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Nach dem Erdbeben in Japan: Das Leben in Tokyo - eine Woche danach

Christoph Leuze
Die Passagiere in der Tokyoter U-Bahn schlafen oder lesen wie immer.
Die Passagiere in der Tokyoter U-Bahn schlafen oder lesen wie immer.
Foto: Christoph Leuze
Seit gestern bin ich wieder bei Familie Sugeno, der Familie meiner japanischen Frau in Masuo, einer kleinen Stadt in der Chibapräfektur zwischen Tokyo und Fukushima. Seit Sonntag waren wir in Osaka und Kyoto, zweieinhalb Zugstunden westlich von Toyko. Das einzige was dort auf die Katastrophe im Nordosten Japans hinwies, war, dass auch hier Gaskocher, Radios, Batterien und Taschenlampen in vielen Geschäften ausverkauft waren.

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Auch waren mehr Ausländer in der Gegend als sonst, in einem unserer Hotels beispielsweise sammelte sich eine Gruppe pakistanischer Austauschstudenten, die für viele in Japan lebende Pakistaner die Ausreise organisierte. Ansonsten war das Leben aber völlig normal, die Menschen standen in Schlangen vor einem stadtbekannten Käsekuchenladen, nicht an der Tankstelle oder vor den Konservenregalen.

Meine Frau und ich mussten allerdings wieder nach Chiba zurück, erstens weil wir für die Familie einige der oben genannten wichtigen Dinge mitbringen mussten, und zweitens, weil unser Rückflug in ein paar Tagen von Tokyo/Narita aus gehen wird.

Als Reaktion auf die vielen besorgten Anrufe aus Deutschland und die Beileidsbekundungen ob unserer Lage in Japan fasste meine Frau unsere Situation als Bewohner von Chiba folgendermaßen zusammen: „Wir und die Bewohner von Tokyo sind keine Opfer dieser Katastrophe. Wir haben praktisch alles, was wir brauchen und nur ein bisschen Angst. Die Leute im Nordosten Japans, in den vom Tsunami getroffenen Gebieten sind die Opfer. Sie haben praktisch nichts, dafür aber noch viel mehr Angst.“

Im Süßwarenhandel ist von einem Mangel noch nichts zu spüren.
Im Süßwarenhandel ist von einem Mangel noch nichts zu spüren.
Foto: Christoph Leuze
Entgegen meiner Erwartung, dass wir wohl fast die Einzigen sein werden, die zu dieser Zeit in Richtung Tokyo fahren wollten, war der Shinkansen Schnellzug recht voll. Der Service war auch wie gewohnt, in regelmäßigen Abständen kam eine junge Dame vorbei und bot Getränke, Snacks oder Souvenirs zu Verkauf an.

In Tokyo angekommen, wimmelte der Bahnhof vor Menschen. Alle Läden waren offen und unsere Wegzehrung, ein Tiramisu, bekamen wir in der Konditorei immer noch liebevoll eingepackt. Einzig die Beleuchtung der Einkaufsmeile war an diesem Tag aus Stromspargründen etwas gedimmt.

Es ging weiter mit dem Zug nach Chiba, die Leute im Zug schliefen, lasen Mangas, das sind japanische Comics, oder spielten auf ihren Handys.

In Funabashi, einem Bahnhof in Chiba, an dem wir umsteigen mussten, bekamen wir erstmals Einschränkungen durch die Stromknappheit zu spüren. Die Rolltreppen liefen alle nicht mehr, wir mussten also unser durch Gaskartuschen und Batterien recht schweres Gepäck auf allen Treppen tragen. Außerdem verkehrte unser Zug nur noch alle halbe Stunde statt alle zehn Minuten und die heutige Endhaltestelle war leider ein paar Stationen vor unseren Zielbahnhof vorverlegt.

Wegen Strommangel sind die Rollentreppen außer Betrieb.
Wegen Strommangel sind die Rollentreppen außer Betrieb.
Foto: Christoph Leuze
Auf dem Bahnsteig warteten schon viele Passagiere in geordneten Zweierreihen auf den Zug und auch als der Zug ankam gab es keinerlei Drängelei beim Einsteigen.

An der Endhaltestelle angekommen, holte uns der Vater mit dem Auto ab, da es von dort noch sehr weit zu laufen gewesen wäre.

Diese Fahrt war insofern eine Ausnahme, da Tanken zurzeit kaum mehr möglich ist. Am Vortag wartete der Vater in einer etwa zwei Kilometer langen Schlange vor einer noch geschlossenen Tankstelle bis schließlich die Meldung kam, dass es an diesem Tag keine Lieferung mehr geben wird. Geduldiges Warten ist er allerdings zur Zeit schon gewohnt, denn am Morgen während der Rushhour musste er in einer langen Schlange über eineinhalb Stunden vor dem Bahnhof warten, da es aufgrund der geringeren Anzahl von Zügen innerhalb des Bahnhofs schon überfüllt war. Dazu kam dann noch die über einstündige Fahrt zur Arbeit im Zentrum von Tokyo, zu der aber trotz aller Beben, Nachbeben und ständigen Explosionen im Kraftwerk Fukushima die meisten seiner Kollegen erschienen.

Die Passagiere warten in geordneten Zweierreihen auf den Zug.
Die Passagiere warten in geordneten Zweierreihen auf den Zug.
Foto: Christoph Leuze
Von Stromausfällen sind wir bisher noch nicht betroffen. Es gibt zwar ein bestimmtes Zeitfenster am Tag, in dem unser Gebiet von Stromausfällen betroffen werden kann, aber da das allgemeine Stromsparprogramm bisher anscheinend recht erfolgreich verläuft, musste während dieses Zeitfensters der Strom bei uns noch nicht abgeschaltet werden. Auch das Gas, das während des starken Bebens automatisch abgeschaltet wurde, läuft wieder zuverlässig, so dass unsere mitgebrachten Gaskartuschenkocher noch nicht zum Einsatz kommen mussten.

Am Abend wurde ich von den Eltern auf die deutschen Zeitungen angesprochen. Man kann hier in der japanischen Presse inzwischen auch lesen, was in Deutschland über Japan geschrieben wird. Artikel darüber „Wie Tokyo dem Untergang geweiht ist“ oder wie behauptet wird, alle Japaner seien nur deshalb so ruhig, weil die Regierung Falschinformationen verbreitet, sorgten hier doch sehr für Verwunderung.

Das Fernsehprogramm zeigte Nachrichten über die Lage im Nordosten Japans und die Arbeiten am AKW. Da in einigen Gebieten dort bisher noch keine Lieferungen ankamen und dort auch kein Gas und Treibstoff mehr zur Verfügung steht, wurden im Fernsehen schon Programme gezeigt, die erklärten wie man aus Bierdosen, Aluminiumfolie, Taschentüchern und Salatöl einen kleinen Kocher bauen kann oder wie man Einkaufstüten zusammen mit Handtüchern zu Windeln umfunktionieren kann. Außerdem werden Verhaltensanweisungen an die Bewohner in der 30 km Zone um das Kraftwerk Fukushima gesendet, in denen mitgeteilt wird, das Haus möglichst wenig zu verlassen, die Klimaanlagen auszulassen und beim Aufenthalt im Freien ein feuchtes Tuch vor das Gesicht zu halten.

Vor der Tankstelle stauen sich die Autos mehrere Kilometer.
Vor der Tankstelle stauen sich die Autos mehrere Kilometer.
Foto: Christoph Leuze
Die Gedanken und Sorgen der Leute aus Tokyo und Chiba gelten mehrheitlich den Opfern der Tsunamis im Nordosten Japans, nicht sich selbst, da sie bisher lediglich ein paar Unbequemlichkeiten durch Stromausfälle und ein diffuses Angstgefühl vor den möglichen Auswirkungen des Reaktorunfalles verkraften mussten.

Heute war ich nochmal am „National Institut of Radiological Sciences“, meinem Gastforschungsinstitut in Japan, einem Institut das unter anderem auf die Forschung und Behandlung von Strahlenkrankheit spezialisiert ist.

Einige meiner Kollegen waren inzwischen zu Verwandten im Osten und Süden Japans gefahren, die meisten ausländischen Kollegen hatten Japan schon verlassen aber ein großer Teil der Forscher war noch anwesend. Ein befreundeter Arzt erzählte mir, dass sie zur Zeit viel zu tun hätten, da Bewohner aus Fukushima in diesem Institut präventiv auf mögliche Strahlenschäden untersucht würden. Seit früh am morgen wurden schon etliche Menschen, darunter auch Arbeiter am Atomkraftwerk, aus dieser Gegend auf Strahlung untersucht, es wurden auch meist leicht erhöhte Werte bezüglich des Normalwertes gemessen. Ingesamt aber waren selbst die höchsten gemessenen Werte weniger als ein Hundertstel dessen, was von den Ärzten als gesundheitsgefährdend eingestuft wurde.

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Inzwischen ist es Freitagabend, Nachbeben gibt es immer noch, aber keine besonders starken, und der Wind weht die nächsten Tage stabil in Richtung Ost/Nordost, so dass wir uns hier in Chiba und Tokyo um das AKW bis zu unserem Rückflug am Wochenende erstmal keine allzu großen Sorgen machen müssen. Vermutlich werden wir auch erst in Deutschland richtig anfangen, uns um Familie Sugeno Sorgen zu machen, so wie sich viele unserer Bekannten um uns gesorgt haben, da erst der Blick aus der Distanz und das Unwissen um die aktuelle Situation vor Ort Anlass dazu geben, sich die Dinge viel schlimmer auszumalen als sie wirklich sind.

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