Ein bisschen ist er zurückgerudert, der Peter Ramsauer, derzeit Bundesbau- und -verkehrsminister. So wie seine Kollegin Ursula von der Leyen im Sozialministerium hatte auch Ramsauer einen wichtigen Sozialposten in seinem Budget in die Sparpläne der Bundesregierung gepackt: 200 Millionen Euro aus dem Wohngeldetat. mehr…
Er studierte Musik und Klavier in Südkorea und Deutschland, erhielt Meisterkurse im Klavierspielen und konzertierte auf renommierten Bühnen dieser Welt: Der Pianist Seo Hang Churl kommt nach Leipzig. mehr…
Die Leipzig-Pass-Mobilcard ist ab kommenden Sonntag, 1. August, nunmehr auch an den Automaten der LVB an den Haltestellen erhältlich. Das teilen die Leipziger Verkehrsbetriebe mit. mehr…
In der nächsten Stadtratssitzung am 18. August wird die Drucksache Nr. V/608 zur Ersatzbeschaffung von Dienstkraftfahrzeugen für die Stadtverwaltung Leipzig dem Stadtrat zum Beschluss vorgelegt. Insgesamt sollen bis 2014 immerhin 106 PKW und Kleintransporter der Marken VW und Ford beschafft werden – eine Ausschreibung ist nicht geplant. mehr…
Zu Verkehrsraumeinschränkungen in der Innenstadt und im Leipziger Westen kommt es am Samstag, 31. Juli, zwischen 12 und 19 Uhr, wegen des Umzuges „Global Space Odyssey 2010 – 24/7 Kultu(h)r tickt anders“. Das teilt das Leipziger Ordnungsamt mit. mehr…
Teile der Arktis haben sich im letzten Jahrhundert deutlich abgekühlt. Doch seit 1990 steigen die Temperaturen auch dort stark an. Das geht aus einer Rekonstruktion der Sommertemperaturen der letzten 400 Jahre mit Hilfe von Baumringen aus Regionen nördlich des Polarkreises hervor, über die das Umweltforschungszentrum berichtet. mehr…
Das dritte Album entscheidet meist, wohin es eine Band gemeinhin treibt. Hat ihre Musik Bestand? Erfindet sich eine Kapelle ständig neu oder bewahrt sie ihren Charakter? Das sind Fragen, mit der sich die L-IZ an der neuen Scheibe der kanadischen Rockformation Arcade Fire im folgenden Review reibt. Am Freitag den 30. Juli erscheint ihr neues Album "The Suburbs". mehr…
Kein Jahr ist die Band alt und schon zählen sie zu den Großen. Delphic aus Manchester haben mit "Acolyte" 2010 ein bemerkenswertes Album veröffentlicht, das sie im August auch in Leipzig vorstellen wollen. Warum die Kapelle bei der Musikpresse so viel Aufsehen erregt? Man sagt ihr eine musikalische Nähe zu den legendären New Order nach. mehr…
Es knirscht im Gebälk. Wirklich reibungslos war die Arbeit der sächsischen Staatsregierung mit ihren Kommunen und insbesondere der Stadt Leipzig von Anfang an nicht. Im Fall Eisenbahnstraße kommt es jetzt wohl zum Showdown vor Gericht. Der Anlass: Eine kleine Definitionsfrage zum Preis von 273.646,30 Euro. mehr…