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Das Erdbeben in Japan: Ein Leipziger erlebt die Erdstöße in Tokyo

Redaktion
Christoph Leuze.
Christoph Leuze.
Foto: privat
Christoph Leuze, Sohn des Fraktionsvorsitzenden der Leipziger Grünen, zur Zeit mit seiner japanischen Ehefrau in Tokio und Inage (Bezirk Chiba) in Japan. Dort hat er am Freitagnachmittag (Freitagmorgen deutscher Zeit) das stärkste Erdbeben in Japan seit 140 Jahren miterlebt.

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Er ist 30 Jahre alt und Doktorand in der Abteilung Neurophysik des Max-Planck-Institutes für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig.

Das Schlafzimmer nach dem Beben: Was nicht festgezurrt war, lag unten.
Das Schlafzimmer nach dem Beben: Was nicht festgezurrt war, lag unten.
Foto: Christop Leuze

Freitag, 11. März 2011:

Christoph Leuze

Meine Frau und ich waren gerade im einem Buchladen namens „Book Off“ auf der Suche nach alten Büchern, als die Regale anfingen, leicht zu wackeln. Das Schwanken wurde immer stärker und von einem leichten Rumpeln begleitet, worauf wir uns Richtung Ausgang bewegten, um das Gebäude schnell verlassen zu können. Am Ausgang angekommen, war das Beben schon recht stark und sämtliche Kunden und Angestellten drängten nach draußen. Direkt vor dem Laden war eine Wasserleitung gebrochen, so dass jede Menge Wasser direkt vor dem Eingang auf den Boden spritzte und es war stark bewölkt, so dass ich mir für einen kurzen Moment nicht sicher war, ob das nun ein Beben oder doch nur ein starkes Gewittergrollen war.

Wir sammelten uns gemeinsam mit allen Kunden und Angestellten auf dem Kundenparkplatz, als die Erde so stark anfing zu beben, dass man Probleme bekam, sich überhaupt auf den Beinen zu halten. Es fühlte sich an wie auf einem schwankenden Schiff. Eine ältere Frau fing an, erschreckt zu schreien und setzte sich auf den Boden. Die Gebäude, sämtliche Masten, die Autos, alles fing an stark zu schwanken. Auch der Verkehr kam jetzt zum Stehen, nachdem wohl auch die fahrenden Autos das Beben spürten. Das starke Schwanken hielt über mehrere Minuten an, wurde aber nach etwa ein oder zwei Minuten schwächer. Da wir unser Handy vergessen hatten, wollte meine Frau so schnell wie möglich nach Hause fahren, um zu sehen, ob mit ihrer Mutter in dem etwas älteren Haus und mit den Haustieren alles in Ordnung sei.

Auf dem Heimweg kamen wir an einer Schule vorbei, wo alle Schüler, wie während des Erdbebendrills gelernt, in Gruppen aufgeteilt auf dem Schulhof versammelt waren.

Im Radio liefen Meldungen mit Tsunamiwarnungen und Berichten über die Stärke des Bebens.

Zuhause angekommen, kam uns gleich die Mutter meiner Frau entgegen und beruhigte uns, dass es keine schlimmeren Schäden gegeben hatte. Im Haus war nur ein wenig Geschirr zu Bruch gegangen, ein paar Spiegel und Vasen waren umgefallen und der Monitor im Zimmer des Bruders war heruntergefallen.

Da es aber immer wieder Nachbeben gab, stellten wir noch schnell ein paar Pflanzen von einem Regal auf den Boden, als schon das nächste starke Beben anrollte. Wir packten unsere Jacken, die Mutter nahm den Hund an die Leine, und wir gingen nach draußen, wo sich auch schon mehrere Nachbarn versammelten. Wieder schwankten die Häuser und die Strommasten und die meisten Anwesenden waren sich einig, dass sie noch nie so ein starkes Beben erlebt hatten.

Insgesamt waren die Leute aber recht entspannt und in keinerlei Panik. Es galt als gutes Zeichen, dass sich das Beben langsam aufbaute und seitlich schwankte und nicht als ein starker Ruck von unten nach oben kam, was für die Gebäude wesentlich gefährlicher war.

Eine Lautsprecherdurchsage forderte alle dazu auf, ruhig zu bleiben und sich auf weitere Beben vorzubereiten.

Chaos im Schlafzimmer nach den mächtigen Erdstößen.
Chaos im Schlafzimmer nach den mächtigen Erdstößen.
Foto: Christoph Leuze
Das Handynetz war zwar überlastet, aber per E-Mail und mehrmaligen Anrufsversuchen war nach kurzer Zeit sichergestellt, dass es der ganzen Familie Sugeno gut ging.

Nachdem das Beben vorüber war, gingen wir wieder ins Haus. Der Fernseher lief die ganze Zeit mit den aktuellen Erdbebenmeldungen auf allen Kanälen.

Wir packten unsere Notfallausrüstung, bestehend aus Pass, Geld, Taschenlampen und dem Handy und legten sie griffbereit in unsere Nähe. Erste Berichte von Tsunamis in Iwate und Miyagi zeigten Autos und ganze Häuser, die von den Wellen weggetrieben wurden. Autos waren zu sehen, die in Panik vor dem ankommenden Wasser zu fliehen versuchten, dann aber oft von den Wellen eingeholt wurden und in ihnen verschwanden.

Während wir am Fernseher die Nachrichten verfolgten, bebte die Erde immer wieder. Wenn die Beben stärker wurden und wir schon das Haus verlassen wollten, waren sie aber meist schon vorüber, wenn wir an der Tür waren.

Hin und wieder erschien ein rotes Kreuz auf dem Bildschirm mit einem Alarmton, ein Hinweis darauf, dass ein neues starkes Beben bevorstand, so dass wir uns darauf vorbereiteten, das Haus zu verlassen. Nachdem aber draußen keine weiteren Nachbarn versammelt waren und auch die Beben weniger stark wurden als befürchtet, kehrten wir immer nach kurzer Zeit wieder ins Haus zurück.

Im Fernsehen kamen Berichte von Stromausfällen und dem Notabschalten von mehreren Kraftwerken in einigen Gegenden nordöstlich von Tokyo.

Es gab auch eine Lautsprecherdurchsage, die dazu aufrief, wenig Strom zu benutzen, da es zu Engpässen kommen könne.

Inzwischen kamen auch Nachrichten, dass alle Züge ihren Dienst einstellten, dass von Narita keine Flüge mehr abgingen und der Verkehr im Zentrum von Tokyo zum Stillstand gekommen war. Der älteste Bruder meiner Frau, der auf dem Weg von Osaka nach Tokyo war, entschied sich zur Rückkehr, ein Ankommen am gleichen Tag war vermutlich auch unmöglich geworden. Der Vater, der das Erdbeben im schwankenden 6. Stock des Asahi Gebäudes in Tokyo mitbekommen hatte, entschied sich, in der Firma zu übernachten. Nur den mittleren Bruder konnte die Mutter mit dem Auto abholen, da er nicht allzu weit von zu Hause entfernt arbeitete.

Inzwischen ist es 12 Uhr nachts, es schwankt immer wieder mal, aber nicht stark genug, als dass wir dafür das Haus verlassen würden, und wir sitzen vor dem Fernseher und verfolgen das Geschehen in Japan.

Das unter Japanern sonst übliche abendliche Bad wurde für heute Abend aufgrund plötzlicher Erdbebengefahr gestrichen.

Außerdem werden wir heute Nacht vorsichtshalber in voller Kleidung schlafen, um im Notfall schneller das Haus verlassen zu können.

Viele Grüße noch nach Deutschland.

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