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Ein Unikat an der Via Regia: Weihnachten wie gemalt im hessischen Gelnhausen

Karsten Pietsch
Gelnhausen. Einst von Kaiser Barbarossa gegründet.
Gelnhausen. Einst von Kaiser Barbarossa gegründet.
Foto: Karsten Pietsch
„Es ist asozial kalt“, sagt der Radiomoderator bei einer Liveeinblendung aus Steinau an der Straße an jenem Sonntagnachmittag. Nach Totensonntag beginnt die Adventszeit der Weihnachtsmärkte und der Weihnachten-Vermarktung. Regionale Bräuche, Handwerker und Handwerksprodukte ordnen sich ein in die Zeilen und Zeiten der Buden.

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Mehr oder weniger beschaulich shoppen sich die Leute dem Heiligabend entgegen, für die anderen geht die Bescherung von jetzt gleich bis zum letzten Tag des Weihnachtsmarktes. Wo, außer nach Uhrzeiten streng geplant, in Kirchen, ist da noch öffentlicher Raum für Software, Entertainment, ja, nennen wir es ruhig mal: Behaglichkeit. Auch wenn es gerade „asozial kalt“ ist.

Kulturweg

Frankfurt am Main und Görlitz verbindet die Via Regia, mittendrin liegen Leipzig und Gelnhausen. Kaiser Barbarossa gründete die Stadt in Hessen. Wenn er in ihren Mauern weilte, galt sie als die Reichshauptstadt. Heute gedenkt man in den von Fachwerkhäusern gesäumten Gassen am Berghang außer Barbarossas noch der Herren Grimmelshausen, Brentano, Philipp Reis, auch der Meister des Naumburger Doms hat Spuren hinterlassen. Eine Gästeführerschar erklärt es den Fremden. „Gelnhausen - Mittelpunkt der Europäischen Union“, ist auf der Homepage der Stadt zu lesen.

Straßenverkehrsordnung

Hier ist die schmalste Stelle der alten Via Regia, das für Fuhrwerke wichtige Lademaß bilden zwei gegenüberstehende Häuser, drei Meter und ein paar Zentimeter auseinander stehend. Man musste das wissen, wenn man den Wagen lud. Sonst gab es Krach, auch mit den folgenden Kutschern. In Leipzig fast vergessen, ist die Via Regia in Gelnhausen gegenwärtig. Ein europäischer Kulturweg.

120 Gelnhäuser Originale

Wie gemalt. - Lebendiger Weihnachtsaltar. Das erste Weihnachtslied, der erste mehrstimmige deutsche Gesang.
Wie gemalt. - Lebendiger Weihnachtsaltar. Das erste Weihnachtslied, der erste mehrstimmige deutsche Gesang.
Foto: Karsten Pietsch
An drei Tagen im Jahr haben die Gästeführer Großeinsatz, zusammen mit jungen und alten Darstellern wird Geschichte lebendig.

Zur so genannten Weihnachtsführung, einen marktschreierischen Event-Titel brauchte man noch nicht, blüht die Gelnhäuser Historie - verbandelt mit unzähligen kleinen Allerweltsgeschichten - im gelblich-düsteren Schein der Straßenlaternen und unzähliger Kerzen auf.

Fünf-Minuten-Dramen

Zahlen und Fakten: Drei Abende. Von den 21.000 Einwohnern wirken 120 in historischen Kostümen mit. 13 Spielszenen, jeweils fünf Minuten lang. Dazu viele Standbilder, 1.100 Zuschauer pro Abend. Wie man hörte, gibt es das exakte Konzeptions- und Textbuch nur szenenweise, Bühnenbilder haben nur eine Gesamtidee: heutiges Gelnhausen, sparsam ergänzt, fast komplett in normaler Abendbeleuchtung. Zusatz-Kunstlicht nur ausnahmsweise. Für die Akteure gibt es ein Salär oder einen Gutschein in einer Höhe, bei der es nicht lohnt, eine Art Stundensatz für den Aufwand zu errechnen. Sie zahlen nebenbei noch einen bemerkenswerten Preis: Kaum ein Mitwirkender sieht alle anderen Szenen während der Aufführungen.

Keine Profi-Schauspieler, sondern Lebenskünstler

Unter den Darstellern sind Wiederholungstäter, keine Profischauspieler oder Berufssänger, sondern Lebenskünstler in wechselnden Rollen. Für viele gehört es dazu, einfach mitzumachen - und mit zu frieren.

Seit 14 Jahren gibt es die Weihnachtsführungen. Alle Tickets werden an einem Oktoberwochenende für 12 Euro verkauft, man steht Schlange danach oder kennt jemanden, der sich anstellt. Am Abend hängen sich die Leute die Karten an Schlüsselbändern um den Hals, denn zwischendurch wird kontrolliert. Man kommt auch an Glühweinstand und Plätzchenkorb vorbei. Hinterher werden die Bänder wieder eingesammelt, zwar mit „Gelnhäuser Weihnachtsführung“ beschriftet, aber kein Souvenir, sondern ein Giveaway zum Wiederabgeben, wenn man ehrlich ist. Ein brillanter Marketinggag.

Gewimmel, nachts in Gelnhausen

Familienidyll nach der dramatischen Spielszene.
Familienidyll nach der dramatischen Spielszene.
Foto: Karsten Pietsch
Zeitiges Kommen sichert einen der knappen Parkplätze und entsprechend kurzen Weg zum Obermarkt, wo alles anfängt. Dort verkauft der Verein „Lebenshilfe“ heiße Würste und Glühwein am Ende des Platzes, die Stände werden belagert. Viel zu klein für die Ansammlung von über 1.000 Leuten. Blasmusikanten würdigen das rotnäsige Rentier Rudolph und andere Weihnachtspersönlichkeiten, dann betritt die Chefin der Touristeninformation, Monika Hartmann, den Balkon. Sie trägt, sagt sie, ein Gewand aus der russischen Taiga. Sie ruft die Gruppen auf, die Tickets tragen deren Startnummern. Schon setzt sich der Markt in Bewegung, Frauen in Weihnachtsmannmänteln und großer Ziffer in der Hand vorneweg, und ein Gewimmel von Gruppen mit jeweils 60 bis 70 Leuten rotiert nach geheimnisvollem Plan durch die ganze Altstadt, in den nächsten zweieinhalb Stunden werden sich kaum zwei Gruppen wieder begegnen. Aus dem Himmel könnte man es sehen, erklärt ein Insider des Programmablaufs: Wenn es nach Plan geht, beginnen alle Spielszenen gleichzeitig. Und die letzten Bilder sind das Finale: 13 Mal separat, für immer nur eine Gruppe.

Lebendige Gemälde

Jedes Jahr stehen die Führungen unter einem anderen Motto, „Weihnachten in Europa“ hieß es 2009, dieses Jahr „Weihnachten wie gemalt“. Akteure stellten Gemälde neben den Reproduktionen nach, teils stumm, teils in lebendigen Handlungen. Nur zu selten waren die Originale präsent oder erkennbar, Bildvorlagen, Maler oder Anregungen bleiben verborgen. So bleibt dem „Weihnachten wie gemalt“ bis auf Ausnahmen Nachprüfbarkeit und Teilnahme an der Kunst-Reise des Abends leider verborgen.

Im Stadtwappen wird es laut

Djet Moros alias Väterchen Frost und Snegurotschka alias Schneeflöckchen.
Djet Moros alias Väterchen Frost und Snegurotschka alias Schneeflöckchen.
Foto: Karsten Pietsch
Wir lernen die Lebkuchenbäckerinnen kennen, und zwei Hübschnerinnen in der Petersiliengasse, erleben im Kerzenschein der Kirche das Entstehen des wohl ältesten Weihnachtsliedes und ersten deutschen mehrstimmigen Gesangs mit. Kaiser Babarossa und seine Gemahlin werden im Stadtwappen lebendig und begraben alten Streit. In der Schnitzerei beschwert sich der Meister, warum das Krippenspiel nicht mehr Figuren habe und wird deshalb zum Erfinder. Eine Familie stellt für ein idyllisches Familienfoto ein Gemälde nach, der Pfarrer hilft, und der, der unbedingt einen Engel spielen will, lässt sich davon auch nicht abhalten... Vor einem mittelalterlichen Altar wird um Bilderstürmerei der Reformationszeit gestritten. Axthiebe können gerade noch verhindert werden, wofür man aber die Krone des Jesuskindes opfert. Jemand hat den schwarzen Tod mit in die Stadt gebracht. Die Kräuterfrau scheint ratlos, bis ein Engel ihr das Angelikakraut reicht.

Man wechselt zwischen Draußen und Drinnen. Nicht alle Teilnehmer ziehen die Mütze vor der evangelischen Kirchentür, nicht alle Männerhäupter sind bedeckt in der ehemaligen Synagoge, die nun im Spiel eine Puppenmacherei beherbergt.

Winter-Romantik

Kräuterfrau und hilfreiche Engel am Hexenturm.
Kräuterfrau und hilfreiche Engel am Hexenturm.
Foto: Karsten Pietsch
An jeder Station gibt es einen Weihnachtsgruß für die Besucher, die danken mit einem herzlichen Applaus und ziehen weiter. Zwischendurch wird gesammelt und gespendet, für den Verein „Lebenshilfe“ und die Reparatur des kürzlich im Kirchturm abgestürzten Geläuts, bei dem vier Glocken zerstört wurden.

3.300 Besucher zählte man dieses Jahr. „Ganz besonders romantisch war“, so beschrieb es die Gelnhäuser Tageszeitung, als am Auftaktabend Schneeflöckchen die Szenerie bereicherten. Klatschnass soll so mancher Darsteller davon geworden sein.

Gedacht als Dankeschön für Anwohner

Hinter dem Spektakel steckt keine Firma oder Agentur, sondern schlicht und einfach die Stadtverwaltung mit ihrer Touristeninformation. Angefangen hat alles 1996, als sich die Gästeführer bei den Anwohnern mit einer Extra-Aktion bedanken wollten. Es ist ja nicht jedermanns Sache, dass spätabends und häufig draußen vor dem Wohnzimmerfenster jemand seine Stimme erhebt, oder Laternen- und Fackelschein das Schlafzimmerfenster erleuchten. Damals hatte die erste und einmalige Weihnachtsführung nur sieben Stationen. Doch solches Gelnhäuser Extra sollte auch für Touristen käuflich sein. Im Jahr darauf stand bereits das Rotationsprinzip für 12 Stationen, aufgeführt an zwei Abenden.

Alljährlich Schauplatz der Weihnachtsführung: Gelnhausen.
Alljährlich Schauplatz der Weihnachtsführung: Gelnhausen.
Foto: Karsten Pietsch

Ein Festspiel mit 39 Aufführungen

Mittlerweile hat sich ein Fundus an Kostümen, Requisiten, Ideen und Möglichkeiten angesammelt. Das Wichtigste sind immer noch die Darsteller, die jeder 39 Mal in gleicher Aktion glänzen. Jeweils fünf Minuten. Stunden vor und nach dem Start werden Bühnenbilder auf- und abgebaut.

Es gibt Passionsspiele in Oberammergau, Bayreuther Festspiele und Störtebeker auf der Insel Rügen. Sie alle haben ihr Konzept, ihre Aufführungsserien und ihre Nachahmer. Die Gelnhäuser sind ein Unikat.

Am letzten Novemberwochenende 2011 stehen die Führungen unter dem Thema „Lichterweihnacht“. Für drei Abende und ein paar Tausend Leute. Sonst ist die abendliche Gelnhäuser City eine beschauliche Fachwerkstadt wie viele andere auch.

www.gelnhausen.de


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