20 Grad Kälte, aber kein Eisbär: Zwei Leipziger Brüder zurück aus dem Eis
Redaktion
10.05.2008
Foto: Sichelschmidt
Die Brüder Georg und Johannes Sichelschmidt sind wieder in Leipzig. Sie haben ihre Expedition auf Spitzbergen erfolgreich beenden können. Sie sind innerhalb von 16 Tagen im April über 320 km in der menschenfeindlichen Wildnis von Spitzbergen gelaufen. Durch fehlenden Wind konnten sie freilich ihr Expeditions-Ziel Verlegenhuken nicht erreichen. Ihre nördlichste Position war 79°10'N.
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Aber zumindest konnte der Newtontoppen bestiegen werden. Für beide waren die Wetterbedingungen in Spitzbergen ein Novum. Die ersten 10 Tage waren für das Team sehr fordernd. Bei -20°C und einer Windgeschwindigkeit von 15 m/s mussten viele Höhenmeter hoch auf das Inlandeis von Spitzbergen überwunden werden.
Die letzten Tage der Expedition waren strahlender Sonnenschein. Dadurch konnten die täglichen Distanzen auch ohne passenden Wind ausgedehnt werden.Auf die Begegnung mit Eisbären waren die Brüder mit Gewehr, Signalpistole und Pfefferspray gut vorbereitet. Gesehen haben sie allerdings nur eine Bärenspur, die sich kilometerweit über das Inlandeis zog.
Aber wie sie ihr Abteuer erlebten, schildern die beiden hier selbst:
Georg und Johannes Sichelschmidt: Expeditionsbericht Spitzbergen 2008
Dauer: 15.04 - 30.04.2008 (16 Tage) Strecke: 320 km; ca. 20 km/dNord-Süd-Ausdehnung: 78°12' bis 79°10' Ost-West-Ausdehnung: 15°35' bis 18°10'
Foto: Sichelschmidt
Das Ziel unserer Expedition war, mit Hilfe des Windes, den nördlichsten Punkt (Verlegenhuken) von Spitzbergen zu erreichen und den gesamten Weg zurück zu laufen (500 km). Uns war klar, dass wir um dieses Ziel zu erreichen eine durchschnittliche Tagesstrecke von mind. 30 km erreichen mussten. Ohne günstigen Wind für unsere Parawings, wäre dieses Ziel nicht zu erreichen. Allein für den Rückweg mussten wir aus Sicherheitsgründen mit 12 Tagen bzw. mit 20 km/d planen, da wir pünktlich wieder in Longyearbyen eintreffen mussten. Also blieben uns 6 Tage für den Hinweg bzw. 40km/d in den ersten 6 Tagen. Alternativ zu diesem sehr ambitionierten Ziel haben wir die Besteigung des höchsten Berges von Svalbard (Newtontoppen) in Erwägung gezogen.
Der erste Tag verlief sehr verheißungsvoll. Wir sind erst mittags gestartet und haben dank guter Windbedingungen am Abend bereits 28 km geschafft. Dieses Glück hat uns aber gleich am folgenden Tag verlassen und wir sind bei Gegenwind und schlechter Sicht nicht weit vorangekommen. So verliefen die weiteren neun Tage. Wir hatten hauptsächlich Wind aus der falschen Richtung und häufig direkt Gegenwind. Die Sonne hat sich selten gezeigt und wurde bald vom Nebel wieder eingeholt. Somit waren die ersten Tage von den Wetterbedingungen her sehr anstrengend. Durch den Nebel war es ungewöhnlich feucht im Zelt und wir hatten Mühe alles trocken zu bekommen. Der Wind ist bei Temperaturen um -20°C entscheidend für das Kälteempfinden und die Sonne wird zur zentralen Bedeutung.
Foto: Sichelschmidt
Unsere Route verlief nach Longyearbyen in östliche Richtung das Adventdalen entlang, bis wir ab dem Sassendalen bzw. dann den Tempelfjord in nördliche Richtung gingen. Vom Tempelfjord haben wir die Strecke über das Gipsdalen auf den Lomonosovfonna gewählt. Dort sind wir auf dem Vetteranenbreen weiter in nördliche Richtung gelaufen.
Nach den ersten Tagen hatten wir einen Tagesdurchschnitt von 15 km und uns ist schnell klar geworden, dass der Wind nicht so günstig ist, dass wir es bis Verlegenhuken schaffen können. Daher haben wir uns überlegt, die beiden höchsten Berge von Svalbard zu besteigen. Daraufhin sind wir auf den Parisbreen in die Nähe zum Perriertoppen gelaufen. Dort wurden wir von einem Sturm früh ins Zelt gezwungen. Die Nacht haben wir durch den Krach schlecht schlafen können und am nächsten Morgen war die Sicht so schlecht, dass eine Besteigung lebensgefährlich geworden wäre. Daher sind wir umgekehrt um weiter südlich in der Nähe des Newtontoppen unser Lager aufzuschlagen. Am folgenden Tag war schönster Sonnenschein und wir konnten den Newtontoppen besteigen. Dieses Wetter hat uns die letzten 6 Tage nicht mehr verlassen. Es war zwar kalt, aber die Sonne hat uns mit ihrer Anwesenheit beglückt. Dadurch sind wir sehr gut vorangekommen, obwohl mit der Sonne, der Nordwind nachgelassen hat und es nahezu windstill wurde. Ans Segeln war dadurch auch nicht mehr zu denken.
Den Weg zurück haben wir leicht geändert. Ab der Lomonosovfonna haben wir uns weiter östlich gehalten und sind ohne den Tempelfjord zu passieren über den Philippbreen und den Rabotbreen ins Sassendalen und damit wieder ins Adventdalen zurück nach Longyearbyen gelaufen.
An den letzen beiden Tagen wurde der Wind doch wieder gnädig und wir sind sehr gut vorangekommen und konnten die Expedition zwei Tage früher beenden. Auch sind wir durch die Benutzung der Parawings bei sehr schwachem Wind schneller vorangekommen, indem wir gleichzeitig gelaufen sind. So ist für uns der Begriff Ski-Segel-Wandern entstanden.
Letztendlich war die Expedition sowohl sehr fordernd als auch sehr beeindruckend. Durch die strahlende Sonne im letzten Drittel der Expedition wurde die Orientierung extrem vereinfacht, die Wegfindung konnte sehr viel ökonomischer verlaufen und ohne Wind sind Minusgrade ebenfalls gut auszuhalten. Die Schönheit der Landschaft wurde uns durch die Erfahrungen der Wildheit der Natur in den ersten Tagen besonders bewusst. Der schnelle Wechsel von einer leichten Bewölkung zum totalen White-Out, wo nur noch der Kompass die Richtung anzeigen kann, zeigt wie gefährlich die Arktis sein kann. Der stetigen und kräftigen Gegenwind hat wir Spuren an Nasen und Fingern hinterlassen, welche wir noch Tage nach dem Ende der Tour spüren.
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