Ein Unikat an der Via Regia: Weihnachten wie gemalt im hessischen Gelnhausen
Karsten Pietsch
05.12.2010
Gelnhausen. Einst von Kaiser Barbarossa gegründet.
Foto: Karsten Pietsch
„Es ist asozial kalt“, sagt der Radiomoderator bei einer Liveeinblendung aus Steinau an der Straße an jenem Sonntagnachmittag. Nach Totensonntag beginnt die Adventszeit der Weihnachtsmärkte und der Weihnachten-Vermarktung. Regionale Bräuche, Handwerker und Handwerksprodukte ordnen sich ein in die Zeilen und Zeiten der Buden.
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Mehr oder weniger beschaulich shoppen sich die Leute dem Heiligabend entgegen, für die anderen geht die Bescherung von jetzt gleich bis zum letzten Tag des Weihnachtsmarktes. Wo, außer nach Uhrzeiten streng geplant, in Kirchen, ist da noch öffentlicher Raum für Software, Entertainment, ja, nennen wir es ruhig mal: Behaglichkeit. Auch wenn es gerade „asozial kalt“ ist.
Kulturweg
Frankfurt am Main und Görlitz verbindet die Via Regia, mittendrin liegen Leipzig und Gelnhausen. Kaiser Barbarossa gründete die Stadt in Hessen. Wenn er in ihren Mauern weilte, galt sie als die Reichshauptstadt. Heute gedenkt man in den von Fachwerkhäusern gesäumten Gassen am Berghang außer Barbarossas noch der Herren Grimmelshausen, Brentano, Philipp Reis, auch der Meister des Naumburger Doms hat Spuren hinterlassen. Eine Gästeführerschar erklärt es den Fremden. „Gelnhausen - Mittelpunkt der Europäischen Union“, ist auf der Homepage der Stadt zu lesen.
Straßenverkehrsordnung
Hier ist die schmalste Stelle der alten Via Regia, das für Fuhrwerke wichtige Lademaß bilden zwei gegenüberstehende Häuser, drei Meter und ein paar Zentimeter auseinander stehend. Man musste das wissen, wenn man den Wagen lud. Sonst gab es Krach, auch mit den folgenden Kutschern. In Leipzig fast vergessen, ist die Via Regia in Gelnhausen gegenwärtig. Ein europäischer Kulturweg.
120 Gelnhäuser Originale
Wie gemalt. - Lebendiger Weihnachtsaltar. Das erste Weihnachtslied, der erste mehrstimmige deutsche Gesang.
Foto: Karsten Pietsch
An drei Tagen im Jahr haben die Gästeführer Großeinsatz, zusammen mit jungen und alten Darstellern wird Geschichte lebendig.
Zur so genannten Weihnachtsführung, einen marktschreierischen Event-Titel brauchte man noch nicht, blüht die Gelnhäuser Historie - verbandelt mit unzähligen kleinen Allerweltsgeschichten - im gelblich-düsteren Schein der Straßenlaternen und unzähliger Kerzen auf.
Fünf-Minuten-Dramen
Zahlen und Fakten: Drei Abende. Von den 21.000 Einwohnern wirken 120 in historischen Kostümen mit. 13 Spielszenen, jeweils fünf Minuten lang. Dazu viele Standbilder, 1.100 Zuschauer pro Abend. Wie man hörte, gibt es das exakte Konzeptions- und Textbuch nur szenenweise, Bühnenbilder haben nur eine Gesamtidee: heutiges Gelnhausen, sparsam ergänzt, fast komplett in normaler Abendbeleuchtung. Zusatz-Kunstlicht nur ausnahmsweise. Für die Akteure gibt es ein Salär oder einen Gutschein in einer Höhe, bei der es nicht lohnt, eine Art Stundensatz für den Aufwand zu errechnen. Sie zahlen nebenbei noch einen bemerkenswerten Preis: Kaum ein Mitwirkender sieht alle anderen Szenen während der Aufführungen.
Keine Profi-Schauspieler, sondern Lebenskünstler
Unter den Darstellern sind Wiederholungstäter, keine Profischauspieler oder Berufssänger, sondern Lebenskünstler in wechselnden Rollen. Für viele gehört es dazu, einfach mitzumachen - und mit zu frieren.
Seit 14 Jahren gibt es die Weihnachtsführungen. Alle Tickets werden an einem Oktoberwochenende für 12 Euro verkauft, man steht Schlange danach oder kennt jemanden, der sich anstellt. Am Abend hängen sich die Leute die Karten an Schlüsselbändern um den Hals, denn zwischendurch wird kontrolliert. Man kommt auch an Glühweinstand und Plätzchenkorb vorbei. Hinterher werden die Bänder wieder eingesammelt, zwar mit „Gelnhäuser Weihnachtsführung“ beschriftet, aber kein Souvenir, sondern ein Giveaway zum Wiederabgeben, wenn man ehrlich ist. Ein brillanter Marketinggag.
Gewimmel, nachts in Gelnhausen
Familienidyll nach der dramatischen Spielszene.
Foto: Karsten Pietsch
Zeitiges Kommen sichert einen der knappen Parkplätze und entsprechend kurzen Weg zum Obermarkt, wo alles anfängt. Dort verkauft der Verein „Lebenshilfe“ heiße Würste und Glühwein am Ende des Platzes, die Stände werden belagert. Viel zu klein für die Ansammlung von über 1.000 Leuten. Blasmusikanten würdigen das rotnäsige Rentier Rudolph und andere Weihnachtspersönlichkeiten, dann betritt die Chefin der Touristeninformation, Monika Hartmann, den Balkon. Sie trägt, sagt sie, ein Gewand aus der russischen Taiga. Sie ruft die Gruppen auf, die Tickets tragen deren Startnummern. Schon setzt sich der Markt in Bewegung, Frauen in Weihnachtsmannmänteln und großer Ziffer in der Hand vorneweg, und ein Gewimmel von Gruppen mit jeweils 60 bis 70 Leuten rotiert nach geheimnisvollem Plan durch die ganze Altstadt, in den nächsten zweieinhalb Stunden werden sich kaum zwei Gruppen wieder begegnen. Aus dem Himmel könnte man es sehen, erklärt ein Insider des Programmablaufs: Wenn es nach Plan geht, beginnen alle Spielszenen gleichzeitig. Und die letzten Bilder sind das Finale: 13 Mal separat, für immer nur eine Gruppe.
Lebendige Gemälde
Jedes Jahr stehen die Führungen unter einem anderen Motto, „Weihnachten in Europa“ hieß es 2009, dieses Jahr „Weihnachten wie gemalt“. Akteure stellten Gemälde neben den Reproduktionen nach, teils stumm, teils in lebendigen Handlungen. Nur zu selten waren die Originale präsent oder erkennbar, Bildvorlagen, Maler oder Anregungen bleiben verborgen. So bleibt dem „Weihnachten wie gemalt“ bis auf Ausnahmen Nachprüfbarkeit und Teilnahme an der Kunst-Reise des Abends leider verborgen.
Im Stadtwappen wird es laut
Djet Moros alias Väterchen Frost und Snegurotschka alias Schneeflöckchen.
Foto: Karsten Pietsch
Wir lernen die Lebkuchenbäckerinnen kennen, und zwei Hübschnerinnen in der Petersiliengasse, erleben im Kerzenschein der Kirche das Entstehen des wohl ältesten Weihnachtsliedes und ersten deutschen mehrstimmigen Gesangs mit. Kaiser Babarossa und seine Gemahlin werden im Stadtwappen lebendig und begraben alten Streit. In der Schnitzerei beschwert sich der Meister, warum das Krippenspiel nicht mehr Figuren habe und wird deshalb zum Erfinder. Eine Familie stellt für ein idyllisches Familienfoto ein Gemälde nach, der Pfarrer hilft, und der, der unbedingt einen Engel spielen will, lässt sich davon auch nicht abhalten... Vor einem mittelalterlichen Altar wird um Bilderstürmerei der Reformationszeit gestritten. Axthiebe können gerade noch verhindert werden, wofür man aber die Krone des Jesuskindes opfert. Jemand hat den schwarzen Tod mit in die Stadt gebracht. Die Kräuterfrau scheint ratlos, bis ein Engel ihr das Angelikakraut reicht.
Man wechselt zwischen Draußen und Drinnen. Nicht alle Teilnehmer ziehen die Mütze vor der evangelischen Kirchentür, nicht alle Männerhäupter sind bedeckt in der ehemaligen Synagoge, die nun im Spiel eine Puppenmacherei beherbergt.
Winter-Romantik
Kräuterfrau und hilfreiche Engel am Hexenturm.
Foto: Karsten Pietsch
An jeder Station gibt es einen Weihnachtsgruß für die Besucher, die danken mit einem herzlichen Applaus und ziehen weiter. Zwischendurch wird gesammelt und gespendet, für den Verein „Lebenshilfe“ und die Reparatur des kürzlich im Kirchturm abgestürzten Geläuts, bei dem vier Glocken zerstört wurden.
3.300 Besucher zählte man dieses Jahr. „Ganz besonders romantisch war“, so beschrieb es die Gelnhäuser Tageszeitung, als am Auftaktabend Schneeflöckchen die Szenerie bereicherten. Klatschnass soll so mancher Darsteller davon geworden sein.
Gedacht als Dankeschön für Anwohner
Hinter dem Spektakel steckt keine Firma oder Agentur, sondern schlicht und einfach die Stadtverwaltung mit ihrer Touristeninformation. Angefangen hat alles 1996, als sich die Gästeführer bei den Anwohnern mit einer Extra-Aktion bedanken wollten. Es ist ja nicht jedermanns Sache, dass spätabends und häufig draußen vor dem Wohnzimmerfenster jemand seine Stimme erhebt, oder Laternen- und Fackelschein das Schlafzimmerfenster erleuchten. Damals hatte die erste und einmalige Weihnachtsführung nur sieben Stationen. Doch solches Gelnhäuser Extra sollte auch für Touristen käuflich sein. Im Jahr darauf stand bereits das Rotationsprinzip für 12 Stationen, aufgeführt an zwei Abenden.
Alljährlich Schauplatz der Weihnachtsführung: Gelnhausen.
Foto: Karsten Pietsch
Ein Festspiel mit 39 Aufführungen
Mittlerweile hat sich ein Fundus an Kostümen, Requisiten, Ideen und Möglichkeiten angesammelt. Das Wichtigste sind immer noch die Darsteller, die jeder 39 Mal in gleicher Aktion glänzen. Jeweils fünf Minuten. Stunden vor und nach dem Start werden Bühnenbilder auf- und abgebaut.
Es gibt Passionsspiele in Oberammergau, Bayreuther Festspiele und Störtebeker auf der Insel Rügen. Sie alle haben ihr Konzept, ihre Aufführungsserien und ihre Nachahmer. Die Gelnhäuser sind ein Unikat.
Am letzten Novemberwochenende 2011 stehen die Führungen unter dem Thema „Lichterweihnacht“. Für drei Abende und ein paar Tausend Leute. Sonst ist die abendliche Gelnhäuser City eine beschauliche Fachwerkstadt wie viele andere auch.
Biodiversivität ist ein sperriges Wort, dem aber aufgrund weiter um sich greifender Umweltzerstörungen auf unserem Planeten immer mehr Bedeutung zukommt. Die Artenvielfalt auf der Erde ist zunehmend bedroht. 60.000 Tier- und Pflanzenarten stehen auf der Roten Liste. Auch der Leipziger Zoo hat sich die Arterhaltung auf die Fahne geschrieben, gibt 165.000 Euro jährlich für Schutzprojekte aus und hat sich mit dem künftigen Deutschen Zentrum für Integrative Biodiversivitätsforschung (iDiv) einen wichtigen Partner an Bord geholt. mehr…
„Wenn jeder hier im Raum begreift, dass Energiesparen nötig ist und beim eigenen Griff zum Lichtschalter beginnt, dann ist es egal, ob es ab heute einen neuen Umweltminister gibt“, machte Schulleiter Thomas Graupner am Dienstag, 22. Mai, im Berufsschulzentrum 7 deutlich, worum es bei der neuen Bildungsinitiative Energie geht. mehr…
Der Vorsitzende der FDP-Fraktion im Leipziger Stadtrat Reik Hesselbarth hat den Beschlussvorschlag von Kulturbürgermeister Faber zur Umsetzung des Finanzierungsanteils für die Freie Szene scharf kritisiert. Denn statt einen Vorschlag zu machen, wie der Stadtratsbeschluss von 2008 bis 2013 erfüllt werden kann, hat Kulturbürgermeister Michael Faber am 16. Mai eine Verschiebung des Termins vorgeschlagen. mehr…
Eigentlich könnten sich die Freunde des Leutzscher Fußballs gedanklich schon in die Sommerpause verabschieden. BSG Chemie Leipzig und SG Leipzig Leutzsch haben beide die Klasse gehalten. Sportlich betrachtet geht es für beide Teams in den letzten Saisonspielen nur noch um die goldene Ananas. Wäre da nicht das grün-weiße Derby am 9. Juni. Die Chemie-Fans nutzen die Gunst der Stunde für eine klare Ansage. mehr…
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Am 27. Mai, um 19 Uhr, lädt der Freundeskreis „Gohliser Schlösschen“ e.V. herzlich zu einer „Pfingstlesung“ in den Festsaal des Hauses ein: „Erleben Sie mit uns die abenteuerlichen Geschicke des Reineke Fuchs, und wie es ihm, mehrfach angeklagt und verurteilt, immer wieder gelingt, mit verblüffender Intelligenz, mit Witz und Verschlagenheit, mit Lug und Trug, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen, um schließlich sogar 'Kanzler des Reichs' zu werden.“ mehr…
Die Drogenpolitik und der Umgang mit Suchtkranken in Leipzig ist und bleibt offenbar ein heißes Eisen, das von dem einen oder anderen Protagonisten mit mehr oder weniger Eifer am Glühen gehalten wird. So schlug ein Interview von Michael Burgkhardt in der LVZ hohe Wellen. Der Chef der Bürgerfraktion im Stadtrat, gleichzeitig Suchtmediziner, ging mit der Stadt und dem Umgang mit der Drogenszene Leipzigs hart ins Gericht. mehr…
Am Dienstag, 22. Mai, wurden im Festsaal des Neuen Rathauses die Leipziger Agenda-Preise 2012 verliehen. In fünf Kategorien wurden Preisgelder in einem Gesamtumfang von 14.000 Euro sowie Sachpreise im Wert von rund 10.000 Euro vergeben. mehr…
Die Lebenshilfe Leipzig organisiert vom 8. bis 10. Juni zum zweiten Mal ein Geschwisterseminar mit der renommierten Sozialwissenschaftlerin Marlies Winkelheide (Bremen/Geschwisterkinder.de) und ihrem Team. Dieses wendet sich an die Eltern und Geschwisterkinder in Familien mit behinderten Kindern und findet in der Jugendherberge in Dahlen bei Leipzig statt. mehr…
Den 29. Mai kann, wer Lust hat, sich über diese seltsame Stadt am sächsischen Westrand ein paar Gedanken zu machen, vormerken im Kalender. Es ist ein Dienstag. Und die Stadt lädt ein in die Kongresshalle, konkret in den Händelsaal. Ab 19 Uhr darf man rein und schon mal die Fühler ausstrecken, 19.30 Uhr beginnt die Auftaktveranstaltung für ein Leipziger Zukunftsprojekt. Motto: Leipzig weiter denken. mehr…
Am 24. Mai um 15 Uhr lädt der Garten Annalinde mit Kaffee und Kuchen herzlich zur Eröffnung seiner Gartensaison ein. Seit Juni 2011 gibt es den mobilen Nutzgarten auf der Freifläche hinter der Bibliothek Plagwitz. Neben Kohl und Kartoffeln in Säcken werden dort Radieschen, Salat und Tomaten zusammen mit einer Vielzahl weiterer, teils alter Kultursorten in mobilen Hochbeeten angebaut. mehr…
Das nächste Monatlich Gespräch über Wissenschaft findet am Mittwoch, 23. Mai, um 19:30 Uhr im Haus des Buches (Gerichtsweg 23) statt. Moderiert wird es von Bettina Kremberg und Ulrich Johannes Schneider. Im Mittelpunkt steht Martin Seel, der über "111 Tugenden. 111 Laster" spricht. mehr…
Die Königin der Instrumente, die Orgel, ist zu Pfingsten in der Kirche Zuckelhausen, Zuckelhausener Ring, zu entdecken und zu hören. Am Sonnabend, dem 26. Mai 2012, erläutert Orgelbauer Stefan Pilz bei einer Orgelführung um 10 Uhr die Funktionsweise der Johann-Gottlob-Mende-Orgel (1822). mehr…
Mitteldeutschland befindet sich mitten in der Luther-Dekade. 2012 ist das Jahr der Musik. 2017 jährt sich Luthers Thesenanschlag zum 500. Mal. Und die Evangelische Verlagsanstalt hat ein Heft-Projekt gestartet, das im Mai 2011 mit Nürnberg startete und den Verlag auf Jahre beschäftigen wird: Orte der Reformation. Das wichtigste Heft liegt jetzt mit "Wittenberg" vor. mehr…
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